: Helme Heine
: Das Muttermal Roman
: btb Verlag
: 9783641023423
: 1
: CHF 3.60
:
: Spannung
: German
: 256
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Südafrika, Anfang der 70er Jahre: Nachdem der 13jährige Oliver mit ansehen musste, wie der Vater die Mutter mit einem Dienstmädchen betrügt, stiftet er deren Freund an, den Vater umzubringen. Der Mann wird verurteilt und hingerichtet, von Olivers Mitschuld ahnt niemand etwas. Zwanzig Jahre später, Oliver ist erfolgreicher Gynäkologe, verliebt er sich unsterblich in eine Frau. Als er aber auf ihrer Haut dasselbe Muttermal entdeckt, dass er schon einmal vor zwanzig Jahren vom Türspalt aus gesehen hat, schlägt seine Liebe in brutalen Hass um…

Er gehört zu den ganz Großen: Helme Heine, der berühmte Autor und Illustrator, dessen Kinderbücher Klassiker sind und auf der ganzen Welt begeisterte Leser finden. Aber er schreibt auch für Erwachsene, zeichnet Cartoons und gestaltet Zeichentrickfilme, Skulpturen und Möbel. Helme Heine wurde 1941 in Berlin geboren. Er studierte Wirtschaftswissenschaften und Kunst. Anschließend ging er auf Reisen durch Europa und Asien. Lange Jahre lebte er in Südafrika, begründete dort u.a. ein Kabarett, brachte eine satirische Zeitschrift heraus und spielte Theater. Für seine Arbeiten erhielt Helme Heine zahlreiche Auszeichnungen und Preise.
Anna war lange vor Oliver aufgestanden und hatte sich herausgeputzt. Sie wollte schön sein, um ihn günstig zu stimmen für die Neuigkeit, die sie ihm mitzuteilen hatte. Sie wollte selbstsicher und überzeugend wirken und sich unter keinen Umständen von ihm bereden lassen.
Sie streifte den feuerroten seidenen Kimono mit der goldenen Drachenstickerei über, den Oliver ihr vor sechs Jahren in Hongkong auf der Hochzeitsreise gekauft hatte. Einen Hauch Parfüm hinter die Ohrläppchen: »Mit diesem betörenden neuen Duft stimmen Sie Ihren Partner ein«, hatte die Werbung in der Frauenzeitschrift versprochen. Aber der erste Versuch gestern nacht war fehlgeschlagen. Oliver schien nichts bemerkt zu haben. Entweder war es der falsche Duft, oder die Müdigkeit hatte gesiegt. »Deine Praxis frißt unsere Ehe auf«, hatte sie sich wie schon so oft beklagt.
»Es ist der Streß«, verteidigte er sich, »der Streß macht mich noch impotent.«
In solchen Augenblicken tat er ihr leid. Sie drückte ihn an sich, wie man ein Kind liebkost, strich ihm übers Haar und tröstete: »Ich finde es auch so schön, Oliver.«
Sie konnte sich kaum mehr an den Zeitpunkt erinnern, wann die körperliche Entfremdung begonnen hatte. Der Wunsch nach einem Baby wurde immer seltener erwähnt. Anna litt still.
Sie stürzte sich mit Eifer auf Haus und Garten und erntete damit Olivers uneingeschränktes Lob. Sie baute biologisches Gemüse an, engagierte sich ehrenamtlich für den Umweltschutz und machte sich stark für die Rettung der Wale. Als sich nach Jahren immer noch kein Nachwuchs einstellte, ließ sie kommentarlos die Wiege auf dem Dachboden verschwinden und kaufte sich einen Computer. Oliver, fand sie, hatte sich hinter den tausend Frauen verbarrikadiert, die er gynäkologisch betreute. Oder sollte sie besser sagen: ihren Schößen? Den Unterleib kannte er, aber der übrige Teil der Frauen war und blieb für ihn offenbar ein Rätsel. Anna konnte ihn nur selten mit ihrem Optimismus und ihrer Lebenslust anstecken, und trotzdem mochte sie sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Er war treu, höflich, ermöglichte ihr ein komfortables Leben. Sie konnte sich auf ihn verlassen.
Während sie eine Handvoll Hafergrütze in das kochende Salzwasser schüttete, summte sie den alten Beatles-Song mit, der aus dem Küchenradio schmuste. Yesterday all my troubles seemed so far away... Langsam und g