: Renate Volbert, Max Steller (Hrsg.)
: Handbuch der Rechtspsychologie (Reihe: Handbuch der Psychologie, Bd. 9)
: Hogrefe Verlag Göttingen
: 9783840918513
: 1
: CHF 47.90
:
: Allgemeines, Lexika
: German
: 652
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF

Das Handbuch informiert anhand ausgewählter Schlüsselbegriffe umfas-sendüber Grundlagen, Konzepte und Methoden der Rechtspsychologie. Theorien und empirische Befunde zur Kriminalitätsentstehung, Methoden und Ergebnisse der Straftäterbehandlung im Straf- und Maßregelvollzug, Aspekte der Opfererfahrung und Kriminalitätsbewält gung sowie verschiedene Anwendungsgebiete von Polizeipsychologie sind Themen des Bandes.

Ferner werden die Grundlagen und Methoden der Aussagepsychologie, der Schuldfähigkeitsbegutach ung sowie der Kriminalitätsprognose dargestellt. Verschiedene Aspekte der familienpsychologischen Begutachtung sowie der Psychologie der Strafverfolgung und des Strafverfahrens bilden weitere Schwerpunkte des Bandes. Neben Psychologen erhalten auch Angehörige der Nachbardisziplinen Forensische Psychiatrie, Rechtsmedizin und Rechtswissenschaften in diesem Handbuch einen fundiertenÜberblickü ber die zentralen Forschungs- und Anwendungsgebiete der Rechtspsychologie.

Die Autoren

PD Dr. Renate Volbert, geb. 1957. 1976-1982 Studium der Psychologie in Bochum und Bielefeld. 1990 Promotion. 2003 Habilitation. Seit 1984 am Institut für Forensische Psychiatrie der Charité– Universitätsmedizin Berlin in verschiedenen Positionen tätig, seit 2003 als Oberassistentin. Fachpsychologin für Rechtspsychologie BDP/DGPs. Tätigkeit als forensische Sachverständige, vornehmlich zu Fragen der Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen.

Prof. Dr. Max Steller, geb. 1944. 1965-1969 Studium der Psychologie in Kiel. 1974 Promotion. 1985 Habilitation. Seit 1988 Professor für Forensische Psychologie am Institut für Forensische Psychiatrie der Charité– Universitätsmedizin Berlin. Fachpsychologe für Rechtspsychologie BDP/ DGPs. Bundesweit als Sachverständiger für Gerichte tätig, vornehmlich zu Fragen der Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen.

2 Beeinträchtigungen der Aussagetüchtigkeit (S. 291-292)

2.1 Entwicklungspsychologisch bedingte Beeinträchtigungen der Aussagetüchtigkeit
Entwicklungspsychologische Studien zeigen, dass bereits Kinder im Alter von 2 bis 3 Jahren Ereignisse angemessen wahrnehmen und oftüber einen langen Zeitraum behalten können. Sie machen aber auch deutlich, dass junge Kinder zunächst noch erhebliche Schwierigkeiten haben, gespeicherte Informationen selbstständig abzurufen und dass sie deswegen regelmäßig auf spezifische Hinweisreize angewiesen sind (z. B. Fivush, 2002). Ferner fällt es jungen Kindern unter komplexen Bedingungen schwerer alsälteren Kindern oder als Erwachsenen, die Quellen von Gedächtnisrepräsentationen richtig zuzuordnen. Quellenverwechslungen tragen zur Generierung von Pseudoerinnerungen bei.

Empirische Belege für recht gute autobiografische Gedächtnisleistungen von jungen Kindern (z.B. Fivush& Schwarzmueller, 1998) implizieren deswegen nicht notwendigerweise, dass die Kinderüber ausreichende Fähigkeiten verfügen, um forensisch verwertbare Aussagen zu machen. Die Vorgabe von spezifischen Hinweisreizen ist wenig problematisch, wenn Sicherheit darüber besteht, dass ein erfragtes Ereignis tatsächlich vorgefallen ist. In vielen entwicklungspsychologischen Untersuchungen sind die Befragenden zwar nicht immerüber jedes Detail eines Ereignisses vorab informiert, besitzen aber die Sicherheitüber einen prinzipiellen Erlebnishintergrund.

Bei Kindern bis zum vierten Lebensjahr sind die Antworten selbst unter diesen Bedingungen noch sehr fehlerbehaftet. Da in der forensischen Praxis aber eine Begutachtung der Aussage eines Kindes, häufig auch schon die Aussage selbst gar nicht notwendig wäre, wenn das relevante Ereignis bekannt wäre, ist von anderen Voraussetzungen auszugehen: Es müssen verständliche und zuverlässige Aussagenüber Ereignisse abgegeben werden können, bei denen keine dritte Person anwesend war. Liegen keine Informationenüber das fragliche Ereignis vor oder stehtüberhaupt in Frage, ob ein vermutetes Ereignis stattgefunden hat, ist die Gefahr groß, dass spezifische Hinweisreize und Fragen falsche Informationen enthalten. Dies wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit von Suggestionseffekten bei prinzipiell erlebnisbasierten Aussagen oder die komplette Induzierung einer falschen Erinnerung (Suggestion).

Befragungen in der forensischen Praxis finden zudem oft Wochen, Monate oder Jahre nach dem fraglichen Ereignis statt. Zwar ist nicht konsistent belegt, dass Kinder nach einem längeren Behaltensintervall weniger Details und mehr Fehler produzieren, generell wurde aber gefunden, dass bei Befragungen von jungen im Vergleich zuälteren Kindern oder zu Erwachsenen nach längerem Intervall jeweils mehr Hinweisreize notwendig sind als bei zeitnahen Befragungen. Die Gefahr, dass Aussagen durch Suggestionseffekte beeinträchtigt werden, ist umso höher, je mehr Hinweisreize gegeben werden müssen, und Quellenverwechslungen treten besonders dann auf, wenn zwischen tatsächlichem oder vermeintlichem Ursprungsereignis und Befragung ein langer Zeitraum liegt. Für dieÜbertragbarkeit der Befunde zu Erinnerungsleistungen von Kindern auf forensische Situationen fehlen bislang ergänzende Untersuchungen, die die Aussagegenauigkeit von durch uninformierte Befragende evozierten Darstellungen von Kindern prüfen. Es ist zu vermuten, dass die Aussageleistungen von jungen Kindern in forensischen Praxissituationen eher quantitativ geringer und fehlerbehafteter sind als in den referierten entwicklungspsychologischen Untersuchungen.

Inhalt6
Vorwort12
I Kriminalitätsentstehung14
Kriminalitätstheorien16
1 Einleitung16
2 Persönlichkeitsorientierte Ansätze16
3 Lerntheoretische Erklärungen18
4 Theorien der sozialen Informationsverarbeitung20
5 Sozialstrukturelle Theorien20
6 Etikettierungstheorien22
7 Situationsbezogene Erklärungen: Die Rational Choice Perspektive22
8 Entwicklungsorientierte und neuropsychologische Theorien23
9 Schlussbemerkung25
Weiterführende Literatur26
Literatur26
Gewaltdelinquenz29
1 Einleitung29
2 Erscheinungsweisen der Gewaltdelinquenz im Blickfeld der psychologischen Forschung29
3 Psychologische Modelle zur Erklärung von Gewaltdelinquenz34
Weiterführende Literatur37
Literatur37
Sexualdelinquenz39
1 Einleitung39
2 Gesetzliche Regelungen39
3 Umfang und Entwicklung der Sexualdelikte41
4 Rückfälligkeit42
5 Klassifikation der Sexualdelinquenz44
6 Behandlung und Prognose45
Weiterführende Literatur46
Literatur46
Jugenddelinquenz49
1 Der Delinquenzbegriff49
2 Formen der Jugenddelinquenz49
3 Ursachen und Bedingungen der Jugenddelinquenz51
4 Interventionen54
Weiterführende Literatur55
Literatur5