: Wilhelm Körner, Albert Lenz (Hrsg.)
: Sexueller Missbrauch Band 1: Grundlagen und Konzepte
: Hogrefe Verlag Göttingen
: 9783840914690
: 1
: CHF 39.80
:
: Partnerschaft, Sexualität
: German
: 647
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF
Der Band vermittelt grundlegendes Fachwissen zum Thema «sexueller Missbrauch». Ein allgemeiner Überblick über das Phänomen der sexuellen Gewalt sowie wichtige Grundlagen, die für eine seriöse Klärung und Diagnostik bei sexuellem Missbrauch notwendig sind, leiten den Band ein. Ausführlich werden die Aufgaben und Möglichkeiten der Jugendhilfe erörtert und Leitlinien im Umgang mit dem Verdacht auf sexuellen Kindesmissbrauch vorgestellt. Die Aufgaben der Kinder- und Jugendpsychiatrie/-psychother pie bei sexuellem Kindesmissbrauch sowie der Zusammenhang von sexuellem Missbrauch und psychischen Erkrankungen bei Erwachsenen werden behandelt.

Ein umfangreicher Teil des Bandes widmet sich der Psychotherapie von Opfern sexuellen Missbrauchs. Hierzu werden die Grundlagen der analytischen, der personzentrierten und der verhaltenstherapeutischen Behandlung bei Kindern und Jugendlichen sowie bei Erwachsenen dargestellt. Weitere Kapitel des Bandes stellen verschiedene Ansätze der Prävention bei Kindern und Jugendlichen dar. Schließlich setzen sich mehrere Kapitel ausführlich mit den Grenzen und Möglichkeiten der Behandlung von Sexualstraftätern als wichtige Form der Prävention auseinander.

D e Herausgeber

D . phil. Wilhelm Körner, Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Arbeitsschwerpunkte: Jugendhilfe und Psychotherapie; Gewalt, Vernachlässigung und sexueller Missbrauch, Qualitätssicherung.

Pr f. Dr. phil. Albert Lenz, Diplom-Psychologe, Paar- und Familientherapeut, Professor für Klinische Psychologie und Sozialpsychologie an der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Paderborn, Fachbereich Sozialwesen. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Erziehungs- und Familienberatung, Jugendhilfe und Psychiatrie, Qualitätssicherung, Theorie und Praxis der Gemeindepsychologie.  
Sozialisation: Prägung oder Aktivität (S. 49-50)

Einen Beitrag zum Thema geschlechtsspezifische Sozialisation zu schreiben ist schwierig geworden, weil Gewissheiten, mit denen das Thema unterlegt war, zunehmend in Frage gestellt werden, aber sie dennoch, nach Bilden (1991), dem Sozialisationskonzept fast nicht auszutreiben sind: Sozialisation kann nicht mehr verstanden werden, als eine Art prägender Vorgang, durch den die Gesellschaft den einzelnen Menschen formt. Statt dessen handelt es sich um einen Prozess der aktiven Teilhabe und Selbsttätigkeit innerhalb gegebener Strukturen, durch den handlungsfähige Individuen entstehen (Bilden, 1991; Hagemann-White, 1984, 1988; Hurrelmann, 1998).

Der Beginn der Forschung zu geschlechtspezifischer Sozialisation ging von der Frauenbewegung aus, indem geschlechtsneutral formulierte Befunde in ihrer Aussagekraft für beide Geschlechter in Frage gestellt wurden. Es traten Zweifel auf ob Erkenntnisse, die aus einer männlichen Perspektive und anhand männlicher Lebenswelten gewonnen wurden, ungeprüft als allgemein menschliche Phänomene auf beide Geschlechter übertragen werden könnten. Aktivität und Macht im Sozialisationsprozess wurden weitestgehend auf Seite der bereits existierenden Strukturen und deren „Sozialisationsagenten" verortet. Die neue Erkenntnis war, dass diese Strukturen patriarchal und geschlechtshierarchisierend organisiert waren, und von Männern dominiert wurden. Untergründig wurde die Idee transportiert, dass es geschlossene Geschlechtsrollenbilder gäbe1, und das mit dem Ende der kindlichen Entwicklung ein geschlechtlich bestimmtes und in sich identisches Subjekt entstanden sei. Diese Sicht beförderte die bereits existierende Vorstellung einer Entgegensetzung von Individuum und Gesellschaft und eine Opferperspektive des sozialisierten Subjekts. Frauen waren doppelte Opfer, indem ihnen von patriarchalen Strukturen und den – personifiziert gedachten – Männern die marginalisierte, unterworfene Position zugewiesen wurde. Erst mit der neuen Perspektive der Mittäterschaft (Thürmer-Rohr, 1989) oder auch Täterschaft von Frauen (Haug, 1988) an der Reproduktion der bestehenden Verhältnisse entstand neben einer veränderten Sozialisationsperspektive auch eine kritische Jungen- und Männerforschung. Diese untersuchte, wie Männer sich aktiv in die bestehenden Strukturen verwickeln, welche Gewinne und welche Verluste sie dabei zu verbuchen haben. Im Folgenden wurde deutlich, dass zwar ein patriarchales System der Zweigeschlechtlichkeit existiert, dass es aber nicht „die Männer" und „die Frauen gibt", sondern vielfache Differenzen auch innerhalb einer Genusgruppe existieren (vgl. Butler, 1991).
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Gender

Gender, das soziale Geschlecht, wird als Strukturkategorie begriffen (Beer, 1990; Becker-Schmidt& Knapp, 2000) deren Auswirkung innerhalb existierender Handlungs- und Wissenschaftsfelder zu untersuchen ist. Die neu entstehenden Gender- Studien führen verschiedene Perspektiven der Einzelwissenschaften zusammen.
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Inhaltsverzeichnis5
Einleitung9
I. Einführung: Vermittlung von Grundwissen über sexuelle Gewalt11
Methoden und Medien13
Methoden in der Fort- und Weiterbildung13
Aktionsformen des Lehrens14
Organisationsformen im Lehr- und Lernprozess15
Metakommunikation17
Beispiele für die Anregung zur Metakommunikation18
Spielmethoden19
Die Abfolge von Methoden21
Medien in der Fort- und Weiterbildung21
Lernziele22
Äuflere und innere Rahmenbedingungen23
Literatur26
II. Allgemeiner Teil27
Definition und Häufigkeit von sexuellem Missbrauch29
Literatur36
Parteiliche Beratungsansätze38
Die gesellschaftliche Situation und das Tabu der sexualisierten Gewalt39
Parteiliche Arbeit40
Der Backlash42
Erfolge parteilicher Beratungsarbeit44
Kooperation und Vernetzung46
Ausblick46
Literatur47
Geschlechtsspezifische Sozialisation49
Sozialisation: Prägung oder Aktivität49
Sozialisation und/oder doing gender?50
Interaktionen und Konstruktionen51
Doing gender und peer groups53
Verhältnis von Autonomie und Bindung54
Frauen: Aggression und Sexualität55
Männer: Aggression und Sexualität55
Literatur57
Gewaltsoziologie59
Gewalt in der (modernen) Gesellschaft59
Soziologischer Mainstream und Innovateure der Gewaltforschung61
Probleme einer Soziologie der Gewalt62
Gewaltbegriffe64
Strukturelle Gewalt und symbolische Gewalt65
Gewalt als Verhältnisbegriff68
Literatur70
Methodische Probleme der Folgenforschung bei sexuellem Missbrauch73
Definition74
Stichproben75
Vergleichsgruppen76
Messinstrumente77
Langzeit- und Querschnittsuntersuchungen78
Retrospektive und prospektive Untersuchungen79
Ethische Probleme79
Sexueller Missbrauch als Ursache von Verhaltensauffälligkeiten