Kapitel 2 Der Einsatz von Hausaufgaben in der Psychotherapie– Empirische Befunde (S. 23)
In diesem Kapitel werden Ergebnisse empirischer Studien zu therapeutischen Hausaufgaben dargestellt. Dabei werden verschiedene Forschungsansätze berücksichtigt: Zunächst werden Befunde deskriptiver Befragungen zum Einsatz von Hausaufgaben beschrieben. Im Anschluss wird einÜberblicküber die Forschung zu Effekten des Hausaufgabeneinsatzes von Seiten des Therapeuten sowie der Hausaufgabenerledigung durch den Patienten dargestellt.
Der letzte Teil des Kapitels beschäftigt sich mit Forschungsergebnissen zum effektiven Einsatz von Hausaufgaben: Es werden häufig auftretende Probleme beschrieben sowie die theoretische Fundierung einzelner Empfehlungen zum Umgang mit Hausaufgaben. Leser, die mehr an der praktischen Anwendung von Hausaufgaben interessiert sind, können dieses Kapitelüberspringen und zu Teil II des Buchesübergehen („Hausaufgaben effektiv einsetzen", S. 37 ff.).
2.1 Bedeutsamkeit von Hausaufgaben in Forschung und klinischer PraxisBereits Mitte der 80er Jahre erschien ein Grundlagenartikel, der darauf hinwies, dass klinische Studien zu Behandlungseffekten kognitiv-behavioraler Therapien häufig versäumten, den Einsatz von Hausaufgaben und die Hausaufgabenerledigung mit zu kontrollieren– und dass somit eine wichtige Varianzquelle zur Interpretierbarkeit von Unterschieden zwischen einzelnen Behandlungsverfahren unberücksichtigt bliebe (Primakoff, Epstein& Covi, 1986).
Obwohl seit Anfang der 90er Jahre eine zunehmende Tendenz besteht, diese Variable in Interventionsstudien systematisch zu erfassen und kontrollieren, zeigen sich auch heute noch auf diesem Gebiet deutliche Versäumnisse. So gibt es bislang keine einheitliche Methodik, um Hausaufgabenerledigung zu erfassen, und viele der eingesetzten Verfahren können nur annäherungsweise Aufschlussüber das tatsächliche Hausaufgabenverhalten der Patienten geben (vgl. auch Kasten 7, S. 27).
Darüber hinaus werden diese Werte zwar erfasst, in den seltensten Fällen jedoch systematisch zur Varianzaufklärung heran gezogen. Vielleicht aufgrund dieser Defizite der Wirksamkeitsforschung entwickelte sich parallel ein Forschungszweig, der sich gezielt mit den Wirkungen des Einsatzes von Hausaufgaben und ihrer Erledigung beschäftigt (vgl. auchKapitel 2.2 und 2.3).
Dabei lag das Interesse zunächst vorwiegend auf verhaltenstherapeutischen Behandlungen, hat sich in jüngster Zeit aber auch auf andere Therapieorientierungen ausgeweitet. So widmete kürzlich das Journal of Psychotherapy Integration eine Ausgabe dem Einsatz von Hausaufgaben in verschiedenen Behandlungsrichtungen, wie der klientenzentrierten Therapie, der psychodynamischen Kurzzeittherapie und der integrativen Psychotherapie (Heft 16/2, 2006).
Die Bedeutsamkeit, die Hausaufgaben im therapeutischen Kontext beigemessen wird, zeigt sich auch, wenn man aktuelle Therapie-Manuale durchsieht– fast alle Manuale befürworten den Einsatz flankierender Hausaufgaben oder schlagen sogar konkrete Aufgabenvereinbarungen vor. In einemÜberblicküber 41 deutschsprachige,überwiegend verhaltenstherapeutische Therapiemanuale zur Einzel- oder Gruppentherapie verschiedener psychischer Probleme enthielten 39 Manuale Hinweise zur Anwendung von Hausaufgaben und 33 Arbeitsblätter für konkrete Aufgabenvereinbarungen (Sawade& Kazubke, 2005, Viernickel& Vietze, 2006).
Der systematische Einsatz von Hausaufgaben nach jeder Sitzung wurde bei einzeltherapeutischen Manualen etwas häufiger empfohlen als bei gruppentherapeutischen, insgesamt kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die systematische Anwendung von Hausaufgabenvereinbarungen ein integraler Bestandteil manualisierter verhaltenstherapeutischer Behandlungen ist.
Wie bereits dargestellt, haben Hausaufgaben theoretisch dann einen hohen Stellenwert, wenn das Behandlungsrational weniger einsichts- oder klärungsorientiert als vielmehr verhaltens- und ver-änderungsorientiert ist. Dies spiegelt sich zumindest teilweise in empirischen Ergebnissen zur Häufigkeit des Einsatzes von Hausaufgaben in der klinischen Praxis wider, wobei insgesamt auffällt, dass Hausaufgaben bislang nicht so häufig verwendet werden, wie die theoretischen Darstellungen dies vermuten lassen. |