: Dieter Frey, Lutz von Rosenstiel
: Wirtschaftspsychologie (Enzyklopädie der Psychologie : Themenbereich D : Ser. 3 ; Bd. 6)
: Hogrefe Verlag Göttingen
: 9783840905841
: 1
: CHF 135.60
:
: Angewandte Psychologie
: German
: 954
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF

Der Band beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischenPsychologie und Volkswirtschaft. Viele Urteile und Entscheidungen im Bereich der Wirtschaft werden nicht auf rein rationaler Basis getroffen: Wie sich wirtschaftliche Akteure wie Sparer, Konsumenten, Unternehmer oder Börsenakteure verhalten hängt genauso stark von Stimmungen, Affekten, Motivation und Gruppenverhalten ab.

Auch das Verhalten ganzer Gruppen von Wirtschaftsakteuren wie Fondsgesellschaften, Gewerkschaften oder Verbände sind von psychologischen Mechanismen betroffen und durch diese beschreibbar. Der Band geht also der Frage nach, inwieweit sich Einzelverhalten als auch kollektives Verhalten auf die Makroebene auswirken und welchen Beitrag die Psychologie zur Erklärung und Vorhersage makroökonomischer Phänomene leisten kann. Er bietet damit einen aktuellen und umfassendenÜberblick&uum ;ber die verschiedenen Themen derWirtschaftspsychol gie.

6. Kapitel

Steuermoral und Steuerhinterziehung
( S. 203)

Erich Kirchler und Boris Maciejovsky
1 Einleitung
Im Altertum wurden Abgaben zur Deckung des Finanzbedarfs als außerordentliche Leistungen von sozial minder privilegierten Gruppen getragen. Das antike Rom deckte seinen Haushalt vorwiegend durch Tributzahlungen unterworfener Völker sowie durch Kriegsbeute. Im Mittelalter wurden Zölle sowie steuerähnliche Abgaben aufGrundbesitz und Schenkungen eingezogen, und schließlich entwickelten sich im siebzehnten Jahrhundert mit der Herausbildung der Geldwirtschaft in England, Frankreich und später in derübrigenwestlichenWelt komplexe Systeme der Besteuerung.

Dabei hatte die Verpflichtung zur Steuerabfuhr einen hohen moralischen Anspruch, es wurde an die Ehre des Steuerzahlers appelliert. Dies bedeutet, dass jeneMenschen, deren Lebenswandel als unehrenhaft angesehen wurde, zwar von der Steuerverpflichtung ausgenommen, aber auch sozial stigmatisiert wurden.

Gegenwärtig wird die Pflicht, der Steuerabfuhr nachzukommen, jedochweniger als moralischeVerpflichtung aufgefasst, sondern vielmehr als Opfer, das jeder Staatsbürger zumWohle der Gemeinschaft zu erbringen hat. Die Auffassung, dass es sich bei der ordnungsgemäßen Abfuhr von Steuern um ein Opfer handelt, spiegelt sich darin, dass Steuern zu unmittelbaren individuellen Konsequenzen führen, einem reduzierten verfügbaren Einkommen.

Dieser für das Individuum negativen Konsequenz steht ein für die Gesellschaft positiver Effekt gegenüber: Steuern ermöglichen dem Staat eine Vielzahl von staatlichen Leistungen bereitzustellen, die der Allgemeinheit zugute kommen. Steuerpflichtige befinden sich somit in einem sozialen Dilemma. Individuelle Interessen, möglichst geringe steuerliche Belastungen, stehen im Konflikt mit kollektiven Interessen, einem funktionierendenGemeinwesen, zu dem alle Steuerpflichtigen zu gleichen Teilen beitragen.

Steuerentscheidungen als soziales Dilemma zu definieren, resultierte in der Vergangenheit, insbesondere von Seiten derÖkonomie, in Modellen individuellen Steuerverhaltens unter Unsicherheit. Beruhend auf wenigen zentralen Annahmen, wie Rationalität und individuelle Nutzenmaximierung, wurden formale Modelle konstruiert, welche die Entscheidung, Steuern ordnungsgemäß abzuführen oder sie zu hinterziehen, vor allem von exogenen Größen, wie der Kontrolle und Strafe, abhängig machten (siehe etwa Allingham&, Sandmo, 1972).

Zahlreiche empirische Untersuchungen zeigen jedoch auf, dass die alleinige Berücksichtigung exogener Variablen unzureichend ist, um individuelles Steuerverhalten zu erklären. Vielmehr weisen neuere Forschungsergebnisse darauf hin, dass neben monetären Konsequenzen auch intrinsische Faktoren, wie subjektive Wahrnehmung der Steuersituation oder Gerechtigkeitserleben, für die Steuerentscheidung von Belang sind.

In diesem Sinne werden im nächsten Kapitelökonomische Modelle der Steuerentscheidung diskutiert, während im dritten Kapitel psychologisch relevante Erweiterungen und Ergänzungen desökonomischen Steuerparadigmas angeführt werden. Das zweite Kapitel beginnt mit einer kurzen Einführungüber die Wirkung von Steuern. Daran anschließend wird dasökonomische Standardmodell von zwei Betrachtungsseiten analysiert: Erstens vom Standpunkt des individuellen Steuerpflichtigen (mikroökonomische Analyse) und zweitens aus der Perspektive des Staates und der Gemeinschaft (makroökonomische Analyse).

Schließlich schließt das zweite Kapitel mit einer Diskussion wesentlicher Grenzen desökonomischen Standardmodells. Im daran anschließenden dritten Kapitel werden empirische Untersuchungen diskutiert, die dasökonomisch fundierte Steuerparadigma um psychologisch relevante Aspekte erweitert.

Zu diesen psychologischen Aspekten zählen Steuermoral und Steuermentalität, wahrgenommene Freiheitseinschränkung und Reaktanz, subjektives Gerechtigkeitserleben sowie individuelle Risikoneigung. Schließlich werden im vierten Kapitel verschiedene empirische Methoden zur Messung der Steuerhinterziehung diskutiert und im abschließenden fünften Kapitel wird ein Resumée gezogen.

2 Die Steuersituation im Kontext desökonomischen Standardmodells

2.1 Zur Wirkung von Steuern
Eineökonomisch fundierte Analyse des Steuerverhaltens muss zunächst die Frage klären, wie Steuern wirken.

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Autorenverzeichnis6
Vorwort10
Inhaltsverzeichnis14
Kapitel 1 Psychologie in der Wirtschaftslehre30
Literatur34
Kapitel 2 Berufliche Erwartungen der Arbeitnehmer vor dem Hintergrund des Arbeitsmarktes36
1 Arbeitsmarkt und Arbeitnehmerverhalten36
2 Berufliche Erwartungen und ihre Konsequenzen52
3 Fazit68
Literatur70
Kapitel 3 Konsum und Konsumklima76
1 Einführung76
2 Individuelle Rahmenbedingungen von Kaufprozessen77
3 Kaufprozesse von Konsumenten85
4 Externe Einflussfaktoren des Konsumentenverhaltens92
5 Konsumklima95
6 Ausblick99
Literatur100
Kapitel 4 Psychologie des Geldes104
1 Einführung104
2 Der Homo oeconomicus: Der rationale und eigeninteressierte Umgang mit Geld105
3 Der Homo psychologicus: Der emotionale, heuristische, norm- und erfahrungsgeleitete Umgang mit Geld106
4 Mit Geld rechnen: Wahrnehmung von Geldbeträgen und Preisen112
5 Mit Geld tauschen: Wie, was und warum wird mit Geld getauscht?122
6 Mit Geld zahlen - Wahrnehmung und Gebrauch verschiedener Zahlungsmittel148
7 Geld aufbewahren - Sparen und Eingehen von Schulden151
8 Macht Geld glücklich?160
9 Abschlie ende Bemerkungen162
Literatur163
Kapitel 5 Die Psychologie des Unternehmertums178
1 Begrifflichkeiten und Forschungslinien178
2 Die Unternehmensgründung187
3 Unternehmerisches Handeln199
4 Rückzug und Nachfolge211
5 Fazit222
Literatur223
Kapitel 6 Steuermoral und Steuerhinterziehung232
1 Einleitung232
2 Die Steuersituation im Kontext des ökonomischen Standardmodells233
3 Steuerverhalten im Kontext psychologischer Determinanten243
4 Empirische Methoden zur Messung der Steuerhinterziehung255
5 Schlussbemerkungen257
Literatur258
Kapitel 7 Schnittstelle Familie und Beruf - Wie gehen besonders Führungskräfte damit um?264
1 Einführung264
2 Stand der Forschung zum Themenbereich265
3 Familie - was verstehen wir darunter?270
4 Führungskräfte heute283
5 Abgeleitete Konfliktpotenziale294
Literatur302
Kapitel 8 Psychologie der Beratung312
1 Bedeutung und Definition von Beratung312
2 Beratungsansätze315
3 Funktionen von Beratung320
4 Phasen der Beratung322
5 Empirische Untersuchungen zum Einfluss von Beratern auf Klienten327
6 Gefahrenquelle: Strategisches Verhalten des Beraters339
7 Ausblick346
Literatur347
Kapitel 9 Globalisierung und Psychologie354
1 Zentrale Merkmale der Globalisierung355
2 Wirkmuster der Globalisierung359
3 Szenarien der Globalisierung371
4 Globalisierung: Fragen an die Psychologie376
Literatur378
Kapitel 10 Social Marketing382
1 Gegenstand und Problembereiche des Social Marketing382
2 Theoretische und konzeptionelle Grundlagen des Social Marketing391
3 Strategisches Marketingmanagement397
4 Steuerungsphase des Social Marketing - Operativer Einsatz von Marketinginstrumenten410
5 Erfolgsvoraussetzungen und Zukunftsperspektiven des Social Marketing420
Literatur422
Kapitel 11 Fusionen und Akquisitionen428
1 Begriffsbestimmungen und Integrationsansätze429
2 Zum Forschungsstand435
3 Messung des Erfolges von M435
438435
4 Auswirkungen von M435
444435
5 Erfolgsfaktoren bei Fusionen und Akquisitionen449
Literatur482
Kapitel 12 Methoden und Befunde makropsychologischer Wirtschaftsforschung492
1 Psychologie und Makroökonomie492
2 Makropsychologische Wirtschaftsforschung493
3 Methodologische Besonderheiten494
4 Instrumente makropsychologischer Forschung497
5 Ausgewählte Befunde makropsychologischer Forschung510
6 Ausblick514