: Martin S. Harbsmeier, Josefine Kitzbichler, Katja Lubitz, Nina Mindt
: Übersetzung antiker Literatur Funktionen und Konzeptionen im 19. und 20. Jahrhundert
: Walter de Gruyter GmbH& Co.KG
: 9783110210699
: Transformationen der AntikeISSN
: 1
: CHF 159.70
:
: Altertum
: German
: 224
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF

Translation presents a multi-layered process which transforms both the language and culture of the translator and the perception of the language and culture of what is translated. The discussion about the extent to which the individual form and culturally alien content of literary texts allows them to be translated took on a new quality in Germany around 1800 - particularly in connection with ancient literature; many of the questions raised at that time still influence the discourse of translation theory today. The volume presents a collection of papers examining translation as exemplars of hermeneutic problems, of mediation, of the search for equivalent form and of creative processes.

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Martin Harbsmeier,J sefine Kitzbichler, atja Lubitzund Nina Mindt, Humboldt-Universität zu Berlin.

Annäherungen an Wielands Lukian: Zum wirkungs- und rezeptionsästhetischen Umgang mit Übersetzungen aus der Weimarer Klassik (S. 81-82)

Manuel Baumbach (Zürich)

1. Übersetzungen zwischen Rezeptions- und Wirkungsästhetik

Das Bedeutungspotential literarischer Texte erschließt sich – führt man die beiden unterschiedlichen Standpunkte der Konstanzer Schule einmal zusammen – sowohl über den ‚Akt des Lesens‘ (Iser), d. h. über das aktualisierende Aufgreifen von textimmanenten Appellstrukturen durch den impliziten Leser, als auch über die rezeptionsästhetische Betrachtung von Texten (Jauss), d. h. in den Lektüren ihrer historischen Leser mit deren individuellen Bildungs-, Erfahrungs- und Erwartungshorizonten.

Jede Lektüre eröffnet – ob wirkungs- oder rezeptionsästhetisch betrachtet – neue, potentiell andere Bedeutungshorizonte, und die Rezeptionsgeschichte von Texten legt Stück für Stück, jedoch nicht notwendigerweise teleologisch deren Sinnpotential frei. Was für literarische Texte gilt, lässt sich jedoch nur bedingt auf deren Übersetzungen übertragen, die sich – ganz im Sinne einer lukianischen Gattungshybride – wie Hippokentauren teils vermittelnd, teils polarisierend zwischen einer Reihe von binären Oppositionen wie Zielsprache/Ursprungssprache, imitatio/ aemulatio, Fremdheit/Vertrautheit, Eigenständigkeit/Verweishaftigkeit, Vergangenheit/ Gegenwart hin- und herbewegen und sich aus zwei Gründen gegenüber einer Befragung nach ihrem Sinnpotential auf der Basis der Konstanzer Schule als widerspenstig erweisen:

Jauss’ rezeptionsästhetischer Ansatz basiert auf dem Versuch, die verschiedenen historischen Komponenten der Sinnstiftung zu analysieren, d. h. einen Text in seiner synchronen und diachronen Rezeption zu betrachten. Damit rückt der historische oder tatsächliche Leser in den Blick, der aufgrund verschiedener Rezeptionsbedingungen und unterschiedlicher Erfahrungshorizonte Texten ‚Sinn‘ verleiht und diesen in seinen wissenschaftlichen oder kreativen Rezeptionszeugnissen dokumentiert. Entsprechend fordert Jauss eine Literaturgeschichte des Lesers, die das Bedeutungspotential eines Textes über seine historisch fassbaren Konkretisierungen bestimmt.

Und genau darin liegt mit Blick auf Übersetzungen eine Schwierigkeit: Zu Übersetzungen fehlen häufig aussagekräftige Rezeptionszeugnisse, da Übersetzungen zwar viel benutzt, aber wenig besprochen werden.3 Vielmehr verschweigen gerade Rezipienten, die fremdsprachige Literatur in Übersetzungen lesen, gern und unabhängig von ihrem Bildungsgrad deren Benutzung – sei es aus falsch verstandener Eitelkeit, sei es aufgrund der Annahme, dass eine Übersetzung im Dienste des ‚Originals‘ , steht und dieses wohl auch richtig abbilden wird. Allfällige, aus diesen Lektüren entstandene Rezeptionszeugnisse evozieren daher einen verstellten Blick sowohl auf der Produzentenseite, wenn bewusst oder unbewusst Übersetzungen mit Originallektüren gleichgesetzt werden,5 als auch besonders auf der Rezipientenseite, wenn – häufig in Ermangelung gesicherter produktionsästhetischer Kenntnisse – auf Übersetzungen basierende Rezeptionszeugnisse fälschlich auf das hinter ihnen stehende Original anstatt auf dessen Vermittlung zurückgeführt werden.

Beispiele für diese Form von referentiellen misreadings begegnen zahlreich seit der Antike, man denke nur an das bekannte Grabepigramm auf die bei den Thermopylen gefallenen dreihundert Spartaner, das Cicero seinen Lesern in lateinischer Übersetzung und mit einer von der griechischen Vorlage abweichenden politischen Nuancierung gibt, und das – über Cicero vermittelt und nochmals umgedeutet – in Friedrich Schillers Übersetzung zum geflügelten Wort werden konnte: Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.

Zu oft wird vergessen oder verdrängt, dass es sich bei dieser Äußerung nicht um den Wortlaut des antiken Originals, sondern um eine Übersetzung handelt, die im deutschen Sprachraum zwar ihrerseits den Status eines Originals erlangen konnte, aber als solches nicht unreflektiert auf die Antike bzw. deren Verständnis rückbezogen werden darf, um den Blick nicht durch das zuweilen stark abweichende Sinnpotential, das Übersetzungen transportieren, zu verstellen.
Inhalt7
Einleitung9
Virtuose in der historischen Form. Philologie und Übersetzung bei Friedrich Schlegel25
„…daß ich nämlich sterben will, wenn der Platon vollendet ist“. Schleiermachers Übersetzung des Platon37
„Im Anfang war das Wort“. Ein Übersetzungsproblem und seine hermeneutischen Grundlagen57
Für wen übersetzen? Beobachtungen in Übersetzungsvorreden69
Annäherungen an Wielands Lukian: Zum wirkungs- und rezeptionsästhetischen Umgang mit Übersetzungen aus der Weimarer Klassik89
Der Übersetzungsbetrieb des 18. und 19. Jahrhunderts aus soziologischer Sicht111
Historismus und Epigonalität. Das Übersetzungskonzept Ulrich von Wilamowitz-Moellendorffs127
Shakespeare als deutscher Klassiker – die deutschen Übersetzungen von Shakespeares Sonetten zwischen institutioneller Monumentalisierung, nationaler Identitätsfindung und privatem Lesevergnügen143
„In heiligen Tümern“ – Rudolf Borchardt als Übersetzer antiker Texte und sein Programm ‚schöpferischer Restauration‘ am Beispiel der Altionischen Götterlieder (1924)163
Geschmack, Einfühlung, Inspiration: Nicht-objektivierbare Größen in Übersetzungsreflexionen179
Hölderlins Pindar-Übersetzung.Voraussetzungen und Konsequenzen197
Autorenverzeichnis215
Personenregister217
Sachregister221