Rückenschmerzen
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Birgit Kröner-Herwig
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Rückenschmerzen
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Hogrefe Verlag Göttingen
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9783840911514
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1
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CHF 16.20
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Pflege
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German
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100
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Wasserzeichen/DRM
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PC/MAC/eReader/Tablet
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PDF
Rückenschmerz ist heute einer der häufigsten Gründe für Arbeitsunfähigkeit, die dadurch entsehenden Kosten für das Sozialsystem sind kaum noch tragbar. Nach Meinung von Experten greift eine rein biologisch-medizinische Behandlung von chronischen Rückenschmerzen zu kurz bzw. fördert diese die Chronifizierung. Psychologische Verfahren, insbesondere kognitiv-behaviorale Methoden werden mit Erfolg im Rahmen interdisziplinärer Behandlungen eingesetzt.
In diesem Band werden typische Ziele und Methoden der psychologischen Schmerztherapie ausführlich dargestellt. Dabei wird auch auf die besonderen Anforderungen bei der Behandlung eingegangen, die sich aus der Rolle des Rückenschmerzpatienten als"somatisch" Kranken sowie der notwendigen Kooperation mit Schmerzmedizinern ergeben. Darüber hinaus bietet der Band einen Überblick über die wichtigsten diagnostischen Verfahren sowie eine Anleitung für eine Schmerzanamnese. Dabei wird auch auf die Probleme medizinischer Diagnostik eingegangen.
Insgesamt wird aufgrund des dargestellten biopsychosozialen Störungsmodells deutlich, dass eine Behandlung chronischer Rückenschmerzen ohne Einbezug psychologischer und sporttherapeutischer Maßnahmen bei den meisten Patienten nicht effektiv sein kann.
2. Störungstheorien und Modelle
(S. 19-20)
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schlägt vor, bei Störungen allgemein die Ebenen
impairment
,
disability
und
handicap
zu unterscheiden. Dabei verweist der Begriff des impairment auf die Ebene der körperlichen Schädigungen, disability auf die Ebene der Beeinträchtigung im Verhalten und Erleben und handicap auf die Ebene der Beeinträchtigung sozialer Rollen (z. B. Arbeitslosigkeit). Diese Unterscheidung ist sinnvoll, da die Schädigung nicht die Beeinträchtigung determiniert und diese nicht vollständig die Ausfüllung der sozialen Rollen (handicap) bestimmt.
Dies gilt im besonderen Maße auch für den chronischen Rückenschmerz. Die von der WHO getroffene Unterscheidung fügt sich nahtlos in das biopsychosoziale Krankheitsmodell des chronischen Schmerzes ein. Dieses geht davon aus, dass das Phänomen selbst multidimensional ist, d.h. eine somatische, kognitiv-emotionale, behaviorale und sozial-kulturelle Ebene umfasst. Es ist dabei zunächst unerheblich, ob man bestimmte Aspekte (z. B. Vermeidungsverhalten als behaviorale Komponente oder Hilflosigkeit als emotional-kognitive Komponente) als Korrelat des Syndroms oder als Konsequenz des Schmerzerlebens im engeren Sinne versteht. Die biopsychosoziale Perspektive kann für ein adäquates Verständnis der Ätiologie bedeutsam sein, ist aber sicher noch wichtiger für das Verständnis der Aufrechterhaltungsbedingungen.
2.1 Die Ebene der „somatischen Schädigung" (impairment)
Fragt man nach den dem Rückenschmerz zugrunde liegenden
körperlichen Faktoren
, so kommen prinzipiell
degenerative
oder
funktionelle
Veränderungen im
Muskel-Skelettbereich
des Rückens in Frage. Diese können die Bandscheiben, die Wirbelgelenke sowie den Stützapparat der Wirbelsäule, also Muskeln und Bänder, betreffen. Da sowohl die Biomechanik wie die peripheren und zentralen neuronalen Schmerzverarbeitungsmechanismen untereinander vermascht sind, ist in der Regel von einer Verknüpfung und Interaktion der genannten Strukturen und Funktionen auszugehen (Abbildung 3). Dies macht eine klare Befundstellung in der medizinischen Diagnostik höchst kompliziert (vgl. Pfingsten et al., 1999).
Viele Rückenschmerzpatienten haben auffällige Befunde (z. B. im Röntgenbild) vorzuweisen, ob diese aber schmerzrelevant sind, ist in der Regel sehr schwer zu entscheiden. Die Assoziation von Schmerzerleben und somatischen Befunden erlaubt somit keine einfache kausale Attribution (wie z. B. „Wegen der Degeneration im Wirbelbereich L4 hat Herr X Rückenschmerzen"). So ist bekannt, dass selbst deutliche somatische Auffälligkeiten (z. B. eine Bandscheibenprotrusion) nicht zu Schmerzen führen müssen.
Insgesamt schätzt man, dass bei ca. 90 % der rezidivierenden oder persistierenden Rückenschmerzen
keine kausalen pathologischen somatischen Befunde
zu erheben sind und damit auch keine kausal orientierte medizinische Behandlung angeboten werden kann. Bei diesem oft als „unspezifisch" bezeichneten Rückenschmerz ist das Risiko zur Entwicklung eines chronischen Syndroms besonders hoch.
Es ist hervorzuheben, dass das
Fehlen von somatischen Befunden
kein Beweis für die Nichtbeteiligung somatischer, insbesondere neuronaler und humoraler Prozesse am Schmerzgeschehen ist. Man weiß aus der jüngsten – insbesondere der tierexperimentellen – Forschung, dass es Sensibilisierungs-, Rekrutierungs- und Interaktionsprozesse im nozizeptiven (schmerzverarbeitenden) System gibt, die Schmerz aufrechterhalten können und die einer medizinischen Diagnostik am Menschen nicht zugänglich sind. ...
Inhaltsverzeichnis
6
1 Beschreibung der Störung
8
1.1 Das Phänomen Rückenschmerz
8
1.2 Klassifikation
10
1.2.1 Rückenschmerz in ICD- 10 und DSM- IV
10
1.2.2 Rückenschmerz in spezifischen Klassifikationssystemen
11
1.2.3 Schlussfolgerungen zur Klassifikation
12
1.3 Psychologisch/psychiatrische Differenzialdiagnose bei unspezifischem Rückenschmerz
14
1.4 Epidemiologie
15
1.5 Verlauf und Prognose
18
1.6 Komorbidität
19
1.7 Diagnostische Verfahren und Dokumentationshilfen
20
2 Störungstheorien und Modelle
26
2.1 Die Ebene der „somatischen Schädigung“ ( impairment)
26
2.2 Die subjektive Beeinträchtigung (disability)
28
2.3 Die soziale Ebene (handicap)
31
3 Diagnostik und Indikation
34
3.1 Besondere Probleme der Therapieeingangsphase
34
3.2 Das strukturierte Interview zum chronischen Schmerz
36
3.3 Indikation
38
4 Behandlung
39
4.1 Status quo der medizinischen Versorgung und die Notwendigkeit einer interdisziplinären Behandlung
39
4.2 Die psychologische Therapie des chronischen Rückenschmerzes
42
4.2.1 Allgemeine Ziele der psychologischen Schmerztherapie
42
4.2.2 Der kognitiv- behaviorale Therapieansatz
44
4.2.3 Evaluation schmerztherapeutischer Ansätze
62
5 Besondere Themen der Schmerztherapie
64
5.1 Die „Psycho“- oder „Bio“-Falle
64
5.2 Die Einbeziehung von Bezugspersonen in die Therapie
65
5.3 Der Stellenwert der körperlichen Rekonditionierung in der Schmerztherapie
66
6 Literatur
68
7 Anhang
70
Empfehlungen zum diagnostischen Vorgehen
100