Psychologie des Schwangerschaftsabbruchs in Indien
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Claudia E. Schmitz
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Psychologie des Schwangerschaftsabbruchs in Indien
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Diplomica Verlag GmbH
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9783836611930
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1
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CHF 29.40
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Geisteswissenschaften, Kunst, Musik
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German
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146
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kein Kopierschutz/DRM
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PC/MAC/eReader/Tablet
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PDF
Der Schwangerschaftsabbruch stellt die älteste und universalste Form der Verhütung unerwünschter Geburten dar. Er kann als Vorfahre der inzwischen zahlreichen Techniken und Methoden der Reproduktionsmedizin angesehen werden. In den vergangenen Jahren hat die Abtreibung zahlreiche kontroverse Diskussionen ausgelöst. Gleichzeitig wurde sich seitens verschiedener Interessensgruppen dieses Themas bemächtigt, um religiösen Überzeugungen und ethische Grundeinstellungen zu verbreiten.
Die Psychologie des Schwangerschaftsabbruchs ist eng mit religiösen Überzeugungen und ethischen Grundeinstellungen verknüpft, sodass die Betrachtung dieses Themas vor einem spezifischen kulturellen Hintergrund besonders angebracht ist. Vor allem die selektive Abtreibung weiblicher Feten fällt ins Auge und verlangt nach eingehender Auseinandersetzung unter psychologischer Perspektive.
Die vorliegende Studie konzentriert sich auf den indischen Kulturraum. Der aktuelle Forschungsstand aus den Jahren von 1980 bis 2006 wurde mit dem Ziel einer Darstellung und kritischer Würdigung betrachtet. Dabei soll deutlich werden, welche Beachtung der Schwangerschaftsabbruch in Indien erhält und in welchen Zusammenhängen Schwangerschaftsabbrüche in Indien erlebt und behandelt werden. Bestehende Tendenzen und mögliche Lücken im bisherigen Forschungsgeschehen werden für zukünftige Untersuchungen auf diesem Gebiet aufgezeigt.
Kapitel 9.1, Einstellungen zu Schwangerschaftsabbrüchen:
Einstellungsforschung bezieht sich in der Regel auf Konzepte, die zur Bewertung sozialer Sachverhalte dienen. In dem Bemühen, jene Konzepte abzubilden, die Aufschluss über die Bewertung der Abtreibung im sozialen Kontext Indiens geben, stehen in den Jahren zwischen 1980 und 2006 die folgenden fünf Studien. In der Phase der problemorientierten Forschung (vgl. Kapitel 6.2) waren Einstellungsmessungen in Indien in Nachahmung westlich psychologischen Vorgehens populär. Dieses Interesse hat in den letzten Jahren offenbar etwas nachgelassen.
Dayal und Kapoor untersuchten mit Hilfe eines für diesen Zweck entwickelten Messinstruments die konnotative Bedeutung der Begriffe „abortion“ und „medical termination of pregnancy“, um die Reaktionen auf das Thema des Schwangerschaftsabbruchs und dessen Bewertung seitens der Untersuchungsteilnehmer herauszufinden. Nach mehreren Voruntersuchungen mit Hilfe der Technik des Sematischen Differentials nach Osgood wurde schließlich ein Instrument erstellt, welches 360 Ratings von jeder der insgesamt 354 Versuchspersonen erforderte. Männer und Frauen aus dem Süden Delhis, die alle mindestens eine Schulbildung vergleichbar dem Abitur aufweisen konnten, nahmen an der Studie teil. Dayal und Kapoor berichteten, dass die Männer eine signifikant positivere Einstellung als Frauen gegenüber dem Schwangerschaftsabbruch zeigten, ebenso wiesen ledige Personen eine signifikant positivere Haltung auf als verheiratete. Unter den Verheirateten zeigten diejenigen mit zwei Kindern eine positivere Einstellung als diejenigen mit weniger Kindern. Kein signifikanter Unterschied bestand zwischen verheirateten Frauen mit vorausgehender Abtreibung im Vergleich zu jenen ohne vorherigen Schwangerschaftsabbruch. Weitere statistische Auswertungsverfahren ergaben hohe Ähnlichkeit zwischen den jeweiligen Gruppen und keine bedeutsamen Differenzen. Die Forscher vermuten eine stereotype Einordnung und Bewertung des Schwangerschaftsabbruchs, wobei der Begriff „abortion“ eher negativ und der Ausdruck „medical termination of pregnancy“ eher positiv besetzt war, sodass Dayal und Kapoor empfahlen, über „medical termination of pregnancy“ zu sprechen, damit eine Verbreitung und Annahme des medizinischen Services leichter ermöglicht wird.
Nair und Kurup untersuchten alle 2304 Paare aus zwei zufällig ausgewählten Dörfern in Tamil Nadu sowie 636 zufällig ausgewählte Paare aus städtischer Umgebung. Jeweils einer der Partner wurde mit Hilfe von Interviews befragt, ob er eine unerwünschte Schwangerschaft mit einem induzierten Abbruch beenden würde. 26 % der dörflichen und 30 % der städtischen Bevölkerung zeigten eine positive Einstellung, wo hingegen sich doppelt so viele Personen, nämlich 61 % der dörflichen und 51 % der städtischen Bevölkerung, einem hypothetischen Abbruch widersetzten. Diese Unterschiede erwiesen sich als signifikant. Frauen zeigten sich eher zu einer Abtreibung bereit als Männer (30 % vs. 24,5 %). Je höher der Bildungsstand der Untersuchungspartner, desto positiver gestaltete sich ihre Einstellung gegenüber einem möglichen Schwangerschaftsabbruch. Die Kinderzahl der Familie korrelierte ebenfalls positiv mit der Einstellung gegenüber einer Abtreibung. Insgesamt zeigten Moslems eine leicht positivere Haltung als Hindus.
Vaz und Kanekar konfrontierten Studenten der Universität Mumbai beiderlei Geschlechts mit hypothetischen Situationen und schlossen über deren Reaktion auf ihre Einstellung zum Schwangerschaftsabbruch. Die Untersuchungspartner sollten die Wahrscheinlichkeit einschätzen, mit der sich eine fiktive schwangere Frau in einer bestimmten Situation einer Abtreibung unterzieht und zusätzlich ihre Empfehlung an die Schwangere aussprechen. Beide Aussagen wurden auf einer siebenstufigen Skala als abhängige Variablen erfasst. Die Vorhersage der Versuchspersonen sollte die Lage der sozialen Normen reflektieren, ihre Empfehlung sollte die persönliche Norm abbilden.
Die Untersuchungspartner waren im Mittel etwa 18 jährige, unverheiratete Hindus der Mittelklasse.
Die Forscher erwarteten von den weiblichen Untersuchungsteilnehmerinnen eine stärker positive Einstellung gegenüber Schwangerschaftsabbrüchen als von den Männern, da Abtreibungen in erster Linie Frauen und die Rechte der Frauen betreffen. Diese Hypothese konnte nicht bestätigt werden.
Der Status der fiktiven Schwangeren stellte sich als wichtigste Variable heraus. Ein Schwangerschaftsabbruch wurde eher einer Frau der Unterschicht empfohlen, möglicherweise wegen fehlender Finanzen oder fehlender Einfühlung der Untersuchungspartner in Belange der Unterschicht. Nach einer Vergewaltigung wurden Schwangerschaftsabbrüche am wahrscheinlichsten eingeschätzt und am stärksten empfohlen, im Vergleich zu unehelicher Schwangerschaft (an 2. Stelle) und ehelicher Schwangerschaft (an 3. Stelle).
Männliche Untersuchungsteilnehmer schätzten die Unterbrechung einer unehelichen Schwangerschaft in der Mittelklasse als signifikant wahrscheinlicher ein als einen Abbruch nach einer Vergewaltigung in der Oberschicht. Im Unterschied dazu schätzten weibliche Studienteilnehmerinnen eine signifikant größere Wahrscheinlichkeit für Schwangerschaftsabbrüche nach Vergewaltigung in der Mittelschicht als bei unehelicher Schwangerschaft in der Oberschicht. Vaz und Kanekar betrachteten dieses Ergebnis als unerwartet. Es deutete auf eine aus männlicher Sicht bestehende Empfänglichkeit der Mittelklasse gegenüber einer rigiden Sexualmoral hin, die sich in entsprechenden Sozialnormen niederschlug.
Gupte et al. interviewten 67 Frauen aus verschiedenen Dörfen in Pune, Maharashtra, die zuvor durch Teilnahme an Gruppengesprächen Interesse an frauenspezifischen Fragestellungen gezeigt hatten. Etwa 70% der befragten Frauen sahen einen Schwangerschaftsabbruch als ein Recht der Frau über ihren Körper an. Frauen stünde es zu, ihre Nachkommenzahl zu kontrollieren. Abtreibung wurde von fast allen als Mittel in der Not akzeptiert, welches helfen könne, einen Gesichtsverlust zu verhindern. 67 % der Frauen waren der Ansicht, dass auch für Unverheiratete ein leichterer Zugang zu Abtreibungen ermöglicht werden sollte. 90 % der Frauen meinten, dass ein unverheiratetes Mädchen ihre Schwangerschaft beenden sollte, die restlichen 10 % hofften auf eine Heirat, was allerdings Misstrauen der Schwiegereltern über die Konzeption mit sich bringen könnte. Das Versagen von Verhütungsmitteln wurde
INHALT
4
TEIL I
7
1. Einleitung
7
2. Begriffsdefinitionen
9
TEIL II
11
3. Staatliche Informationen zu Indien
11
4. Kulturelle Besonderheiten Indiens
27
5. Gesellschaftliche Strukturen
36
6. Psychologie in Indien
48
7. Zusammenfassung
53
TEIL III
54
8. Aspekte der Psychologie des Schwangerschaftsabbruchs in Indien
54
9. Untersuchungen zur Psychologie des Schwangerschaftsabbruchs
69
10. Selektive Abtreibung
95
11. Unsichere Schwangerschaftsabbrüche
122
12. Abschluss
127
13. Literaturverzeichnis
133