Visuelle Wahrnehmungsstörungen
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Michael Niedeggen, Silke Jörgens
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Visuelle Wahrnehmungsstörungen
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Hogrefe Verlag Göttingen
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9783840917363
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1
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CHF 16.20
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Sonstiges
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German
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131
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Wasserzeichen/DRM
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PC/MAC/eReader/Tablet
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PDF
Visuelle Wahrnehmungsstörungen treten häufig als Folge einer neuropsychologischen Schädigung auf, werden jedoch oft nur ungenügend im diagnostischen und therapeutischen Prozess berücksichtigt. Der vorliegende Band richtet sich daher an Psychologen, Ärzte und Ergotherapeuten, die sich über Beeinträchtigungen visueller Fähigkeiten nach Hirnschädigung informieren wollen. In verständlicher Weise wird eine Übersicht über die verschiedenen Funktionsstörungen gegeben, die durch Fallbeispiele illustriert werden. Neben den basalen Beeinträchtigungen der Sehfunktionen und den Gesichtsfeldeinschränkungen werden vor allem die Einbußen in den höheren visuellen Wahrnehmungsleistungen behandelt, z. B. die Störungen der Objekt-, Raum- oder Bewegungsverarbeitung. Der Schwerpunkt liegt auf der Darstellung des diagnostischen Prozesses.
Um diesen transparent zu machen, werden die Störungen in gängige kognitionspsychologische Theorien eingeordnet und auch vor dem Hintergrund der neurophysiologischen Verschaltungsprinzipien diskutiert. Dem Leser wird ein Leitfaden für die Differenzialdiagnose an die Hand gegeben, der durch Entscheidungsbäume unterstützt wird. Als weitere Hilfen enthält der Band Fragebögen zur Anamnese, Materialien zur Verlaufsdokumentation und Informationen zu computergestützten Programmen, die zur Überprüfung von visuellen Teilleistungen eingesetzt werden können. Für jedes Störungsbild werden des Weiteren die Möglichkeiten zur therapeutischen Intervention vorgestellt. Klinisch tätige Neuropsychologen erhalten eine Übersicht über die Wirksamkeit verschiedener Trainingsmaßnahmen und werden über die Bezugsmöglichkeiten informiert.
Di Autoren
Dr. Michael Niedeggen, geb. 1966. 1986-1992 Studium der Psychologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. 1996 Promotion. 2004 Habilitation. 1992-1995 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Physiologische Psychologie, Universität Düsseldorf. 1996-1998 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Biologische Psychologie, Philipps-Universität Marburg. 1998-2002 Wissenschaftlicher Assistent, 2002- 2004 Juniorprofessor für Experimentelle Neuropsychologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Seit 2004 Hochschuldozent an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Arbeitsschwerpunkte: Implizite visuelle Wahrnehmung, Interaktion zwischen Wahrnehmung und Aufmerksamkeit.
Dipl.- sych. Silke Jörgens, geb. 1973. 1993-1999 Studium der Psychologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Seit 1999 Tätigkeit als Neuropsychologin an der Neurologischen Klinik des Universitätsklinikums Düsseldorf in Praxis, Forschung und Lehre. Arbeitsschwerpunkte: Neuropsychologische Diagnostik in der Akut-Neurologie.
3 Störungen der Objektwahrnehmung (Objektagnosie)
(S. 33-34)
3.1 Beschreibung der Störung
3.1.1 Bezeichnung und Definition
Unter einer visuellen Objektagnosie versteht man Einschränkungen im Erkennen und Identifizieren visuell präsentierter Gegenstände, die dem Betrachter eigentlich bekannt sein sollten. Agnosien können kombiniert in verschiedenen Sinnesmodalitäten auftreten (auditiv, taktil und visuell), sind aber zumeist auf eine Modalität beschränkt. Aus diesem Grund kann ein Patient mit der visuellen Objektagnosie Gegenstände erkennen, wenn er typische assoziierte Geräusche hört (Rascheln von Papier) oder er sie betasten darf.
In diesem Kapitel wird die Agnosie als Störung des visuellen Erkennens von modalitätsspezifischen Benennensstörungen abgegrenzt (optische Aphasie), da Letzteres nicht als „Wahrnehmungsstörung" im engeren Sinne zu definieren ist. Jedoch folgen wir aus pragmatischen Gründen der Trennung zwischen einer apperzeptiven und einer assoziativen Objektagnosie, die in den meisten Lehrbüchern zu finden ist.
Bei einer apperzeptiven Agnosie sind also die frühen visuellen Analyseprozesse defizitär, was vor allem in einer fehlerhaften visuellen Integration lokaler Merkmale deutlich wird. Der Eindruck eines Gesamtmusters muss daher oft mühsam konstruiert werden und wird nicht unmittelbar erfasst. Das Fallbeispiel des Patienten HL soll die Defizite verdeutlichen.
Fallbeispiel Patient HL (apperzeptive Agnosie)
Der Patient erlitt im Alter von 60 Jahren einen Posterior-Infarkt, der zuerst deutliche Gesichtsfeldeinbußen (homonyme Hemianopsie nach rechts) hervorrief. Trotz langsamer Rückbildung der kortikalen Blindheit blieben Probleme im Erkennen von Gesichtern, Farben und Objekten bestehen. Letztere konnten jedoch nach Betasten oder auf Grund eines typischen Geräusches ohne Probleme identifiziert werden. Besonders auffällig war sein Defizit, wenn der Patient künstliche Objekte (sinnlose Strichzeichnungen) und reale Objekte diskriminieren sollte. Das Abzeichnen von einfachen Objekten (Kreuz, Quader, Pfeife) gelang zwar zufrieden stellend, doch benötigte der Patient lange Zeit zum Anfertigen der Zeichnung, da er sie Strich-für-Strich kopierte. Aus diesem Grund wurden einzelne Elemente oft nur ungenügend in das Gesamtbild integriert. Das Defizit in der Identifikation von Objekten blieb auch nach Einsatz eines Computertrainings (Kategorisierung von Strichzeichnungen) über 3 Monate hinweg konsistent bestehen.
Bei einer assoziativen Agnosie wird das Abzeichnen eines Objektes ohne größere Probleme gelingen, was zuerst nicht auf ein inhaltliches Verkennen schließen lässt. Jedoch wird der Patient das Objekt nicht immer benennen oder seine Funktion erklären können, wie dies auch beim Patienten TH der Fall ist.
Im Gegensatz zu einer aphasischen Störung des Benennens ist das visuell präsentierte Objekt also von seiner semantischen Bedeutung entkoppelt. Der Patient wird nicht in der Lage sein, z. B. den Lebensraum eines visuell dargestellten Tieres anzugeben, kann aber seine Form, Farbe und Größe korrekt beschreiben.
Die Objekterkennung ist das Resultat einer Serie von Analyseprozessen, die an vielen Stellen unterbrochen werden können (siehe Störungsmodelle). Deshalb gibt es eine Reihe von Unterformen der Objektagnosie, die im Diagnoseprozess differenziert werden sollten.
3.1.2 Epidemiologische Daten
Da genaue Angaben zur Prävalenz fehlen, können wir zur Schätzung der Auftretenswahrscheinlichkeit nur eine Gruppenstudie heranziehen. Mulder et al. (1995) untersuchten eine Gruppe von 35 Patienten, die eine unilaterale Hirnschädigung auf Grund eines zerebrovaskulären Insults erworben hatten. In der Gruppe der Patienten mit einer linkshemisphärischen Läsion war die Wahrscheinlichkeit für Störungen der Objektwahrnehmung relativ häufiger (6 von 14 Patienten) als in der Gruppe rechtshemisphärischer Patienten (6 von 19). In der klinischen Praxis zeigen sich jedoch Objektagnosien sehr viel seltener als in der Studie angedeutet. Die Unterschiede gehen möglicherweise darauf zurück, dass assoziierte Defizite (z.B. Störungen der Kontrastsensitivität oder selektive Störungen der mentalen Rotation) nur ungenügend ausgeschlossen wurden.
Fallbeispiel Patient TH (assoziative Agnosie)
Der Patient hatte im Alter von 52 Jahren einen linksseitigen Thalamusinfarkt erlitten. Er berichtete selbst über keinerlei Veränderungen seiner kognitiven Fähigkeiten. Während der neuropsychologischen Untersuchung fiel jedoch auf, dass der Patient Gegenstände nicht benennen und auch nicht in ihrer Funktion beschreiben konnte. Dagegen bereitete ihm das Beschreiben der äußeren Gestalt oder das Abzeichnen einfacher schwarz-weißer Zeichnungen keine Probleme. Sowohl er als auch seine Ehefrau gaben an, dass er im Alltag die meisten Gegenstände korrekt benutzen würde und in seiner täglichen Funktionsfähigkeit daher nicht eingeschränkt sei.
Inhaltsverzeichnis
6
Einleitung
10
1 Beeinträchtigung visueller Basisleistungen
12
1.1 Beschreibung der Störungen
12
1.1.1 Bezeichnung und Definition
12
1.1.2 Epidemiologische Daten
17
1.1.3 Verlauf und Prognose
17
1.2 Ätiologie
18
1.3 Neuropsychologische und -biologische Störungstheorien
19
1.4 Diagnostik
19
1.4.1 Diagnostische Verfahren und Dokumentationshilfen
19
1.4.2 Differenzialdiagnose
23
1.5 Behandlung
23
1.6 Weiterführende Literatur
25
2 Gesichtsfeldausfälle
25
2.1 Beschreibung der Störungen
25
2.1.1 Bezeichnung und Definition
25
2.1.2 Epidemiologische Daten
29
2.1.3 Verlauf und Prognose
29
2.2 Ätiologie
30
2.3 Neuropsychologische und -biologische Störungstheorien
31
2.4 Diagnostik
32
2.4.1 Diagnostische Verfahren und Dokumentationshilfen
32
2.4.2 Differenzialdiagnose
35
2.5 Behandlung
39
2.5.1 Kompensation durch Sakkadentraining
39
2.5.2 Kompensation durch Explorationstraining ( Dia- Projektion)
40
2.5.3 Kompensation durch Lesetraining
40
2.5.4 Restitutionstraining
41
2.5.5 Empfehlung für die Therapieplanung
42
2.6 Weiterführende Literatur
43
3 Störungen der Objektwahrnehmung (Objektagnosie)
44
3.1 Beschreibung der Störung
44
3.1.1 Bezeichnung und Definition
44
3.1.2 Epidemiologische Daten
45
3.1.3 Verlauf und Prognose
46
3.2 Ätiologie
46
3.3 Neuropsychologische und -biologische Störungstheorien
47
3.3.1 Funktionelle Neuroanatomie der visuellen Objektverarbeitung
47
3.3.2 Kognitionspsychologisches Modell der visuellen Objekterkennung
49
3.4 Diagnostik
51
3.4.1 Diagnostische Verfahren und Dokumentationshilfen
51
3.4.2 Differenzialdiagnose
57
3.5 Behandlung
58
3.6 Weiterführende Literatur
59
4 Zentrale Farbwahrnehmungsstörung
59
4.1 Beschreibung der Störung
59
4.1.1 Bezeichnung und Definition
59
4.1.2 Epidemiologische Daten
61
4.1.3 Verlauf und Prognose
62
4.2 Ätiologie
62
4.3 Neuropsychologische und -biologische Störungstheorien
63
4.4 Diagnostik
64
4.4.1 Diagnostische Verfahren und Dokumentationshilfen
64
4.4.2 Differenzialdiagnose
67
4.5 Behandlung
69
4.6 Weiterf hrende Literatur
70
5 Störung der Gesichterwahrnehmung (Prosopagnosie)
70
<