Der3. Band des Handbuchs der Sonderpädagogik will seine Leser fundiertüber das Themengebiet des Förderschwerpunkts soziale und emotionale Entwicklung informieren und zur weiteren Diskussion anregen. Er gibt einen theoriegeleitetenÜberbli küber derzeit diskutierte Erklärungsansätze, umreißt Ansätze der Diagnostik und stellt die verschiedenen Zielgruppen vor. Der zentrale Teil des Werkes ist den Aspekten derPrävention und Intervention gewidmet, wobei die umfangreiche Breite der Interventionsansätze deutlich wird, aber auch die Notwendigkeit einer empirischenÜberprüf ng und Weiterentwicklung. Schließlich werden die Bereiche Unterricht und Schule diskutiert, aber auch die Frage der Qualitätssicherung und der Kooperation zwischen den verschiedenen Institutionen wird thematisiert. Ein abschließendes Kapitel zu Fragen der Forschung und deren Methoden rundet dieses lesenswerte Werk ab. Das Buch bietet einenfundiertenÜ erblicküber den Gegenstandsbereich mit seinen vielfältigen Fassetten. Die Sonderpädagogik der sozialen und emotionalen Entwicklung unterliegt im deutschen Sprachraum einem grundlegenden Wandel von einer eher hermeneutisch geprägten zu einer stärker empirisch orientierten Wissenschaft. Diese Vielfalt spiegelt sich auch in dem vorliegenden Werk. Es ist den Herausgebern gelungen, eine Reihe namhafter Autoren für dieses Buch zu gewinnen und stellt den bisher einzigartigen Versuch dar, das Thema umfassend zu beleuchten und damit die Sonderpädagogik der sozialen und emotionalen Entwicklung neu zu definieren und weiterzuentwickeln.Die HerausgeberProf. Dr. Barbara Gasteiger-Klicpera, geb. 1960, Studium der Psychologie, Medizin und Theologie in Innsbruck und Wien. 1995 Promotion. 2002 Habiliation. Seit 2004 Professorin für Pädagogische Psychologie, Pädagogische Hochschule Weingarten. Arbeitsschwerpunkte: Lese-Rechtschreibschwierigkei en, aggressives Verhalten im Schulkontext, Prävention von Verhaltens- und Lernstörungen.Prof. Dr. Henri Julius, geb. 1958, Studium der Sonderpädagogik und Psychologie in Oldenburg und Trier. 1999 Promotion Klinische Psychologie, 1998-1999 Research Fellow an der San Francisco State University und der University of Hawaii at Manoa, 2002-2004 Professor für Verhaltensgestörtenp&aum ;dagogik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a.M.. Seit 2005 Professor für Verhaltensgestörtenp&aum ;dagogik an der Universität Rostock. Arbeitsschwerpunkte: Bindungsgeleitete Interventionen, Integrative (Schau)-Spielgruppen für Kinder und Jugendliche im autistischen Spektrum, Tiergestützte Interventionen, Frühförderung.Prof. Dr. phil. Dr. med. Christian Klicpera, geb. 1947, Studium der Medizin und Psychologie in Wien und Salzburg. 1973 Promotion zum Dr. med. 1977 Promotion zum Dr. phil. 1985 Habilitation im Fach Psychologie. Bis 2007 Professor für Klinische Psychologie an der Universität Wien. Arbeitsschwerpunkte: Lese-Rechtschreibschwierigkei en, Entwicklungsneuropsychologie, Autismus, Verhaltensauffälligkeite .
2 Klassifikation (S. 25)2.1 Dimensionale KlassifikationssystemeMartin Holtmann und Martin H. Schmidt2.1.1 Einleitung Seit Ende der 1970er Jahre haben Bemühungen um die diagnostische Klassifikation psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen sowohl die klinische wie auch die wissenschaftliche Arbeit nachhaltig positiv beeinflusst (Döpfner& Lehmkuhl, 1997, Schmidt, 2001). Wesentlichen Anteil daran hatte die Fortentwicklung der beiden wichtigsten klinischen Klassifikationssysteme, der International Classification of Diseases (aktuell ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (Dilling, Mombour& Schmidt, 1991) und des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (aktuell DSM-IV) der American Psychiatric Association (1994). Beide Klassifikationssysteme sind der kategorialen Diagnostik verpflichtet (vgl. Becker& Schmidt, in diesem Band, S. 34ff.), bei der psychische Auffälligkeiten in klar gegeneinander abgrenzbare Störungsbilder unterteilt werden, sie stehen als„Entscheidungsklassifikation" (etwa: Ist der Patient schizophren oder nicht?) in der Tradition medizinischer Diagnostik, die in dichotomer Weise das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein einer Störung feststellt (Davison& Neale, 1998). Parallel zu den Arbeiten an den kategorialen Diagnostiksystemen fand ein weiterer Ansatz zunehmend Beachtung. Der dimensionalen Klassifikation psychischer Störungen liegt die Annahme zugrunde, dass sich psychische Auffälligkeiten als kontinuierlich verteilte Merkmale mitÜbergängen zwischen normalen und abnormen psychischen Phänomenen darstellen, anhand dieser Dimensionen lassen sich Kinder und Jugendliche beschreiben– eng orientiert am beobachtbaren Symptom (Schmidt, 2001). Studien, die diesem Ansatz verpflichtet sind, bedienen sich psychometrischer Methoden (Fragebogen, Beobachterskalen) und multivariater statistischer Verfahren (zumeist Hauptkomponenten- bzw. Faktorenanalysen). Durch Faktorenanalysen lassen sich viele Merkmale (z. B. Items eines Fragebogens) auf wenige Faktoren (=Dimensionen) reduzieren. Psychische Auffälligkeiten werden dann anhand quantifizierbarer Charakteristika auf den empirisch gewonnenen Dimensionen beschrieben (Döpfner& Lehmkuhl, 1997). Bisher gibt es keinen Konsens, welche Dimensionen optimalerweise zur Beschreibung psychischer Auffälligkeiten herangezogen werden sollten. Die Antwort hierauf muss berücksichtigen, dass psychische Auffälligkeiten mit einem unterschiedlichen Grad von Auflösung betrachtet werden können. Die Anzahl an Dimensionen ist nicht unverrückbar in der Wirklichkeit vorgegeben, vielmehr wird das Auflösungsniveau von den Zielen des Untersuchers und dem verwandten Instrument bestimmt: Soll mittels eines Fragebogens ein breites Spektrum an Auffälligkeiten durch eine begrenzte Anzahl von Fragen erfasst werden, bietet sich zur Beschreibung eher ein relativ grobes dimensionales Raster mit niedrigem Auflösungsgrad an. So leitet etwa Achenbach (1991) aus umfangreichen empirischen Untersuchungen und statistischen Analysen zwei basale Störungsdimensionen ab. Der Dimension Externalisierung sind aggressive und dissoziale Verhaltensprobleme zugeordnet, während die Dimension Internalisierung Auffälligkeiten wie sozialen Rückzug, körperliche Beschwerden undängstlich-depressives Verhalten vereinigt. Aus kulturvergleichenden Untersuchungen geht hervor, dass beide Gruppen von Störungen im transkulturellen Vergleich eine hohe Stabilität besitzen (Verhulst& Achenbach, 1995, Döpfner et al., 1996). Quay (1986) wertete 61 multivariate Studien zu psychischen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen aus und untersuchte sie daraufhin, mit welcher Häufigkeit einzelne Dimensionen extrahiert wurden. Obschon in den berücksichtigten Studien unterschiedliche Fragebogenverfahren zum Einsatz kamen, zeigte sich eine hoheÜbereinstimmung im Hinblick auf empirisch gewonnene Dimensionen psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Am häufigsten (in insgesamt 42 Studien) wurde die Dimension„Aggressives Verhalten" abgebildet.