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Das war ein bißchen zu rasant. Anna Winter rutschte das Steuer aus der Hand. Ihr roter Golf schoß auf die Reihe geparkter Autos zu. Sie bekam das Lenkrad gerade noch zu fassen. Riß nach rechts. Jetzt links herum. Die Reifen jaulten auf. Geschafft. Nun ging es geradeaus.
Werner Mackentaler schloß eben seinen Wagen ab, als sie an ihm vorbeibrauste. Ein Fossil von Citroën. Himmelblau. So wie sein Anzug und die Gläser seiner Brille. Anna grinste beim Gedanken, daß der Vertriebsleiter mit seinem Auto so symbiotisch war wie andere mit ihrem Hund. Verwaltung und Führungskräfte des SB-Verlags traten ihren Dienst gewöhnlich früher an. Mackentaler hatte wohl verschlafen. Er hielt sich die Ohren zu und blickte sie vorwurfsvoll an. Da er dabei den Mund zu einem schiefen Grinsen verzog, vermutete sie, daß er scherzte. Allerdings wußte man bei ihm nie, woran man war.
Sie rief ihm ein»Tschuldigung, kann man nix machen« durchs heruntergekurbelte Fenster zu. Auf dem hellgrauen Turnhallenbelag der Tiefgarage quietschten die Reifen auch, wenn man Schrittempo fuhr. Nun ja, vielleicht nicht ganz so laut. Mackentaler erwiderte etwas, das wie »Frauen« klang. Sie verstand es nicht genau. Das Radio war zu laut aufgedreht. Amy Grant sang»Baby, Baby«. Anna sang und wippte mit. Weiter ins zweite Untergeschoß.
Nur zwei Autos standen da. Arbeitsbeginn in den Zeitschriften des Hauses war um zehn. Die meisten Kollegen kamen auf den letzten Drücker. Anna war immer früher da. Freilich nie so früh wie heute. Das Lampenfieber hatte sie um sechs Uhr aufgeweckt. Ihre Hände und die Achseln waren feucht. Hoffentlich entstanden keine Flecken auf der Seidenbluse. Sonst mußte sie das Jackett bis abends anbehalten. Ihr schwarzer Anzug machte wirklich etwas her. Und die jadegrüne Bluse, Spontangeschenk von Willhelm, paßte wunderbar zu ihren grünen Augen und dem rötlich blonden, langen Haar. Als sie heute Morgen aus der Wohnung gegangen war, hatte er sie mit stolzem Lächeln angesehen und gesagt: »Super siehst du aus! Viel Glück! Du machst das schon.«
Wie gut, daß sie Willhelm hatte. Er bestärkte sie, baute sie auf. Ein Ausnahmemann, der es begrüßte, wenn seine Partnerin Karriere machte. Er liebte sie nicht obwohl, sondern weil sie selbstbewußt war. Was wohl Mutter sagen würde, wenn sie Anna so sehen könnte? Nein, nicht daran denken jetzt. Da kamen nur Gefühle hoch, die sie nicht mehr haben wollte. Sie ließ sich die Hochsti