: Gisela Trommsdorff, Hans-Joachim Kornadt
: Erleben und Handeln im kulturellen Kontext (Enzyklopädie der Psychologie : Themenbereich C : Ser. 7 ; Bd. 2)
: Hogrefe Verlag Göttingen
: 9783840915031
: 1
: CHF 135.60
:
: Geisteswissenschaften, Kunst, Musik
: German
: 707
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF

Alle Menschen wachsen in Interaktion mit ihren soziokulturellen Rahmenbedingungen auf, welche sehr unterschiedlich sein können. In diesem Band wird die Varianzpsychischer Phänomene, Prozesse undFunktionsbereiche< strong> in ihrer Abhängigkeit vomkulturellen Kontext thematisiert.

Enthalten sind u.a. Beiträge zur Wahrnehmungs- und Kognitionsforschung, zum Problemlösen, zur sprachlichen Kommunikation und zu kulturellen Unterschieden im Spracherwerb.Weiterhin wird auf die Kulturspezifität und Universalität von Emotionen und Motiven eingegangen oder auf die Entwicklung des moralischen Urteils unter verschiedenen Kulturbedingungen.

4. Kapitel

Kulturspezifischer Spracherwerb
( S. 157)

Margrith A. Lin-Huber
1 Theoretische und methodische Ansätze in der Spracherwerbsforschung

1.1 Anlage-Umwelt-Kontroverse

Die Beschäftigung mit den kulturellen Unterschieden oder Gemeinsamkeiten beim kindlichen Spracherwerb wirft zuerst die Frage nach den relativen Anteilen von Vererbung und sozialer Umwelt auf. Nur durch die Klärung des Anteils der Umwelteinflüsse wird ersichtlich, wo kulturelle Varianten möglich sind. Die Anlage-Umwelt-Kontroverse war in der Spracherwerbsforschung in den letzten 50 Jahren das zentrale Thema, bei dem jedoch verschiedene theoretische Positionen vertreten wurden.

Je nach Standpunkt wurde die Bedeutung der soziokulturellen Umgebung unterschiedlich bewertet: Die Behavioristen nahmen an, sprachliche Kompetenz sei ausschließlich Resultat eines Lernprozesses (Skinner, 1957). Die Nativisten gingen davon aus, dass sprachliche Kompetenz genetisch angelegt sei, d. h., dass sich Sprache auf Grund von angeborenem Wissen (sprachliche Universalien) entwickelt (Chomsky, 1959, 1968).

Die Kognitivisten vertraten die Ansicht, dass erste sprachliche Kategorien aus sensomotorischen Strukturen entstehen (Piaget, 1972a). Nach den Interaktionisten bilden sich die ersten sprachlichen Strukturen aus den gemeinsamen vorsprachlichen Handlungsmustern zwischen Mutter und Kind (Bruner, 1983).

Momentan gewinnen in der Spracherwerbsforschung wieder vermehrt nativistische Auffassungen an Einfluss. Nach Pinker (1994) ist Sprache eine komplexe hoch entwickelte Fertigkeit, die sich ohne bewusste Anstrengung oder formale Unterweisung beim Kind ganz spontan entwickelt. Kinder verfügenüber eine angeborene Fähigkeit, die Sprache der Eltern mit Hilfe einer„begrenzten Menge mentaler Kategorien" („Mentalesisch") zu analysieren und zu generalisieren (Pinker, 1994).

Diese Universalgrammatik ist auf alle Sprachen der Welt gleich anwendbar (Tomasello, 1999). Wenn auch auf Grund transkultureller Untersuchungen festgestellt wurde, dass der Erwerb der Muttersprache ein in hohem Maße systematischer Prozess mit inhärenten Gesetzmäßigkeiten ist (Bates&, Marchman, 1988, Felix, 1982, Slobin, 1985a, b, 1992), so besteht jedoch kein Zweifel daran, dass der Gebrauch der Sprache und das Wissenüber sie kulturell vermittelt wird.

Eine genetisch erworbene Sprachfähigkeit allein kann den Spracherwerb und die Sprachkenntnisse nicht bewirken. Ein Kind kann eine Sprache nur erlernen, wenn die Gesellschaft, in der das Kind lebt, die Daten liefert, auf denen die angeborene Sprachfähigkeit aufbaut (vgl. Bruner, 1983, 1990). Kinder lernen wohl von sich aus sprechen, sie generalisieren jedoch von Rollenmodellen. Letzteres räumt selbst Pinker (1994) ein.

Systematische Analysen der elterlichen Sprache wurden bereits früher von einzelnen Forschern durchgeführt (vgl. Morris, 1968, Wundt, 1940). Auf Grund der Forderung von Campbell und Wales (1970), sich wissenschaftlich mehr mit den Umständen zu befassen, unter denen ein Kind lernt und wie es seine kommunikativen Kompetenzen erwirbt, richtete die Spracherwerbsforschung Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts ihren Fokus vermehrt auf den sprachlichen Input der Erwachsenen und die Interaktionen zwischen den Kindern und ihren Betreuungspersonen.

Diese„an das Kind gerichtete Sprache" wurde zum Hauptthema in der Diskussion der Spracherwerbsforschung. Das Forschungsinteresse galt den Mutter-Kind-Interaktionen und ihrer Bedeutung für die kindliche Sprachentwicklung in den ersten drei Lebensjahren. Auf Grund der Frage nach den Ursachen von Variationen der Kindersprache entstand eine große Anzahl von Studien mit immer detaillierteren Fragestellungen und linguistischen Beobachtungsrastern.

Autorenverzeichnis6
Vorwort8
Literatur15
Inhaltsverzeichnis18
Kapitel 1 Kulturvergleichende Wahrnehmungs- und Kognitionsforschung30
1 Wahrnehmung, Kognition und Kultur30
2 Kulturvergleichende Wahrnehmungsforschung33
3 Kulturvergleichende Kognitionsforschung50
4 Fazit73
Literatur76
Kapitel 2 Problemlöseprozesse in kulturvergleichender Perspektive88
1 Einleitung: Zum Zustand der kulturvergleichenden Problemlöseforschung88
2 Problemlösen als kulturelle Leistung: Konzeptuelle und theoretische Grundlagen89
3 Entscheidungsforschung: Der Umgang mit Wahrscheinlichkeit und Risiko im Kulturvergleich93
4 Denk- und Problemlösestile99
5 Strategien des Problemlösens im sozialen Kontext110
6 Der Umgang mit komplexen Problemen119
7 Die Ursachen kultureller Unterschiede beim Problemlösen: Versuch einer Zusammenfassung122
8 Schlussbemerkungen126
Literatur127
Kapitel 3 Sprachliche Kommunikation im Kulturvergleich138
1 Sprache, Kultur und Kommunikation138
2 Methodische Vorüberlegungen140
3 Die Sprache als artspezifisches Merkmal146
4 Die Sprache als kulturspezifisches Merkmal149
5 Die Sprache als Werkzeug der Verständigung153
6 Kulturelle Determinanten der Sprachverwendung156
7 Schlussfolgerungen172
Literatur174
Kapitel 4 Kulturspezifischer Spracherwerb186
1 Theoretische und methodische Ansätze in der Spracherwerbsforschung186
2 Spracherwerb im gesellschaftlich-kulturellen Kontext194
3 Kulturangepasste Forschungsmethoden196
4 Kulturspezifischer Spracherwerb199
5 Spracherwerb im Kulturvergleich222
6 Soziokulturelle Unterschiede226
7 Bikultureller Spracherwerb229
Literatur232
Kapitel 5 Emotion im Kulturvergleich248
1 Einleitung248
2 Strukturalistisches Paradigma der Emotionsforschung251
3 Funktionalistisches Paradigma265
4 Ko-Konstruktivistisches Paradigma278
5 Entwicklungspsychologische Perspektive287
6 Zusammenfassung und Ausblick296
Literatur300