: Meinolf Noeker
: Funktionelle und somatoforme Störungen im Kindes- und Jugendalter (Reihe: Klinische Kinderpsychologie, Bd. 11)
: Hogrefe Verlag Göttingen
: 9783840916762
: 1
: CHF 24.40
:
: Angewandte Psychologie
: German
: 329
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF


Dieses Buch liefert eine systematischeÜbersicht zu funktionellen und somatoformen Störungen im Kindes- und Jugendalter. Am Beispiel des funktionellen Bauchschmerzes, des chronischen Erschöpfungssyndroms und der Fibromyalgie werden die Entstehung, die Aufrechterhaltung, der Verlauf sowie die verhaltensmedizinische Diagnostik und Therapie der Störungen behandelt.

Der Autor

Dr. Meinolf Noeker, geb. 1958. 1977-1984 Studium der Psychologie an der Universität Bonn. 1991 Promotion. 1986-1991 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Kinderheilkunde Bonn. 1991 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Klinische Psychologie der Universität Bremen. Seit 1991 Akademischer Oberrat und Leiter des psychologischen Dienstes des Zentrums für Kinderheilkunde der Universität Bonn. 1999 Approbation als Psychologischer Psychotherapeut (PP) und Psychologischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut (KJP). Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter in der postgraduierten Ausbildung zum PP und KJP.

Kapitel 6 Funktioneller Bauchschmerz (S. 105-106)

6.1 Beschreibung des Störungsbildes

6.1.1 Historische Entwicklung des Störungskonzeptes


Pionierarbeit zur Erforschung des funktionellen Bauchschmerzes leisteten Apley und Naish (1958) in einer sorgfältigen und immer noch viel zitierten Studie anüber tausend Schulkindern. Apley und Naish führten eine Definition ein, dieüber viele Jahrzehnte allgemeine Gültigkeit erzielte. Nach ihrer damaligen Definition lag ein rekurrierender, abdomineller Schmerz („recurrent abdominal pain", abgekürzt: RAP) vor, wenn ein Kindüber einen Zeitraum von mindestens drei Monaten an mindestens drei Episoden abdominellen Schmerzes leidet, die ernsthaft genug sind, seine Alltagsaktivitäten einzuschränken.

Diese Definition hatüber viele Jahrzehnte die Ein- und Ausschlusskriterien zu klinischen Studien beim chronisch-abdominellen Bauchschmerz bestimmt. In der Zeit von Apley und Naish in den späten 50er Jahren war die extensive terminologische Verwendung diesesübergreifenden Störungsbegriffs nachvollziehbar, weil sowohl viele organisch begründete wie funktionelle gastrointestinale Störungen noch nicht präzise differenziert werden konnten. Die Ergebnisse von vielen Studien, die sich in den Folgejahren an der Störungsdefinition von Apley und Naish (1958) orientiert haben, beziehen sich demnach auf die Gesamtgruppe aller Kinder und Jugendlichen mit funktionellen Bauchschmerzen. Heute besteht Konsens, dass der rekurrierende, abdominelle Schmerz keine Diagnose, sondern ein Symptomspektrum bezeichnet.

Für die Gesamtgruppe funktioneller gastrointestinaler Störungen gilt als gemeinsames Definitionsmerkmal eine variable Kombination von chronisch-episodischen gastrointestinalen Symptomen bei gleichzeitiger Abwesenheit einer identifizierbaren strukturellen oder biochemischen Abnormalität (Drossman et al., 1990). Die individuelle Symptomkonstellation führt dann zur spezifischen Diagnose innerhalb des Spektrums der verschiedenen funktionellen gastrointestinalen Störungen. Die wichtigsten Störungskategorien, die mit funktionellen Bauchschmerzen einhergehen, umfassen die funktionelle Dyspepsie („Reizmagen"), das Reizdarmsyndrom, die funktionelle abdominelle Schmerzen im engeren Sinne sowie die abdominelle Migräne.

6.1.2 Traditioneller Dualismus von Somatogenese versus Psychogenese
Funktioneller Bauchschmerz ist heute für 2% bis 4% aller Besuche beim Kinderarzt verantwortlich und damit einer der häufigsten Vorstellungsanlässe (vgl. Alfvén, 2001). Nur bei circa 5% der Patienten jedoch, die sich klinisch vorstellen, kann eine organische Ursache identifiziert werden. In der Regel ergibt die klinische Untersuchung und Labordiagnostik unauffällige infektiöse, entzündliche und biochemische Befunde. Diese Abwesenheit positiver organischer Befunde führt zum Verdacht auf einen funktionell bedingten Bauchschmerz. Traditionell hat ein negativer somatischer Befund oft zur direkten Annahme einer Psychogenität des Bauchschmerzes geführt.

Zur Erklärung der Schmerzsymptomatik haben psychosomatische Konzepte auch bei Kinderärzten breite Anerkennung und Berücksichtigung bei der Diagnosemitteilung gefunden. Traditionell war die dualistische Grundannahme vorherrschend, dass nach dem Ausschluss einer organischenÄtiologie nur eine psychogene Verursachung als Erklärungübrig bleibt. Für diese Schlussfolgerung reichte traditionell der negative Befund der pädiatrischen Ausschlussdiagnostik.

Ein komplementärer, positiver psychopathologischer Befund für die Diagnose eines„psychogenen Bauchschmerzes" wurde in der Regel nicht gefordert, es reichte vielmehr, wenn die somatischen Befunde negativ ausfielen. Fehlende Anzeichen einer psychischen Auffälligkeit beim Kind wurden nicht als Ausschluss einer Psychogenität gewertet. Auch wenn keinespezifischen psychologischen Gründe für einen Bauchschmerz nachweisbar waren, wurde die Diagnose eines psychogenen Bauchschmerzes häufig aufrechterhalten. Zur Begründung der Annahme einer Psychogenität trotz fehlender klinischer Evidenz wurden vor allem zwei Argumentationsfiguren herangezogen:

• Die psychische Verursachung sei– zumindest bei einer orientierenden Untersuchung– klinisch nicht nachweisbar, weil die Gründe unbewusst und damit der Exploration von Kind und Eltern nicht unmittelbar zugänglich seien. Daher sei eine Psychogenität weiterhin anzunehmen, aber leider klinisch nicht belegbar. Diese Argumentation ist unwissenschaftlich, weil sie nicht empirisch falsifiziert werden kann.

Vorwort6
Inhaltsverzeichnis8
Einführung14
Kapitel 1 Beschreibung des Störungsbildes22
1.1 Einführung22
1.2 Biologische Krankheit, psychisches Kranksein, soziale Krankenrolle23
1.3 Diskrepanz zwischen objektiver Diagnostik des Arztes und subjektivem Beschwerdeerleben des Patienten25
1.4 Definition somatoformer Störung26
1.5 Funktionelle Störungen27
1.6 Auslösende Symptome einer somatoformen Störung: Entwicklung einer Typologie29
1.7 Somatoforme Störung by proxy31
Kapitel 2 Epidemiologie34
2.1 Übersicht34
2.2 Prävalenz funktioneller Beschwerden in der Bevölkerung37
2.3 Prävalenz funktioneller Schmerzstörungen in der Bevölkerung38
2.4 Prävalenz somatoformer Störungen in der Bevölkerung40
2.5 Prävalenz somatoformer Störungen in einer multizentrischen klinischen Studie42
2.6 Inanspruchnahme pädiatrischer und kinderpsychologischer Behandlung45
2.7 Gesundheitsökonomische Auswirkungen46
2.8 Implikationen der epidemiologischen Befunde für die Klassifikation und Störungstheorie funktioneller und somatoformer Störungen47
Kapitel 3 Klassifikation und Differenzialdiagnose49
3.1 Funktionelle und somatoforme Störungen im Fokus der Kinderpsychologie, Pädiatrie und Schmerztherapie49
3.2 Klassifikation funktioneller Symptome im ICD-1053
3.3 Klassifikation der somatoformen Störung im ICD-1054
3.4 Klassifikation der somatoformen Störung im DSM-IV-TR57
3.5 DSM-IV-TR und ICD-10 im Vergleich59
3.6 Kritik an kategorialer Klassifikation60
3.7 Dimensionale Klassifikation somatoformen Verhaltens64
3.8 Schmerztherapeutische Klassifikation66
3.9 Differenzialdiagnostische Abgrenzung von anderen psychischen Störungen70
Kapitel 4 Erfassungsinstrumente75
4.1 Übersicht75
4.2 Erfassung der Schmerzstärke76
4.3 Erfassung der Adaptation an eine funktionelle Schmerzstörung80
Kapitel 5 Ein entwicklungspsychopathologisches Störungskonzept zur somatoformen Anpassungsstörung93
5.1 Entwicklung eines Störungskonzepts in Übereinstimmung mit der Epidemiologie93
5.2 Ein entwicklungspsychopathologisches Verständnis funktioneller und somatoformer Störungen95
5.3 Äquifinalität und Multifinalität der Adaptation96
5.4 Die somatoforme Anpassungsstörung99
Kapitel 6 Funktioneller Bauchschmerz106
6.1 Beschreibung des Störungsbildes106
6.2 Epidemiologie109
6.3 Pädiatrische Differenzialdiagnostik111
6.4 Erscheinungsbild und Klassifikation funktionell- abdomineller Störungen116
6.5 Funktionelle Dyspepsie122
6.6 Reizdarmsyndrom123
6.7 Abdominelle Migräne124
6.8 Funktioneller Bauchschmerz125
6.9 Stabilität und Wandel im Erscheinungsbild funktioneller gastrointestinaler Störungen126
Kapitel 7 Vorläuferstörungen bei den Eltern und Langzeitprognose des Kindes129
7.1 Übersicht129
7.2 Vorläuferstörungen bei den Eltern130
7.3 Mechanismen einer Transmission von Eltern auf das Kind136
7.4 Entwicklungspfade138
7.5 Entwicklungsausgänge139
Kapitel 8 Ätiopathogenese des funktionellen Bauchschmerzes146
8.1 Hierarchische Organisation der Schmerzverarbeitung146
8.2 Abdominelle Schmerzsensitivierung150
8.3 Affektive Schmerzbewertung153
8.4 Kognitive Schmerzbewertung158
8.5 Absteigende Schmerzmodulation160
8.6 Interaktion von zentralem und enterischem Nervensystem bei der Schmerzverarbeitung162
Kapitel 9 Katastrophisierende Verarbeitung von Schmerz und Gesundheitsangst bei der somatoformen Anpassungsstörung170
9.1 Übersicht170
9.2 Coping172
9.3 Katastrophisierung als Ausdruck dysfunktionaler Schmerzverarbeitung174
9.4 Katastrophisierung als klassisch konditioniertes Verhalten176
9.5 Katastrophisierung als Aktivierung dysfunktionaler Schemata178
9.6 Katastrophisierung im Kontext der transaktional