: Waldemar von Suchodoletz (Hrsg)
: Welche Chancen haben Kinder mit Entwicklungsstörungen?
: Hogrefe Verlag Göttingen
: 9783840917684
: 1
: CHF 24.40
:
: Angewandte Psychologie
: German
: 231
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF
Wachsen sich, wie oft behauptet, Entwicklungsauffälligkeiten aus oder bleiben die Kinder auf Grund einer eingeschränkten Erfahrungsaneignung im Laufe der Jahre immer weiter hinter ihrer Altersgruppe zurück? Verarbeiten sie ihre Sonderstellung ohne gravierende psychische Folgen oder ist zu befürchten, dass sie mit Selbstwertzweifeln und sozialem Rückzug bzw. mit oppositi-onellem Verhalten bis hin zur Dissozialität reagieren? Das Buch gibt einen Überblick über den Wissensstand zum langfristigen Verlauf von Entwick-lungsstörungen. Es beschreibt, wie sich frühe emotionale, autistische, motorische, laut- bzw. schriftsprachliche sowie hyperkinetische Entwicklungsstörungen auf Verhalten, Lernfähigkeit, Schulerfolg und Berufschancen auswirken. Ausführlich wird auf die Entwicklung hemmende und protektive Faktoren eingegangen.

Ziel des Buches ist es, Möglichkeiten und Unwägbarkeiten langfristiger prognostischer Aussagen aufzuzeigen, eine stärkere Berücksichtigung entwicklungs-fördernder Faktoren in der Betreuung anzuregen und die Kompetenz bei der Beratung von Eltern zu erhöhen.  
3 Wie entwickeln sich Kinder mit motorischen Störungen? (S. 71-72)

Harald Bode

Gliederung

3.1 Vorbemerkungen 63
3.2 Bewegungsauffälligkeiten im Säuglingsalter 65
3.2.1 „General-Movements" und ihre prognostische Bedeutung 65
3.2.2 Primitivreflexe 66
3.2.3 Lagereaktionen 67
3.2.4 Motorische Meilensteine/Grenzsteine 67
3.2.5 Neurologische Auffälligkeiten bei Säuglingen 68
3.3 Zerebralparesen 69
3.3.1 Definition und Prävalenz 69
3.3.2 Langzeitprognose 69
3.4 Umschriebene Entwicklungsstörungen der Motorik 74
3.4.1 Störungsbild 74
3.4.2 Klinische und prognostische Relevanz 76
3.5 Zusammenfassung 78

3.1 Vorbemerkungen

Variabilität der motorischen Entwicklung

Die Entwicklung von Kindern mit motorischen Störungen kann nur verstanden und beurteilt werden, wenn die Prinzipien der normalen motorischen Entwicklung bekannt sind. Hierzu sind qualitative und quantitative Aspekte der Motorik zu berücksichtigen. Viele, auch longitudinale Untersuchungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass die motorische Entwicklung nicht linear verläuft. Phasen mit rascher wechseln mit Phasen langsamer motorischer Entwicklung ab und z. T. verlaufen Entwicklungslinien parallel. Es kann sogar bei gesunden Kindern vorübergehend zu Phasen einer motorischen Stagnation kommen, insbesondere im Säuglingsalter. Die Reihenfolge der motorischen Entwicklungsschritte im Säuglingsalter lässt sich oft nicht exakt vorhersagen. Es besteht mithin eine hohe inter- individuelle Variabilität der motorischen Entwicklung (Michaelis 2000, Darrah et al. 1998). In verschiedenen Längs- und Querschnittstudien wurde eine erhebliche Streuung der Perzentilen für das Erreichen bestimmter motorischer Funktionen bzw. für das erfolgreiche Bestehen einzelner grob- oder feinmotorischer Testaufgaben festgestellt. In einer Querschnittsuntersuchung mit dem Züricher Neuromotoriktest bei 662 gesunden Kindern fanden z. B. Largo et al. (2001), dass sich die zeitliche Performanz für die verschiedenen Testaufgaben während der gesamten Präpubertät bis zu einem Plateau in der Adoleszenz verbesserte.

Es fanden sich Unterschiede für verschiedene motorische Aufgaben, eine große interindividuelle Variation und kein Einfluss von Geschlecht und sozioökonomischem Status. Assoziierte Bewegungen standen in Dauer und Ausmaß in einem nicht linearen Verhältnis zum Alter des Kindes und zur Komplexität des Bewegungsablaufes. Auch hier bestand eine große interindividuelle Variation. Assoziierte Bewegungen waren bei Mädchen in der Regel geringer ausgeprägt. Die motorische Entwicklung verschiedener gesunder Kinder verläuft keineswegs immer nach einheitlichen Prinzipien. Es lassen sich unterschiedliche Entwicklungsprofile beobachten. Nicht jedes Kind krabbelt, bevor es sich auf die Füße hochzieht und frei läuft (Michaelis 2000). Die genannten Befunde haben das Spektrum dessen, was als normale motorische Entwicklung zu betrachten ist, erweitert. Es setzt sich auch die Erkenntnis durch, dass Kinder mit motorischen Entwicklungsstörungen bzw. Bewegungsstörungen von der Normalität abweichende Kompensations- oder Bewältigungsstrategien für die Erfüllung ihrer motorischen Aufgaben benötigen und diese auch entwickeln. Der Versuch einer „therapeutischen Normalisierung" dieser Strategien kann kontraproduktiv sein.

Modelle der motorischen Entwicklung

In früheren Jahrzehnten wurde die Entwicklung allgemein und die motorische Entwicklung im Besonderen als genetisch determiniert und hierarchisch in aufeinander folgenden Schritten angeordnet gesehen. Dieses Entwicklungsmodell findet sich auch heute in zahlreichen gängigen Entwicklungstestes (z. B. Griffith, Bayley, Münchener funktionelle Entwicklungsdiagnostik) und leitet vielerorts die elterlichen Erwartungen an die motorische Entwicklung ihrer Kinder und auch das therapeutische Vorgehen. Heute wird dagegen ein komplexeres Modell von Entwicklung bevorzugt, das auch auf die motorische Entwicklung angewendet wird. Dieses Modell sieht Wahrnehmung (Perzeption) und Aktion als Einheit und betont die Rolle von Exploration und Selektion für die Ausbildung neuen motorischen Verhaltens. Die angeborenen und erworbenen Eigenschaften und Fähigkeiten des Kindes treten in Wechselwirkung mit den Einflüssen von Familie und Umgebung und in diesem Rahmen auch mit therapeutischen Maßnahmen.
Vorwort5
Inhalt7
1 Zur Verlässlichkeit von Entwicklungsprognosen im Kindes- und Jugendalter9
1.1 Entwicklungsprognosen als methodisches Problem9
1.2 Ergebnisse aus Risikokinderstudien12
1.2.1 Zur Längsschnittmethode12
1.2.2 Zum Risikokonzept13
1.2.3 Zur Wirkungsweise von Risikofaktoren16
1.3 Zur Voraussage psychischer Auffälligkeiten17
1.3.1 Regelhafte Verläufe18
1.3.2 Beispiele aus der Rostocker Längsschnittstudie (ROLS)20
1.4 Allgemeine prognostische Leitlinien34
Die psychische Entwicklung wird entscheidend durch die Erfahrung zwischenmenschlicher Beziehungen bestimmt35
In der Kindererziehung spielen Eltern und Kinder eine aktive Rolle35
Dauerhafte Konflikte und Belastungen und nicht isolierte Ereignisse in der Familie wirken sich besonders destruktiv aus36
Negative Entwicklungen im Kindesalter sind in seltenen Fällen irreversibel36
1.5 Fazit: Der schwierige Umgang mit Komplexität36
Literatur38
2 Zur Entwicklungsprognose von „ Schreibabys“41
2.1 Einleitung41
2.1.1 Definition exzessiven Säuglingsschreiens42
2.1.2 Epidemiologie43
2.1.3 Klinische Relevanz44
2.1.4 Symptomatik45
2.2 Prognose48
2.2.1 Kritischer Überblick über den Stand der Forschung48
2.2.2 Daten einer Katamnese aus der Münchner Sprechstunde für Schreibabys51
2.2.3 Einflussfaktoren auf die Prognose60
2.3 Empfehlungen für die Beratungspraxis62
2.3.1 Exzessives Schreien im Kontext einer frühkindlichen Entwicklungspsychopathologie62
2.3.2 Bedarf an gestaffelten frühpräventiven Hilfen bei exzessivem Schreien63
2.3.3 Lücken im Gesundheitssystem64
2.3.4 Das Münchner Konzept einer integrativen kommunikationszentrierten Eltern- Säuglings-/ Kleinkind- Beratung und - Psychotherapie65
Literatur66
3 Wie entwickeln sich Kinder mit motorischen Störungen?71
3.1 Vorbemerkungen71
Variabilität der motorischen Entwicklung71
Modelle der motorischen Entwicklung72
3.2 Bewegungsauffälligkeiten im Säuglingsalter73
3.2.1 „General-Movements“ und ihre prognostische Bedeutung73
3.2.2 Primitivreflexe74
3.2.3 Lagereaktionen75
3.2.4 Motorische Meilensteine/Grenzsteine75
3.2.5 Neurologische Auffälligkeiten bei Säuglingen76
3.3 Zerebralparesen77
3.3.1 Definition und Prävalenz77
3.3.2 Langzeitprognose77
3.4 Umschriebene Entwicklungsstörungen der Motorik82
3.4.1 Störungsbild82
3.4.2 Klinische und prognostische Relevanz84
3.5 Zusammenfassung86
Literatur86
4 Allgemeine kognitive Entwicklungsverzögerung im Kleinkindalter – welche Prognose haben diese Kinder?91
4.1 Einleitung91
4.2 Symptomatik93
4.3 Prognose100
Was ist als gesichert anzusehen?104
Prognose bezüglich der allgemeinen Lebensbewältigung105
Prognose bezüglich der Eltern-Kind-Beziehung106
4.4 Empfehlungen für die Beratungspraxis107
Zur Früherkennung einer Verzögerung der kognitiven Entwicklung107
Genaue Beobachtung des Kindes, Untersuchung, Entwicklungsdiagnostik107
Möglichst umfassende Diagnose108
Diagnosegespräch und Beratung108
Indikation für Maßnahmen der Frühförderung109
Regelmäßige Kontrolluntersuchungen109
Unterschiedliche Entwicklungsverläufe erfordern eine individuelle Betrachtung110
4.5 Praxisbeispiele111
Entwicklung eines extrem früh geborenen Kindes111
Störung der kognitiven Entwicklung unklarer Ursache111
Störung der kognitiven Entwicklung im Anschluss an perinatale Komplikationen112
Störung der kognitiven Entwicklung bei genetischem Syndrom112
Variante der Entwicklung113
4.6 Welch