: Waldemar von Suchodoletz
: Früherkennung von Entwicklungsstörungen
: Hogrefe Verlag Göttingen
: 9783840918773
: 1
: CHF 28.00
:
: Klinische Fächer
: German
: 297
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF

Die Früherkennung entwicklungsgefährdeter Kinder ist die Voraussetzung für eine Frühförderung. Der Band beschreibt, welche Zeichen als erste auf Entwicklungsrisiken hinweisen. Weiterhin wird erörtert, ab welchem Alter zwischen einer vorübergehenden Entwicklungsvariante ohne wesentliche Bedeutung und einer Entwicklungsstörung mit langfristigen Auswirkungen ausreichend sicher unterschieden werden kann und welche Untersuchungen zur Frühdiagnostik geeignet sind. Ausführlich wird auf einzelne Methoden zur Früherkennung bei motorischen, kognitiven, sensorischen, emotionalen und sozialen Entwicklungsauffälligkei en eingegangen. Das Buch liefert auch einen systematischenÜberblick& uml;ber Möglichkeiten und Grenzen zahlreicher Früherkennungsmethoden und stellt Leitlinien für die Praxis der Früherkennung der verschiedenen Entwicklungsstörungen dar.

7 Frühdiagnostik bei Intelligenzstörungen (S. 147-148)

Klaus Sarimski
Von Kinderärzten, Mitarbeitern in Frühförderstellen und Sozialpädiatrischen Zentren wird nicht selten eine Antwort auf die Frage erwartet, ob sich ein kleines Kind weitgehend altersgerecht entwickeln oder in seinem Lern- und Auffassungsvermögen dauerhaft beeinträchtigt sein wird. Während eine ausgeprägte Entwicklungsstörung auch im frühen Lebensalter relativ leicht zu erkennen ist, fällt die Antwort auf diese Frage bei leichter gestörten Kindern schwerer. Herkömmliche Entwicklungstests können in diesen Fällen zwar einzelne Auffälligkeiten dokumentieren und eine Orientierungshilfeüber den Entwicklungsstand und die Abweichung von der unbeeinträchtigten,„normalen" Entwicklung geben, erlauben aber nicht immer eine eindeutige prognostische Aussage. Dies führt nicht selten dazu, dass die Fragen der Eltern nach der Prognose lange Zeit offen gelassen und diese damit in ihrer Auseinandersetzung mit den Zukunftsfragen alleingelassen werden. Dies erleben viele Eltern von Kindern mit dauerhaften Intelligenzstörungen im Rückblick als wenig hilfreich.

7.1 Charakteristika von Intelligenzstörungen

Das internationale Klassifikationssystem der ICD-10 unterscheidet eine leichte (IQ 50 bis 70) von einer mittelgradigen (IQ 35 bis 49), schweren (IQ 20 bis 34) und schwersten Intelligenzminderung (IQ< 20). Auch die„American Association of Mental Deficiency" (AAMD) benutzt in ihrer Definition einen psychometrisch erfassten Stand der intellektuellen Fähigkeiten zur Definition der mentalen Retardierung. Sie grenzt diese von leichteren Entwicklungsproblemen ab als bedeutsame Abweichung des IQ-Werts von der durchschnittlichen intellektuellen Leistungsfähigkeit um mehr als zwei Standardabweichungen verbunden mit einer Einschränkung der adaptiven Fähigkeiten um mehr als zwei Standardabweichungen in einem entsprechenden Beurteilungsverfahren.

Beide Definitionen benutzen somit die Ergebnisse psychometrischer Testverfahren als Kriterium der diagnostischen Zuordnung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zur Personengruppe der Menschen mit Störungen der intellektuellen Entwicklung bzw. mit geistiger Behinderung. Innerhalb der Gruppe von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung liegt der Anteil der leichten Intelligenzminderung bei ca. 80%, der mittelgradigen bei etwa 12%, der schweren bei 7% und der schwersten Intelligenzminderung bei< 1% (von Gontard, 2003). In Bezug zur Gesamtpopulation beträgt der Anteil der Kinder mit einem IQ< 50 in epidemiologischen Untersuchungen ca. 0.4% und ca. 0.5%, wenn man den Anteil aller Schüler an Schulen für Geistigbehinderte auf die Gesamtzahl der Kinder eines Jahrgangs bezieht (z. B. Stromme& Valvatne 1998).

Die Ursachen der Intelligenzminderung verteilen sich in den beiden Teilgruppen der leichten und schweren geistigen Behinderung unterschiedlich. Eine aktuelle Untersuchung in Norwegen identifizierte in einer Population von 30.037 Kindern insgesamt 178 Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung, die ausführlich untersucht wurden (Stromme& Hagberg 2000). Es ließen sich bei fast allen Kindern mit schwerer geistiger Behinderung biologisch-organische Ursachen feststellen (70% pränatal bedingt durch chromosomale und non-chromosomale Dysmorphiesyndrome). Aber auch bei mehr als der Hälfte der Kinder mit leichter geistiger Behinderung lag eine pränatale Ursache vor.

Dabei handelte es sich vor allem um genetische Syndrome oder Anlageveränderungen, die nicht eindeutig zugeordnet werden konnten (unspezifische Dysmorphiesyndrome). Bei 4 bis 5% der Kinder kam es durch perinatale Ursachen (sehr unreife oder extrem unreife Geburt mit nachfolgenden Komplikationen) zu dauerhaften Störungen der intellektuellen Entwicklung. Die klassische Auffassung, dass es sich bei der leichten geistigen Behinderung lediglich um„das linke Ende der IQ-Normalverteilung" handelt und hier familiäre und soziale Entwicklungsfaktoren kausal zusammenwirken, trifft sicherlich nur für eine Minderheit dieser Kinder zu.

Vorwort6
Inhalt10
1 Chancen und Risiken von Früherkennung12
1.1 Gegenwärtiger Stand der Früherkennung von Entwicklungsstörungen12
Vorsorgeuntersuchungen im Kindesalter (U1 bis U10)12
Effektivität der Vorsorgeuntersuchungen13
1.2 Chancen von Früherkennung14
1.3 Anforderungen an Methoden zur Früherkennung18
1.4 Risiken von Früherkennung23
Emotionale Verunsicherung24
Stigmatisierung27
Familiäre Interaktion27
1.5 Ethisch-moralische Dimension von Früherkennung28
1.6 Zusammenfassung30
2 Bindungsstörungen als frühe Marker für emotionale Störungen34
2.1 Bindung und Bindungsstörungen34
2.1.1 Konzepte der Bindungsforschung35
2.1.2 Bindungsstörungen39
2.1.3 Bindung und Trauma41
2.1.4 Bindung, Genetik und Neurobiologie44
2.2 Methoden der Bindungsdiagnostik46
Feinfühligkeit in der Eltern-Kind-Interaktion46
Qualität der Bindungsentwicklung zwischen 12 und 24 Monaten46
Diagnostik des Bindungsverhaltens im Vorschulalter47
Diagnostik des Bindungsverhaltens im Kindergarten- und Grundschulalter47
Diagnostik des Bindungsverhaltens im mittleren Schulalter bis zur Adoleszenz47
Bindungsklassifikation der Bezugspersonen48
Fragebogeninstrumente in der Bindungsdiagnostik48
2.3 Empfehlungen für die Praxis49
3 Frühe Identifikation motorischer Entwicklungsstörungen56
3.1 Frühe motorische Entwicklung und deren Variabilität57
3.2 Charakteristika motorischer Entwicklungsstörungen58
3.2.1 Umschriebene Entwicklungsstörung der motorischen Funktionen58
3.2.2 Infantile Zerebralparesen61
3.3 Frühsymptome motorischer Entwicklungsstörungen62
3.4 Methoden zur Früherkennung63
3.4.1 Anamnese63
3.4.2 Neurologische Untersuchung64
3.4.3 General-Movements66
3.4.4 Lagereaktionen67
3.4.5 Essentielle Grenzsteine67
3.4.6 Vorsorgeuntersuchungen69
3.4.7 Entwicklungstests71
3.4.8 Motometrische Tests75
3.5 Leitlinien zur Früherkennung motorischer Störungen79
Frühdiagnostik in den ersten drei Lebensjahren79
Diagnostik motorischer Entwicklungsstörungen ab dem vierten Lebensjahr81
4 Früherkennung autistischer Störungen86
4.1 Charakteristika autistischer Störungen86
Symptomatik86
Klassifikation87
Häufigkeit88
4.2 Frühsymptome autistischer Störungen88
4.2.1 Alter bei Beginn der Auffälligkeiten88
4.2.2 Erste Symptome89
4.3 Methoden zur Früherkennung autistischer Störungen93
4.3.1 Screening-Instrumente93
4.3.2 Diagnostik-Instrumente95
4.4 Leitlinien zur Früherkennung autistischer Störungen98
5 Früherfassung von hyperkinetischen bzw. Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörungen102
5.1 Charakteristika hyperkinetischer Störungen102
Definition102
Entwicklungsspezifische Symptomatik104
5.2 Störungsspezifische Mehrebenendiagnostik106
5.2.1 Anamnese106
5.2.2 Strukturierte und standardisierte Interviews107
5.2.3 Medizinische Untersuchung109
5.2.4 Psychologische Diagnostik110
5.2.5 Fragebögen113
5.2.6 Verhaltensbeobachtung118
5.2.7 Apparative Methoden121
5.3 Leitlinien zur Früherkennung hyperkinetischer Störungen122
6 Früherkennung von aggressivdissozialem Verhalten130
6.1 Aggressiv-dissoziales Verhalten130
Klassifikation, Prävalenz, Komorbidität131
6.2 Frühsymptome von aggressiv-dissozialem Verhalten134
6.3 Empfehlungen für die Früherkennung138
6.4 Verfahren zur Früherkennung von Risikokindern141
6.4.1 Elternfragebogen zur ergänzenden Entwicklungsbeurteilung (EEE U6 – U9)141
6.4.2 Eyberg Child Behavior Inventory (ECBI)143
6.4.3 Erzieherbeobachtungsbogen zur Vorlage bei der U8/U9143
6.5 Möglichkeiten und Grenzen der Früherkennung144
7 Frühdiagnostik bei Intelligenzstörungen148
7.1 Charakteristika von Intelligenzstörungen148
7.2 Unsicherheiten bei der Früherkennung149
7.3 Methoden zur Früherkennung151
7.3.1 Frühe Entwicklungsprognose durch Entwicklungstests?151
7.3.2 Alternative: Ausweichen vor Fragen nach Entwicklungsprognosen?154
7.3.3 Alternative: unkonventionelle oder adaptierte Testaufgaben?154
7.4 Frühsymptome einer intellektuellen Entwicklungsstörung156
7.5 Leitlinien zur Früherkennung von Intelligenzstörungen161
8 Früherkennung von Sprachentwicklungsstörungen166
8.1 Verlauf und Variabilität der frühen Sprachentwicklung166
8.2 Verzögerungen und Störungen der Sprachentwicklung169
8.3 Frühdiagnostik im ersten Lebensjahr172
8.4 Frühdiagnostik im Alter von 12 Monaten175
8.5 Frühd