Kolumbus brachte nicht nur die Tomaten Geschichten hinter der Geschichte
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Hans Bankl
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Kolumbus brachte nicht nur die Tomaten Geschichten hinter der Geschichte
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Goldmann Verlag
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9783641010782
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1
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CHF 7.10
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Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
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German
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289
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Wasserzeichen/DRM
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PC/MAC/eReader/Tablet
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ePUB/PDF
Mit der Fabulierfreude des geborenen Erzählers und dem scharfen Blick für die skurrilen Details und Ereignisse des Lebens fördert Hans Bankl ein Potpourri von Anekdoten, überraschenden Wendungen und merkwürdigen Wechselfällen quer durch die Geschichte zutage: voller Esprit, Engagement und Wissenslust.
Hans Bankl, Jahrgang 1940, wurde mit 31 Jahren der jüngste Pathologie-Dozent Österreichs und war lange Jahre eine international anerkannte Kapazität auf seinem Gebiet. An der Wiener Kunsthochschule unterrichtete er"Anatomie für Künstler". Über seine 180 wissenschaftlichen Publikationen hinaus hat er sich mit Bestsellern wie"Der Pathologe weiß alles" und"Im Rücken steckt das Messer" sowie"Kolumbus brachte nicht nur die Tomaten" bei einer breiten Leserschaft einen Namen gemacht. Hans Bankl verstarb im Dezember 2004.
Ein Mord in der Badewanne
(S. 134-135)
Der 50-jährige Journalist und politische Agitator hatte ursprünglich in den Naturwissenschaften und in der Medizin die Befriedigung seines außerordentlichen Ehrgeizes und zweifellos großen Talentes gesucht. Als Leibarzt eines Grafen und Betreiber einer neuartigen elektrotherapeutischen Praxis zeitweilig erfolgreich, geriet er später in den Ruf eines Scharlatans und wandte sich erbittert von der adeligen und bourgeoisen Welt ab. Im Trubel der revolutionären Ereignisse in der Hauptstadt avancierte der »Volksfreund« zum führenden Aufwiegler, der vehement den radikalen Umsturz, ja den politischen Massenmord forderte.
Während der heißen Hochsommerwochen jenes Schreckensjahres litt er besonders unter seiner schon jahrelang dauernden fieberhaften Hauterkrankung, gegen die auch seine Elektrotherapie nichts vermochte. Diese Krankheit zwang ihn, Linderung in kühlen Bädern zu suchen, und so zog er sich oft stundenlang in das Badezimmer seiner Hauptstadtwohnung zurück, wo er in der Wanne saß, ein Holzbrett als Schreibunterlage benützte und auf einer umgedrehten Kiste die Papiere ausbreitete. Jene Kiste ist durch ein vielfach reproduziertes Gemälde eines großen Malers in die Kunstgeschichte eingegangen, sowohl der Name des Badenden als auch jener des Künstlers sind darauf zu lesen.
Warum aber malte der Meister den Revolutionär in diesem ungewöhnlichen und kärglichen Ambiente? Es war eine hoch gewachsene, etwas korpulente junge Frau, welche die Szene welthistorisch machte. Dieses Mädchen aus der Provinz hatte sich trotz wiederholter Abweisung hartnäckig Zutritt zur Wohnung des kranken Mannes verschafft, indem sie vorgab, Informationen über Konterrevolutionäre liefern zu können. Sie durfte neben der Wanne Platz nehmen und sich eine Viertelstunde lang mit dem Badenden unterhalten, der mit Genugtuung die ihm genannten »Verräter in ein paar Tagen zu guillotinieren« verhieß.
Plötzlich zog die 25-Jährige ein langes Küchenmesser aus ihrem Gewand und stieß es dem Badenden in die Brust. Er starb an innerer Verblutung. »Ich tötete einen Verbrecher«, erklärte die Attentäterin beim Verhör, »um hundertausende zu retten, ein Ungeheuer, um meinem Vaterland zu nützen.« Vier Tage nach der Bluttat wurde sie hingerichtet. • Wem widerfuhr wann und wo dieses Schicksal? Es geschah am 13. Juli 1793 in der Pariser Rue des Cordeliers Nr. 30 (heute Rue de l’Ecole de Médecine Nr. 22) im ersten Stock. Charlotte Corday d’Armont (1768–1793) hatte den Jakobinerführer Jean-Paul Marat (1743 – 1793), den gnadenlosen Exponenten des Terrors während der revolutionären Schreckensherrschaft, erstochen. Die Attentäterin wollte Frankreich vor einer weiteren blutigen Verschärfung des Bürgerkrieges bewahren, die Einzelheiten ihres Motivs sind jedoch ungeklärt. Der große Jacques-Louis David (1748 – 1825) hat seinen toten Freund Marat im Auftrag des Konvents als Leichnam in der Wanne liegend gemalt.
Marat studierte in Frankreich und England Medizin und wurde 1775 zum »Dr. med.« promoviert. Er war ein ausgezeichneter Arzt, sein schwieriger Charakter schuf ihm jedoch viele Feinde. 1777 bis 1784 hatte er eine fixe Anstellung als Arzt der Garden des Grafen von Artois. Dieser war der Bruder des regierenden Ludwig XVI. und sollte später selbst als Karl X. den französischen Thron besteigen. Für den geborenen Revolutionär Marat musste diese exzellente Beziehung je doch in die Brüche gehen, seine adelige Klientel verflüchtigte sich. Mühsam hielt er sich mit teilweise obskuren medizinischen Aktivitäten über Wasser. 1789 begann er zwei Monate nach dem Sturm auf die Bastille mit der Herausgabe seiner Revolutionszeitung L’Ami du Peuple.Was seine Krankheit betrifft, so wissen wir nichts Genaues.
Inhalt
6
Vorwort
12
Kolumbus brachte nicht nur die Tomaten
19
Ein zahnloser Politiker
48
Wer kennt Reimerich Kinderlieb?
51
Es war einmal ein Stein in der Wüste…
54
Was die Leber nicht umbringt, macht sie härter
81
Das Lied einer Nation
89
Mohrenköpfe
93
Die richtige Reihenfolge: Zuerst Christ, dann Komponist, schließlich Direktor
111
Eine amerikanische Karriere
117
Historisches und Aktuelles zu einer Krankheit der »guten Zeiten«
119
Ein Mord in der Badewanne
135
Der erste Medienstar des 20. Jahrhunderts
138
Keiner wird so oft zitiert wie er
140
Mit 66 Jahren ist noch lange nicht Schluss
154
Drei Herren trafen einander in Paris
160
Ein Patient wie jeder andere
173
Ein ungewöhnlicher Gast
179
Hinter dem Vorhang entstand eine neue Wissenschaft
183
Ein Spiritist und ein Zauberer
197
Familienverhältnisse
200
Der vergessene Sohn
218
Eine italienische Reise, eine uralte Geschichte sowie echte und falsche Ringe
221
Visionäre und Ingenieure
231
Die Krankheit war ernst und unheilbar
255
Ein Frauenschicksal
261
Die Organe leben weiter
264
Arzt war doch nicht der richtige Beruf
283
Literatur
287