4. Kapitel
Kulturspezifischer Spracherwerb ( S. 157)
Margrith A. Lin-Huber 1 Theoretische und methodische Ansätze in der Spracherwerbsforschung
1.1 Anlage-Umwelt-Kontroverse
Die Beschäftigung mit den kulturellen Unterschieden oder Gemeinsamkeiten beim kindlichen Spracherwerb wirft zuerst die Frage nach den relativen Anteilen von Vererbung und sozialer Umwelt auf. Nur durch die Klärung des Anteils der Umwelteinflüsse wird ersichtlich, wo kulturelle Varianten möglich sind. Die Anlage-Umwelt-Kontroverse war in der Spracherwerbsforschung in den letzten 50 Jahren das zentrale Thema, bei dem jedoch verschiedene theoretische Positionen vertreten wurden.
Je nach Standpunkt wurde die Bedeutung der soziokulturellen Umgebung unterschiedlich bewertet: Die Behavioristen nahmen an, sprachliche Kompetenz sei ausschließlich Resultat eines Lernprozesses (Skinner, 1957). Die Nativisten gingen davon aus, dass sprachliche Kompetenz genetisch angelegt sei, d. h., dass sich Sprache auf Grund von angeborenem Wissen (sprachliche Universalien) entwickelt (Chomsky, 1959, 1968).
Die Kognitivisten vertraten die Ansicht, dass erste sprachliche Kategorien aus sensomotorischen Strukturen entstehen (Piaget, 1972a). Nach den Interaktionisten bilden sich die ersten sprachlichen Strukturen aus den gemeinsamen vorsprachlichen Handlungsmustern zwischen Mutter und Kind (Bruner, 1983).
Momentan gewinnen in der Spracherwerbsforschung wieder vermehrt nativistische Auffassungen an Einfluss. Nach Pinker (1994) ist Sprache eine komplexe hoch entwickelte Fertigkeit, die sich ohne bewusste Anstrengung oder formale Unterweisung beim Kind ganz spontan entwickelt. Kinder verfügenüber eine angeborene Fähigkeit, die Sprache der Eltern mit Hilfe einer„begrenzten Menge mentaler Kategorien" („Mentalesisch") zu analysieren und zu generalisieren (Pinker, 1994).
Diese Universalgrammatik ist auf alle Sprachen der Welt gleich anwendbar (Tomasello, 1999). Wenn auch auf Grund transkultureller Untersuchungen festgestellt wurde, dass der Erwerb der Muttersprache ein in hohem Maße systematischer Prozess mit inhärenten Gesetzmäßigkeiten ist (Bates&, Marchman, 1988, Felix, 1982, Slobin, 1985a, b, 1992), so besteht jedoch kein Zweifel daran, dass der Gebrauch der Sprache und das Wissenüber sie kulturell vermittelt wird.
Eine genetisch erworbene Sprachfähigkeit allein kann den Spracherwerb und die Sprachkenntnisse nicht bewirken. Ein Kind kann eine Sprache nur erlernen, wenn die Gesellschaft, in der das Kind lebt, die Daten liefert, auf denen die angeborene Sprachfähigkeit aufbaut (vgl. Bruner, 1983, 1990). Kinder lernen wohl von sich aus sprechen, sie generalisieren jedoch von Rollenmodellen. Letzteres räumt selbst Pinker (1994) ein.
Systematische Analysen der elterlichen Sprache wurden bereits früher von einzelnen Forschern durchgeführt (vgl. Morris, 1968, Wundt, 1940). Auf Grund der Forderung von Campbell und Wales (1970), sich wissenschaftlich mehr mit den Umständen zu befassen, unter denen ein Kind lernt und wie es seine kommunikativen Kompetenzen erwirbt, richtete die Spracherwerbsforschung Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts ihren Fokus vermehrt auf den sprachlichen Input der Erwachsenen und die Interaktionen zwischen den Kindern und ihren Betreuungspersonen.
Diese„an das Kind gerichtete Sprache" wurde zum Hauptthema in der Diskussion der Spracherwerbsforschung. Das Forschungsinteresse galt den Mutter-Kind-Interaktionen und ihrer Bedeutung für die kindliche Sprachentwicklung in den ersten drei Lebensjahren. Auf Grund der Frage nach den Ursachen von Variationen der Kindersprache entstand eine große Anzahl von Studien mit immer detaillierteren Fragestellungen und linguistischen Beobachtungsrastern. |