: Stefan Laetsch
: Sind wir Deutschland? Eine politikwissenschaftliche Erklärung für das Fußballmärchen 2006
: Diplomica Verlag GmbH
: 9783836608497
: 1
: CHF 29.90
:
: Gesellschaft
: German
: 107
: kein Kopierschutz/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF

Im Sommer 2006 durfte die Bundesrepublik Deutschland die FIFA-Fußballweltmeister chaft ausrichten. Unter dem Motto„Die Welt zu Gast bei Freunden“ kamen zahlreiche Nationalmannschaften zusammen mit ihren begeisterten Anhängern nach Deutschland. Die Spiele der deutschen Nationalmannschaft wurden in den Stadien genauso wie vor zahlreichen Großbildschirmen zu euphorischen Fußballfeiern. Die Deutschen identifizierten sich mit der Fußballmannschaft und selten wurden so viele Deutschland-Fahnen und andere schwarz-rot-gelbe Accessoires verkauft und gezeigt wie während der Fußball-WM. Die Bevölkerung feierte ihre Mannschaft mit einem„weltoffenen Patriotismus“, der vorher in dieser Form noch nicht zum Ausdruck gekommen war. 

Doch wie war diese plötzliche und für alleüberraschende Offenheit zu erklären? Was ermöglichte die unverkrampfte, natürliche Identifikation der Deutschen mit ihrem eigenen Land? Hat sich während des„Sommermärchens 2006“ ein neues, unverkrampftes Selbstverständnis gezeigt? In dem Buch gibt der Autor einenÜberblick zu Geschichte, Entwicklung und Problematik deutscher Identität. Von der Gründung der Bundesrepublik bis zur Gegenwart werden facettenreich die historisch und politisch relevanten Phasen einer Annäherung der Deutschen an ihre Nation herausgestellt. Die Wiedervereinigung, der Beginn der„Berliner Republik“ sowie die symbolische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit werden als notwendige Entwicklung dargestellt, die einen natürlichen Umgang mit der eigenen Geschichte und politischer Symbolik ermöglichten. Die ausgelassene Euphorie während der Fußball-WM erscheint somit als die Spitze einer Wirkungsgeschichte, an der nicht nur Jürgen Klinsmann und Franz Beckenbauer einen Anteil haben.

Kapitel 4.2.1.2, Debatte um eine deutsche Leitkultur

Trotz der Verfolgung innenpolitischer Reformen und eines veränderten, selbstbewussten Auftretens der Regierung, nahm die Suche nach kollektiver Identität auch nach dem Regierungswechsel von 1998 ihren Lauf. Mit der Verwendung des Begriffs„Leitkultur“ löste der CDU-Politiker Friedrich Merz eine Debatte aus, die wie viele andere Auseinandersetzungen vorher das Selbstverständnis der vereinten Bundesrepublik berührten. Es wäre zu einfach, dieses Schlagwort auf rechte populistische Rhetorik zu reduzieren, denn die Debatte drehte sich insbesondere um Fragen der Integration von Ausländern und muss deswegen in ihrem Entstehungskontext gesehen werden.

Der Begriff geht zurück auf den Politologen Bassam Tibi, der sich allerdings weniger für eine deutsche, als vielmehr für eine„europäische Leitkultur“ stark gemacht hatte. Dabei ging es Tibi nicht um die Beschreibung einer ethnischen, sondern um eine zivilisatorische Identität der Gesellschaft. Diese sollte sich auf Europa als Werte- und Normengemeinschaft beziehen.

„Eben weil die vor allem aus der europäischen Aufklärung hervorgegangene kulturelle Moderne keinen ethnischen Charakter hat, ist sie dazu geeignet, kulturübergreifende Gültigkeit zu erlangen.“

Tibi bezog sich dabei auf die Konzepte des französischen Citoyen oder des angelsächsischen Citizen, die demokratisch offen seien und deren gesellschaftliche Identitäten an den Grundwerten der Verfassung festgemacht würden. In diesem Sinne plädierte Tibi also für einen europäischen Verfassungspatriotismus als Leitkultur. Mit dieser Vorgabe erhoffte sich der Autor„eine wildwüchsige Zuwanderung in eine an den Bedürfnissen des Landes orientierte Einwanderung zu verwandeln und diese Einwanderer im Rahmen einer europäischen Identität zu integrieren […].“

Für die Propagierung einer europäischen Leitkultur brauchte Tibi dieÜberzeugung, dass ohne eine solche ein gesellschaftliches Miteinander nicht funktionieren und die Herausbildung von Parallelgesellschaften ein großes Konfliktpotential bergen könnte. Eine Leitkultur sollte nach seinen Vorstellungen eine auf allgemeinen politischen Grundsätzen beruhende und erlernbare Verhaltensvorgabe sein, die Integration ermöglichte ohne kulturelle Vielfalt zu ersticken. Dabei ging er aber davon aus, dass nur in Europa Menschenrechte und Toleranz Elemente der politischen Systeme seien und in außereuropäischen Kulturen der Humanismus bzw. die Gültigkeit von Menschenrechten keine Bestandteile der jeweiligen Kultur darstellen würden. Zur europäischen Geschichte gehören mit den Kreuzzügen, der Inquisition, dem Sklavenhandel oder dem Holocaust auch fundamentale Missachtungen der Menschenrechte. Dadurch wäre ein Primat kultureller Werte in Europa gegenüber anderen Kulturen unbegründbar.

Auf die politische Tagesordnung kam die Debatte um die Leitkultur durch das Vorhaben der rot-grünen Bundesregierung, ein Einwanderungsgesetz zu erarbeiten. Da die Integrationspolitik insbesondere von konservativen Parteien gerne thematisiert wird, sah sich die CDU gezwungen, auf diese Ankündigung zu reagieren. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Beschäftigung mit„Ausländerpolitik“ auch„im Zusammenhang mit der Entwicklung eines neuen deutschen Selbstbewusstseins“ analysiert werden muss, welches das politische Handeln der neuen Generation beeinflusste. Der hessische Ministerpräsident Roland Koch hatte im März 1999 die Landtagswahlen mithilfe einer Unterschriftenkampagne„Ja zur Integration– Nein zur doppelten Staatsbürgerschaft“ gewonnen. Der nordrhein-westfälische CDU Spitzenkandidat Jürgen Rüttgers hatte mit seinem Slogan„Kinder statt Inder“, der sich gegen die Anwerbung von Spitzenkräfte mit der Green Card richtete, ebenfalls ein zweifelhaftes Statement abgegeben. So scheu

Inhaltsverzeichnis3
DANKSAGUNG5
1. Einleitung7
1.1 Fragestellung7
1.2 Methodik und Gliederung10
1.3 Forschungsstand13
2. Nation und Identität16
2.1 Definition Nation16
2.1.1 Nation16
2.1.2 Nationalismus20
2.2 Definition Identität21
2.2.1 Kollektive Identität21
2.2.2 Politische und kulturelle Identität25
3. Identität und Selbstverständnis in zwei deutschen Staaten (1949-1989)27
3.1 Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit27
3.1.1 Bundesrepublik Deutschland27
3.1.2 Deutsche Demokratische Republik31
3.2 Umgang mit nationalen Symbolen34
3.2.1 Bundesrepublik Deutschland34
3.2.2 Deutsche Demokratische Republik37
3.3 Zusammenfassung39
4. Identität und Selbstverständnis in der Bundesrepublik (1990 – 2006)41
4.1 Neupositionierung nach der Vereinigung (1990 – 1998)41
4.1.1 Wiedervereinigung 199041
4.1.2 Rechtsnationale Tendenzen43
4.1.3 Innenpolitische Kontroversen46
4.1.4 Außenpolitische Standortbestimmung54
4.1.5 Zusammenfassung59
4.2 Neues Selbstbewusstsein (1998 – 2005)62
4.2.1 Innenpolitischer Generationenwechsel62
4.2.2 Außenpolitische Interessendefinition70
4.2.3 Zusammenfassung75
4.3 Wir sind Deutschland (2005-2006)77
4.3.1 Bundespräsident Horst Köhler77
4.3.2 Bundeskanzlerin Angela Merkel79
4.3.3 „Du bist Deutschland“ – Kampagne81
4.3.4 Initiative: Deutschland – Land der Ideen85
4.3.5 Fußball WM 200687
4.3.6 Zusammenfassung91
5. Fazit93
5.1 Zusammenfassung der Ergebnisse93
5.2 Ausblick95
Anhang98
I. Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen98
II. Literaturverzeichnis99