Erstes Kapitel
Schweden: Leben von Sommer zu Sommer
Konzert in Wollhosen – Sommerland in Hospitantenhand -
Bitte kein Gedränge – Deutsch-schwedische
Missverständnisse – Transparenz total – Die Hassliebe
zum Schnaps – Open Party – Fähren mit Anhänger -
Kleine Fluchten – Menschen sind keine Rentiere -
Die Kunst, auf dem Eis zu überleben – Das Gesetz von
Jante – Eine unerwiderte Liebe – nordische Familie
Konzert in Wollhosen
Der Mai beginnt damit, dass überall in Schweden tapfere Menschen singend den Winter verabschieden. Sie stehen in wollenen Unterhosen um große Scheiterhaufen und trällern aufmunternde Lieder, in denen von der Macht des Sommers die Rede ist. In diesen Liedern lacht die Maisonne. Sie sollen darüber hinweghelfen, dass es tatsächlich nur sieben Grad warm ist. Jahr um Jahr lauschen die Schweden den schönen Liedern und treten dabei von einem Bein auf das andere, um die Blutzirkulation in Gang zu halten.
Es ist der Abend vor dem ersten Mai, die Walpurgisnacht ist nah. Auch der Motettenchor unserer Insel hat heute seinen festen Auftritt unter freiem Himmel, diesmal mit einer neuen Sängerin, die fröstelnd rechts am Rand bei den dunkleren Stimmen steht. Jutta verstärkt den Alt und freut sich, einen angemessenen Platz für ihre schöne Stimme gefunden zu haben. Ein bisschen Neid ist bei ihr auch dabei, auf die Schweden und die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Bräuche pflegen. Das halbe Land singt, und die andere Hälfte hört zu. Schweden ist das Land der Chöre und der ungebrochenen Sangestradition, wie das Wetter auch sein mag.
Hinter uns stürmt die Ostsee, vor uns singt der Chor gegen die Kälte an, und seitlich wartet ein Holzhaufen von zwanzig Meter Durchmesser darauf, in Brand gesteckt zu werden. Die Festrednerin im Wollmantel und in dicken Strümpfen beschwört den nahenden Sommer und erinnert sich an ihre eigene Jugend, als sie an Walpurgis ausgelassen feiern wollte und sich schrecklich darüber ärgerte, dass die Mutter sie in wollenen Unterhosen auf das Fest schickte.
Kleine Jungs stehen am Strand und schnipsen Steine ins Wasser. Das Ufer liegt voll Treibholz. Der Winter war lang, wie gut, dass er vorbei ist.
Das letzte Lied ist verklungen. Mit brennenden Stöcken nähern sich ein paar Auserwählte dem Scheiterhaufen, und dreihundert Menschen raunen gleichzeitig »Oooh«, als die ersten Flammen züngeln.
Sommerland in Hospitantenhand
Nach Walpurgis dauert es noch sieben Wochen, bis der richtige schwedische Sommer beginnt. Den merkt man daran, dass alle weg sind. Verschwunden, untergetaucht, niemand ist zu sprechen. Bei der Schulabschlussfeier Mitte Juni verabschieden sich die Familien mit den Worten »bis nach dem Sommer«. Das kann man durchaus wörtlich nehmen.
Weil es Jahr für Jahr nur einen Sommer gibt, machen während dieser Zeit alle Ferien. Wenn man behauptet, »alle« seien im Urlaub, so stimmt das nicht ganz. Es trifft aber immerhin auf achtundachtzig Prozent der Beschäftigten zu. Schweden ist zweifellos eines der Länder, die den Sommer erfunden haben – un