: Petra Warschburger, Franz Petermann
: Adipositas (Reihe: Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie, Bd. 10)
: Hogrefe Verlag Göttingen
: 9783840916298
: 1
: CHF 19.90
:
: Angewandte Psychologie
: German
: 146
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF

Adipositas undÜbergewicht sind im Kindes- und Jugendalter mittlerweile erschreckend weit verbreitet. Die Ursachen für die Entstehung und Aufrechterhaltung müssen in einem multifaktoriellen Wirkungsmodell betrachtet werden. Der Verlauf ist in aller Regel stabil und eine möglichst frühzeitige und langfristige Begleitung der Kinder und Jugendlichen sowie ihrer Eltern ist notwendig. Bei der Schulung ist die Interdisziplinarität des Behandlungsteams von großer Bedeutung.

Der Leitfaden basiert auf den Leitlinien nationaler und internationa-ler Fachgesellschaften und Arbeitsgruppen. Zunächst wird der aktuelle Forschungsstand zur Symptomatik, zur Komorbidität, derÄtiologie, dem Verlauf und der Therapie der Adipositas dargestellt. Anschließend werden die Leitlinien zur Diagnostik und Verlaufskontrolle, zur Behandlungsindikation und zur Therapie aufgezeigt und ihre Umsetzung in die klinische Praxis erläutert. Hierzu werden beispielhaft auch Materialien zur Arbeit mit den betroffenen Kindern und deren Eltern vorgestellt sowie das konkrete Vorgehen anhand von Fallbeispielen erläutert.

Die Autoren

Prof. Dr. phil. Petra Warschburger, geb. 1965. Professorin für Beratungspsychologie am Institut für Psychologie der Universität Potsdam.

Prof. Dr. phil. Franz Petermann, geb. 1953. Lehrstuhlinhaber für Psychologische Diagnostik an der Universität Bremen und Direktor des Zentrums für Klinische Psychologie und Rehabilitation der Universität Bremen.

1.5.3 Die Rolle des Essverhaltens (S. 17-18)

Durch die Nahrungsaufnahme wird dem Körper Energie zugeführt. Beim Essverhalten werden vor allem die Quantität und Qualität der Nahrung als relevante Faktoren diskutiert.

Nahrungsmenge und Ernährungszusammensetzung

Nahrungsmenge: Die Messung der Menge der zu sich genommenen Nahrung gestaltet sichäußerst schwierig. Werden Selbstberichte in Form von Ernährungsprotokollen zu Grunde gelegt, so zeigt sich ein„underreporting" bei allen Personen, dies ist jedoch bei adipösen Personen besonders ausgeprägt (Livingstone& Robson, 2000). Zu beachten gilt hierbei auch, dass die Kinder und Jugendlichen durch ihr erhöhtes Gewicht bereits einen erhöhten Kalorienbedarf haben– die Werte zur Nahrungsaufnahme müssen zum Körpergewicht in Beziehung gesetzt werden. So hat ein 12-jähriger Junge mit einem BMI von 19,5 (1,6 m groß, 50 kg schwer) einen täglichen Energiebedarf von 2.042 kcal. Wiegt dieser Junge nur 10 kg mehr, steigt sein täglicher Energiebedarf um 279 kcal. Dies entspricht ungefähr einem Magnum-Eis oder einer Scheibe Vollkornbrot mit einer Scheibe Käse und einem kleinen Apfel. Das Körpergewicht muss man bei der Beurteilung (z.B. der Ernährungsprotokolle) beachten. Untersuchungen mit der so genannten Doubly-labeled-water-Technik konnten eine erhöhte Nahrungszufuhr von adipösen Kindern und Jugendlichen feststellen– die Unterschiede sind jedoch geringfügig. Generell werden immer wieder nur geringfügige Zusammenhänge zwischen der Höhe der Kalorienzufuhr und dem Gewichtsstatus der Kinder und Jugendlichen gefunden (z.B. Gillis et al., 2002, Maffeis et al., 1996).

Nahrungszusammensetzung: Für fast alle Kinder lässt sich festhalten, dass ihr Ernährungsverhalten nicht den Empfehlungen für eine gesunde Ernährung entspricht: Vor allem der Konsum von Obst und Gemüse liegt unterhalb der empfohlenen Normwerte. Generell wird zu süß und zu fett gegessen. Gerade der hohe Anteil an fettreicher Nahrung steht jedoch im Zusammenhang mit der Entwicklung von Adipositas (Rolland- Cachera et al., 1995). So zeigen sich denn auch bei der Nahrungsmittelauswahl eine stärkere Präferenz der adipösen Kinder und Jugendlichen für fettreiche Mahlzeiten und zuckerhaltige Getränke (z.B. Rolland-Cachera& Bellisle, 1986, Kimm, 1995). Auch in der Verteilung der Mahlzeitenüber den Tag wurden Auffälligkeiten berichtet. Zwischen der Anzahl der Mahlzeiten pro Tag und dem BMI-Status scheint eine Dosis-Wirkungs-Beziehung zu bestehen: Die Rate der adipösen Schulkinder war mehr als doppelt so hoch, wenn drei oder weniger Mahlzeiten im Vergleich zu fünf oder mehr Mahlzeiten pro Tag (4,2 % vs. 1,7 %) eingenommen wurden. Der protektive Effekt einer höheren Anzahl von Mahlzeiten blieb auch dann bestehen, wenn für weitere Einflussfaktoren wie Bildungsniveau der Eltern, BMI der Eltern, täglicher Fernsehkonsum etc. kontrolliert wurde. Erwähnenswert ist auch, dass mit der höheren Anzahl von Mahlzeiten auch eine höhere Kalorienaufnahme berichtet wurde (Toschke et al., 2005).

Konkretes Essverhalten: Das konkrete Essverhalten ist durch zahlreiche Prozesse bestimmt: Neben der kognitiven Dimension (z.B. Einstellungen gegenüber bestimmten Nahrungsmitteln, Informationenüber den Kaloriengehalt eines Nahrungsmittels), spielen physiologische, emotionale (z.B. Essen in Stresssituationen) und Lernprozesse (operante und klassische Konditionierungsprozesse, z. B. Schokolade tröstet, pünktlich zur Mittagszeit knurrt der Magen) eine wichtige Rolle. Während im Säuglingsalter Hunger und Sättigung rein intern gesteuert werden, kommen im Laufe der Entwicklung emotionale und kognitiv-behaviorale Prozesse hinzu undüberlagern die physiologische Steuerung des Essverhaltens.

Psychologische Theorien haben sich vor allem mit der Frage nach der Auslösbarkeit und dem konkreten Essverhaltensstil beschäftigt. So postulierte Schachter, dass adipöse Personen unter einer erhöhten Außenreizabhängigkeit leiden. Sie seien sehr empfindlich gegenüber Außenreizen (wie Geschmack des Essens, Rückmeldungenüber die Menge, die bereits gegessen wurde) und wenig empfänglich für interne Signale von Hunger und Sättigung. Diese hohe Außenreizabhängigkeit wurde jedoch in allen Gewichtsgruppen gefunden. Sie scheint kein generelles Merkmal für adipöse Menschen zu sein, sind die Kinder und Jugendlichen stärker außenreizabhängig, dann kommt für sie eine erschwerende Bedingung hinzu.

Neben den Außenreizen wurde immer wieder auch das Konzept des emotionsinduzierten Essverhaltens diskutiert. Generell wurde bei Menschen aller Gewichtsklassen in Stresssituationen ein verändertes und ungünstiges Essverhalten beobachtet (vgl. Allison& Heshka, 1993, Logue, 1995). Für adipöse Kinder und Jugendliche zeigte sich, dass sieüber ein höheres Ausmaß an emotionsinduziertem wie außenreizabhängigem Essen berichten (Braet& van Strien, 1997) und adipöse Kinder und Jugendliche Essen häufig als Copingstrategie im Umgang mit Stresssituationen einsetzen (Warschburger& Strauss, 2005). So wurden auch höhere Angstwerte bei adipösen Kindern und Jugendlichen im Vergleich zu Kindern und Jugendlichen mit anderen chronischen Erkrankungen gefunden (vgl. Kap. 1.4.2).

Einleitung: Grundlagen und Aufbau des Buches6
Inhaltsverzeichnis8
1 Stand der Forschung12
1.1 Definition von Übergewicht und Adipositas12
1.2 Prävalenz und Inzidenz13
1.3 Verlauf und Prognose15
1.4 Komorbidität und Differenzialdiagnose17
1.4.1 Komorbidität mit organischen Erkrankungen17
1.4.2 Komorbidität mit psychischen Störungen18
1.4.3 Diagnostische Einordnung und Differenzialdiagnose19
1.5 Ätiologie22
1.5.1 Multifaktorielles Störungsmodell23
1.5.2 Die Rolle genetischer Faktoren26
1.5.3 Die Rolle des Essverhaltens28
1.5.4 Körperliche Aktivität und Inaktivität als Quellen des Energieverbrauchs30
1.5.5 Weitere Risikofaktoren für die Entwicklung einer Adipositas32
1.5.6 Die Rolle der Eltern34
1.6 Behandlung34
1.6.1 Pharmakotherapie36
1.6.2 Chirurgische Therapie37
1.6.3 Diäten37
1.6.4 Langfristige Ernährungsumstellung39
1.6.5 Körperliche Aktivität41
1.6.6 Verhaltenstrainings42
1.6.7 Multimodale Interventionsprogramme44
1.6.8 Wirksamkeit der Adipositasbehandlung45
2 Leitlinien47
2.1 Leitlinien zur Diagnostik und Verlaufskontrolle47
2.1.1 Die körperliche Untersuchung48
2.1.2 Anamnese der Eltern51
2.1.3 Exploration des Kindes/Jugendlichen65
2.1.4 Standardisierte Fragebögen und Beurteilungsskalen70
2.1.5 Verlaufskontrolle71
2.2 Leitlinien zu Behandlungsindikationen75
2.2.1 Stationäres vs. ambulantes Behandlungssetting76
2.2.2 Einzel- vs. Gruppentherapie