Kapitel 4.4, Soziale Funktionen des Fernsehens und deren Wirkungen im Familiensystem:
Ausgangsfragen: Welche sozialen Funktionen werden dem Fernsehen zugeschrieben? Wie wirken sich diese Funktionen auf das Familiensystem aus? Welche Rolleübernimmt das Fernsehen bei der Identitätsbildung bei Kindern und Jugendlichen? Welche Funktionen werden dem Fernsehen durch die Eltern zugeschrieben?
„'Funktion' ist ebenso wie 'Wirkung' einer der Grundbegriffe der Kommunikationsforschung, die die Beziehung zwischen der Gesamtgesellschaft und den Medien sowie zwischen den Medien und dem Medienpublikum kennzeichnen sollen“. Hierbei versucht die Funktionsanalyse von Lasswell diese Beziehungen empirisch mit der vordergründigen Frage zu erfassen, welchen Beitrag das Mediensystem zum Funktionieren des Gesamtsystems leistet. Allerdings umfaßt, nach Rühl, der Begriff Medienfunktion den komplexen Wirkungszusammenhang der Medienkommunikation nur sehr ungenau und es müssen dabei folgende Unterscheidungen berücksichtigt werden:
1. Die normativen Vorgaben der Gesellschaft, 2. Die Intention der Journalisten und Sendeanstalten, 3. Die Folgen für gesellschaftliche Teilsysteme, 4. Die Bedeutungszuweisung der Rezipienten.
Medienfunktionen sind somit abhängig vom jeweiligen Bezugssystem und anstelle von Gesellschaft kann auch die Variable Familie und ihre Teilsysteme eingesetzt werden. Rühl spricht in diesem Zusammenhang davon, daß bestimmte Medienangebote funktional, also die Funktionsfähigkeit eines Systems fördern können, sie können dysfunktional sein, also das System in seinem Bestand behindern, oder nicht-funktional, d.h. für den Systemzustand ohne Bedeutung sein.
In diesem Unterkapitel sollen speziell die sozialen Funktionen des Fernsehens dargestellt werden, die immer auch„antisoziale als auch prosoziale Wirkungen“ auf die Familienmitglieder und die Familie als Ganzes, insbesondere aber Integrations- bzw. Isolationswirkungen auf und Rollendifferenzierungen innerhalb des Familiensystems hervorrufen. Hierzu dienen als Grundlage die aus den Grundannahmen gewonnenen Sozialisations-, Struktur-, Interaktions- und Kommunikationserkenntnisse der Familie als System sowie die oben beschriebenen Fernsehnutzungsvoraussetzungen und -Nutzungsroutinen der einzelnen Familiensubsysteme Eltern und Kinder bzw. Jugendliche. Der Schnittpunkt beider Funktionssysteme, Fernsehen und Familie, liegt in der„Übermittlungsfunktion“, d.h. in derÜbermittlung sozialisationsrelevanter Informationen, die allerdings nicht immer für beide Funktionssysteme den selben Stellenwert einnehmen müssen. Dabei ergibt sich, daß die dem Medium Fernsehen traditionell zugeschriebenen Funktionen mit den Hauptfunktionen der Familie (vgl. Abb.3 im Anhang) korrelieren oder kollidieren können. Hierunter ist zu verstehen, daß bestimmte angebotene Sozialisationsleistungen und Sozialisationsbeiträge des Fernsehens (= mediale Sozialisationsfunktionen) besonders dann - entsprechend des 'Nutzenansatzes' - in Anspruch genommen werden, wenn es das Bedürfnis oder die Situation eines Familienmitgliedes oder eines Subsystems zur Bewältigung bestimmter individueller oder familiärer Anforderungen, Aufgaben und Probleme erfordert.
Allerdings gehen Barthelmes und Kollegen hierbei im Allgemeinen davon aus, daß Funktionen auch als Bedürfnisse beschrieben werden können, die der Rezipient in seiner täglichen Interaktion mit seiner Umwelt zu befriedigen sucht. So lassen sich diese Bedürfnisse in kognitive, emotionale und soziale Bedürfnisse einteilen, die dann bestimmten Medieninhalten zugeordnet werden. Insofern können - ausgehend vom 'Familiensystem-Ansatz' - für (z.B. dysfunktionale) systemische Strukturen problematische Fernsehinhalte - nach der 'Theorie der Selektiven Wahrnehmung' - entweder vermieden werden, oder aber - entsprechend der 'Rahmenanalyse' - mittels Fernsehen bestehende systemische Strukturen in einem interaktiven bzw. kommunikativen Prozeß - gemäß 'Thematisierungsansatz' - thematisiert, oder - gemäß der 'Verstärker-Hypothese' verstärkt oder - umgekehrt - zur Disposition gestellt werden (wobei diese Prozesse sowohl bewußt als auch unbewußt verlaufen können). Es wird dabei eindeutig erkennbar, daß die einzelnen wissenschaftlichen Theorien, Ansätze und Hypothesen nicht isoliert voneinander betrachtet werden können, sondern innerhalb eines sozialen Systems unmittelbar miteinander verknüpft sind. Weiterhin wird ersichtlich, daß die Familie entsprechend ihrer sozialen Situation dem Fernsehen für sich adäquate soziale Funktionen zuweist, dieüber die konventionellen Funktionszuweisungen des Fernsehens hinausgehen... |