2. Kapitel Kognitive Entwicklung im Jugendalter Eva Dreher und Michael Dreher (S. 55)
1 Einführung
Die Veränderung kognitiver Fähigkeiten zählt zu den zentralen Merkmalen der Entwicklung im Jugendalter. Die Forschungsgeschichte hierzu umfasst kaum mehr als sechs Jahrzehnte, sie dokumentiert jedoch ein breites Spektrum an Fragestellungen, die vom strukturellen und funktionalen Wandel individueller Erkenntnisfähigkeit bis hin zu Teilaspekten des Denkens und der Bewusstheit reichen. Der Gegenstand der„Kognition" lässt sich zunächst allgemein kennzeichnen als Aspekte des Intellekts, die sowohl Prozesse der Konstruktion, Aneignung, Veränderung, Handhabung und Nutzung von Wissen (vgl. Byrnes, 2003, Overton, 1991, Bjorklund, 1999) umfassen.
Mit„Bewusstheit" werden kognitive Prozesse einer Metaperspektive unterstellt, die als planende, kontrollierende und regulierende Instanz fungiert (vgl. Keating, 2004, Steinberg, 2005). Die Darstellung der kognitiven Entwicklung zwischen Kindheit und Erwachsenenalter orientiert sich an den zentralen theoretischen Ansätzen der Forschung, deren Abfolge nicht nur den historischen Wandel des Erkenntnisinteresses der kognitiven Entwicklungspsychologie widerspiegelt, sondern auchüber Themen der kognitiven Entwicklung im Jugendalter informiert.
Im gegenwärtigen Trend sind Ergebnisse aus neurowissenschaftlicher Forschung von besonderem Interesse. Da sieüber die traditionellen Annahmen pubertätsabhängiger neuronaler Entwicklung hinausgehen, eröffnen sie neue Erklärungen für bisherige Fakten, verweisen aber auch auf eine Reihe offener Fragen, diese betreffen sowohl kognitive Operationen (z. B. Metakognition) als auch regulative Funktionen (z. B. Emotionsregulation, Handlungssteuerung, Entscheidungsverhalten).
Der zweite Teil befasst sich mit der Differenzierung kognitiver Prozesse und analysiert den Stellenwert unterschiedlicher„Denkarten" innerhalb der Entwicklung im Jugendalter. Da die Jugendphase durch frühe, mittlere und späte Abschnitte eine starke Periodisierung aufweist, liegt es nahe, dass veränderungssensitiveÜbergänge im Verlauf dieser zeitlich ausgedehnten Phase mit unterschiedlichen kognitiven Phänomenen einhergehen.
Mit der Differenzierung unterschiedlicher„Denk-Kategorien" und der Akzentuierungübergeordneter Prinzipien (z. B. Reflexivität, Rationalität) werden qualitative Merkmale herausgehoben, die zum einen die Reichweite kognitiver Entwicklung im Jugendalter abstecken, zum anderen spezifische Veränderungen des Leistungspotenziales verdeutlichen.
Auf Zusammenhänge zwischen Kognition und Verhalten konzentriert sich der anschließende Abschnitt. Im Vordergrund steht hier der Aufbau von Regulationsfähigkeit. Umgang mit Emotionen, motivationale Steuerung und handlungsbezogene Reflexion gelten als wichtige Entwicklungsressourcen, um mit komplexen intrapsychischen Veränderungen und mit Anforderungen aus verschiedenen Lebensbereichen zurechtzukommen. Unter dieser Zielsetzung umfasst kognitive Entwicklung handlungsbezogenes Wissen und Strategien rationaler Kalkulation (z. B. Alternativen abschätzen, koordinieren, bewerten, Prioritäten setzen, Handlungskonsequenzen bedenken).
Die Konfrontation mit Anforderungen in der realen Welt erfordert zusätzlich die Fähigkeit, solches Wissen flexibel verfügbar zu haben und unter spezifischen Bedingungen„in eigener Regie" sicher einsetzen zu können. Denkprozesse, auftauchende Emotionen und motivationale Kräfte in ein komplexes System bewusster Kontrolle integrieren zu können, gilt in vieler Hinsicht als Markstein geistiger und psychosozialer Reife. Diese Entwicklung erfährt im Jugendalter zwar einen deutlichen Anschub, setzt sich aber noch weit ins Erwachsenenalter fort (Steinberg et al., 2004, Arnett, 2004).
Das Kapitel schließt mitÜberlegungen, die bestehenden Defizite im Wissen um kognitive Phänomene und Aufgaben zukünftiger Forschung zu beleuchten. Was sich derzeit als Quelle neuer Erkenntnisse abzeichnet, ist eine interdisziplinäre Vernetzung von Fragestellungen und Forschungszugängen. Besonders aktuell sind Forderungen und Erwartungen bezüglich der Integration von Neurowissenschaften und Entwicklungspsychologie (vgl. Segalowitz, 2003). |