: Manfred Spitzer
: Lernen Gehirnforschung und die Schule des Lebens
: Spektrum Akademischer Verlag
: 9783827413963
: 1
: CHF 26.30
:
: Sonstiges
: German
: 528
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF
p>Lernen findet im Kopf statt. Was der Magen für die Verdauung, die Beine für die Bewegung oder die Augen für das Sehen sind, das ist das Gehirn für das Lernen. Daher sind die Ergebnisse der Gehirnforschung für das Lernen so wichtig wie die Astrophysik für die Raumfahrt.

Manfred Spitzer, Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm, Professor für Medizin, Diplompsychologe und promovierter Philosoph hat - angeregt durch seine Erfahrungen im Baden-Württembergischen Bildungsrat und als Experte bei einer Anhörung zur PISA-Studie im Bundesrat - dieses Buch für einen breiten Leserkreis von Menschen geschrieben, die mit Lernen und Lernenden zu tun haben: Eltern, Lehrer, Schüler, Bildungspolitiker und alle, der seine Lernmaschine im Kopf verstehen und einsetzen möchte.

Spitzers Buch ist ein Plädoyer gegen Vorurteile:"Schüler sind nicht dumm, Lehrer sind nicht faul und unsere Schulen sind nicht kaputt. Aber irgendetwas stimmt nicht." Träumen wir nicht alle immer noch vom Nürnberger Trichter, der uns Lernen ohne Mühe verheißt, uns alles eintrichtert, was wir hören?

Aber was wäre, wenn unser Gehirn tatsächlich alles so aufnehmen würde wie der Nürnberger Trichter, wenn auch aller Unsinn, den wir hören, gelernt würde? Was wäre, wenn wir Fremdsprachen im hohen Alter so leicht lernen würden, wie wir als Kinder die Muttersprache lernen? Und warum ist es gar nicht zu bewerkstelligen, Lernen aus dem Leben zu verbannen? Und wenn Lernen unvermeidliche ist, gibt es dann so etwas wie eine Gebrauchsanleitung zur Lernmaschine in unserem Kopf? Spitzer's Buch kann als Ansatz dazu gelesen werden.  

7 Schlaf und Traum (S.121)

Erinnern wir uns an die Experimente mit Ratten, die sich in einem Kasten zurechtfinden mussten, aus Kapitel 2. Ein Jahr, nachdem diese Experimente publiziert waren, kam aus der gleichen Forschergruppe eine weitere wichtige Arbeit.

Das Experiment war im Grund ganz einfach: Man ließ die Ratten nach dem Erlernen des neuen Raums ein Nickerchen halten und leitete weiter Signale von Neuronen des Hippokampus ab. Hierbei zeigte sich, dass während des Schlafs genau diejenigen Neuronen, die unmittelbar zuvor neue Repräsentationen ausgebildet (sprich: gelernt) hatten, nochmals aktiviert wurden. Wozu sollte dies gut sein?

Konsolidierung und Schlafstadien
Vielleicht hat der eine oder andere Leser bei sich selbst schon beobachtet, dass man tagsüber eine Sache lernen möchte, sie aber trotz größter Anstrengung einfach nicht richtig fertig bringt. Enttäuscht vom Ergebnis der eigenen Bemühungen wendet man sich ab, um dann erstaunt festzustellen, dass am nächsten Tag alles„wie geschmiert" klappt.

Ganz offensichtlich spielen sich nach dem Lernen noch weitere Verarbeitungsschritte des Gelernten ab, die zu einer Verbesserung der Lernleistung führen. Man bezeichnet diese seit gut einhundert Jahren bekannte Nachverarbeitung und Verfestigung von Inhalten im Gedächtnis als Konsolidierung (vgl. Lechner et al. 1999). Seit mehr als zehn Jahren bringt man diesen Vorgang mit dem Schlaf in Verbindung, da Schlafentzug nach dem Lernen das Behalten beeinträchtigt (vgl. Gais et al. 2000, Maquet 2000, Stickgold 1998, Stickgold et al. 2000a, b).

Schlaf ist jedoch nicht gleich Schlaf. Seit mehr als 50 Jahren ist bekannt, dass es unterschiedliche Phasen während des Schlafs gibt, die auch als Schlafstadien bezeichnet werden. Der schlafende Mensch selbst bemerkt im Grunde nichts davon, sondern ist abends müde, schläft mehr oder weniger ungestört und wacht morgens ausgeschlafen wieder auf.

Leitet man jedoch Hirnströme ab und misst die Augenbewegungen sowie die Muskelanspannung, findet man ganz unterschiedliche Zustände im Verlauf eineräußerlich betrachtet ganz einheitlichen durchschlafenen Nacht (vgl. Abb. 7.1). Einen dieser Zustände bezeichnet man als Tiefschlaf, wobei verschiedene Tiefen dieses Schlafs unterschieden werden. Die elektrische Aktivität des Gehirns in diesem Zustand ist ganz anders als im Wachzustand, und man schläft (daher der Name) recht tief, d.h. ist nur schwer zu wecken.

Wenn man abends einschläft, so verändert sich die Hirnstromkurve zunächst immer mehr in Richtung Tiefschlaf. Nach einiger Zeit jedoch geschieht etwas Eigenartiges: Der Schlaf wird wieder leichter (also weniger tief) und man könnte meinen, der Schläfer wacht gleich wieder auf.

Tatsächlich kommt nun eine Schlafphase, während der die Hirnstromkurve genauso aussieht, als sei man wach. Gleichzeitig jedoch ist man am allerschwersten weckbar (man schläft also sehr fest) und die Anspannung der Muskeln ist noch geringer als im Tiefschlaf: Man ist völlig schlaff.

Nur die Augenmuskeln machen wilde Zuckungen und verursachen rasche Augenbewegungen. Dieser Schlaf ist so eigenartig, dass man ihn früher als paradoxen Schlaf bezeichnet hat. Das Gehirn ist elektrisch wach, lässt aber nichts hinein (höchste Weckschwelle) und nichts hinaus (geringste Muskelspannung).

Der heute für dieses Schlafstadium allgemein verwendete Name ist von den schnellen Augenbewegungen (Rapid Eye Movements) abgeleitet: Man bezeichnet diesen Schlaf als REM-Schlaf.

Inhalt5
Vorwort13
1 Einleitung17
Der Nürnberger Trichter17
Internet als Supermarkt19
Aktivität20
Mit Inhalten hantieren20
Lust und Frust25
Angst27
Spuren28
Das Gehirn29
Ein halbes Gehirn31
Der Plan31
2 Ereignisse37
Der Hippokampus38
Ortszellen zur Navigation40
Neuronale Repräsentationen43
Neuronenwachstum für Orte und Vokabeln46
Neuigkeitsdetektor50
Geschichten51
Lernen ohne Hippokampus51
Fazit52
Methodisches Postskript: Funktionelles Neuroimaging53
3 Neuronen57
Impulse und Synapsen57
Repräsentation durch Synapsenstärken60
Anatomie in Zahlen67
Input und Output69
Fazit70
Postskript für Fortgeschrittene: Neuronale Vektorrechnung71
4 Wissen und Können75
Viel können und wenig wissen75
Synapsenstärken können viel78
Synapsen lernen, aber langsam80
Langsames Können-Lernen81
Sprachentwicklung: Regeln an Beispielen lernen84
Vergangenheitsbewältigung89
Tomaten im Kopf91
Regelhafte Welt92
Fazit93
5 Neuronale Repräsentationen95
Mehr als innere Bilder95
Repräsentation in Neuronenpopulationen97
Neuronale Aspekte und Perspektiven98
Von Kanten zu Regeln101
Neuronen für Kategorien102
Neuronen für Regeln106
Neuroplastizität: Sich ändernde Repräsentationen110
Fazit112
6 Plastische Karten115
Karten116
Prinzip der Karten118
Entstehung der Karten120
Plastische Karten121
Plastisches Sprachverstehen123
Wird es eng im Kopf?124
Vom Tasten zum Sprechen126
Weitreichende kortikale Plastizität130
Kognitive kortikale Karten bei Postbeamten131
Zusammenspiel der Karten134
Fazit135
7 Schlaf und Traum137
Konsolidierung und Schlafstadien137
Lernen im Schlaf139
Zebrafinken lernen schlafend singen141
Lernen im Traum?142
Tagesreste im Traum145
Schlafhygiene für Leben und Lernen148
Fazit149
Postskript: Delphine, Vögel und die Frage Warum149
8 Aufmerksamkeit157
Vigilanz158
Selektive Aufmerksamkeit159
Aktivität für das Lernen162
Ort- versus Objektzentriertheit167
Darauf achten oder nicht169
Fazit171
9 Emotionen173
Aufregung: Dabei sein174
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