: Dirk Bange
: Missbrauch an Jungen. Die Mauer des Schweigens
: Hogrefe Verlag Göttingen
: 9783840920653
: 1
: CHF 16.20
:
: Angewandte Psychologie
: German
: 168
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF

Sexue ler Missbrauch an Jungen ist bis heute ein Thema, dem kaum Beachtung geschenkt wird. Die Jungen bleiben dadurch häufig in ihrer Not allein. Ihre Hinweise auf das von ihnen erlittene Leid werden nicht wahrgenommen und die angebotenen Hilfen bleiben aus. Verständlich und praxisorientiert beschreibt dieser Band die vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und verbindet diese mit Erfahrungen aus der praktischen Arbeit mit männlichen Opfern sexueller Gewalt.

Nach einem Blick zurück in die Geschichte und einer Begriffsklärung beginnt das Buch mit einer Diskussionüber Pädosexualität. Ausführlich werden dann die Fakten zum Ausmaß und zu den Umständen des sexuellen Missbrauchs erläutert. Die Darstellung der Gefühle und Gedanken sexuell missbrauchter Jungen sowie das Aufzeigen der durch den sexuellen Missbrauch ausgelösten Folgen nehmen einen breiten Raum ein.

Weitere Kapitel befassen sich mit den Täterstrategien, der populären These„Vom Opfer zum Täter" sowie mit der Frage, warum es immer noch eine Mauer des Schweigens gibt. Schließlich wird der für viele sexuell missbrauchte Jungen quälenden Frage nach dem Zusammenhang zwischen Missbrauch und Homosexualität nachgegangen, bevor ausführlich beraterisch-therapeutische Fragen erörtert werden.

4 Pädosexualität ist sexueller Missbrauch ( S. 26)

In den letzten Jahren haben verschiedene Autoren die Meinung vertreten, zumindest ein Teil der von Pädosexuellen an Kindern vorgenommenen sexuellen Handlungen seien kein sexueller Missbrauch und blieben ohne negative Folgen (Rind, Tromovitch&, Bauserman 1998, Lautmann 1994, Kentler 1994,Wolff 1994, Schetsche 1993). Dies wird insbesondere für Pädosexuelle reklamiert, die sich Jungen als Opfer auswählen und keine offene Gewalt einsetzen (Kentler 1994, 149). Die den Jungen zugefügten Verletzungen sind jedoch teilweise sehr tief und weit reichend (Kapitel 8). Ich sehe es deshalb als notwendig an, dieser Meinung deutlich zu widersprechen.

4.1 Was ist Pädosexualität?
Die Männer und Frauen, die sich sexuell (fast) ausschließlich zu Kindern hingezogen fühlen, bezeichnen sich selbst oft als pädophil. Dieser Begriff kommt aus dem Griechischen. Er bedeutete ursprünglich soviel wie Kinderfreund (Stein-Hilbers&, Bundschuh 1998, 299). Die Verwendung des Begriffs pädophil suggeriert, es komme den Pädosexuellen nicht auf die sexuellen Kontakte mit den Kindern an. Vielmehr gehe es ihnen darum, mit Kindern zusammen zu sein und sich an ihnen zu erfreuen.

Der zentrale Stellenwert der Sexualität für den Pädosexuellen wird dadurch verleugnet. Liest man ihre Veröffentlichungen oder spricht mit ihnenüber ihre„Beziehungen zu Jungen" wird dagegen sehr schnell deutlich, welche Bedeutung die Sexualität in ihren Leben einnimmt. Nicht selten prahlen sie mit der großen Zahl der Jungen, die sie„verführt haben" und sprechen kaumüber etwas anderes alsüber ihre sexuellen Kontakte mit Jungen (z.B. Brongersma 1991a, 280).

Entlarvend ist auch, dass sie in der Regel einzig und allein die Straffreiheit sexueller Kontakte zwischen Erwachsenen und Jungen einklagen. Forderungen nach der Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern bei uns als auch in den bei ihnen so beliebten Reiseländern der so genannten„dritten Welt" sucht man dagegen meist vergeblich. Der Begriff„Pädophilie" sollte deshalb nicht mehr verwendet werden und durch den treffenderen Begriff„Pädosexualität" ersetzt werden (Dannecker 1987, 172).

Ein zusätzliches Begriffswirrwarr stiften Pädosexuelle in Diskussionen ebenfalls häufig bewusst. Sie reden und schreiben immer wiederüber 15- oder 16-jährige Jugendliche, denen die sexuellen Handlungen nicht geschadet hätten. Sie meinen jedoch, wenn sieüber die 15- und 16-Jährigen sprechen, die Kinder mit.

Sie setzen Kinder und Jugendliche gleich (Amendt 1982, 23). Kinder und Jugendliche unterscheiden sich aber in vielerlei Hinsicht und besonders auch in ihren sexuellen Bedürfnissen. Diese durch vielfältige Untersuchungen bewiesene Tatsache bedarf eigentlich keiner Erwähnung.

4.2 Wer initiiert die sexuellen Handlungen?
Pädosexuelle behaupten in schöner Regelmäßigkeit, sie würden niemals die sexuellen Handlungen initiieren. Vielmehr würden sie nur auf die Wünsche der Jungen reagieren (z.B. Brongersma 1991a, b, Leopardi 1988, Bernard 1982). Dies ist entweder eine Ra- tionalisierung, um vor sich selbst als der Befreier der Jungen zu erscheinen oder schlicht und einfach eine Lüge.

Liest man beispielsweise die von Rüdiger Lautmann in seiner Untersuchungüber Pädosexualität veröffentlichten Interviewauszüge genauer, stellt sich das Gegenteil schnell heraus. Drei willkürlich ausgewählte Zitate illustrieren dies:

Ich hatte ihn ganz zu Anfang mal gefragt, und er sagte mir, er hätte Angst davor. Dann habe ich ihm erzählt, wie das bei mir gewesen ist früher. Zwei-, dreimal später war er dann dazu bereit.

Inhaltsverzeichnis6
Einleitung10
1 Sexuelle Gewalt gegen Jungen hat es immer gegeben12
1.1 Die Antike12
1.2 Vom Mittelalter bis zur Neuzeit13
2 Sexuelle Gewalt an Jungen und Männern im Krieg und in Gefangenschaft20
3 Was ist sexueller Missbrauch an Jungen?23
4 Pädosexualität ist sexueller Missbrauch27
4.1 Was ist Pädosexualität?27
4.2 Wer initiiert die sexuellen Handlungen?27
4.3 Haben Kinder und Erwachsene die gleichen sexuellen Bedürfnisse?28
4.4 Sexuelle Handlungen und ihre Folgen29
4.5 Emotional und sozial vernachlässigte Opfer30
5 Zahlen, Daten, Fakten - zum aktuellen Forschungsstand32
5.1 Wie h‚ufig ist sexueller Missbrauch an Jungen?32
5.2 Die Umst‚nde37
6 Die Gefühle und Gedanken der Jungen47
6.1 Vertrauensverlust, Verrat und Trauer47
6.2 Ambivalenz48
6.3 Angst vor Homosexualität49
6.4 Hilflosigkeits- und Ohnmachtsgefühle49