: Hubert Feger, Jürgen Bredenkamp
: Datenerhebung (Enzyklopädie der Psychologie : Themenbereich B : Ser. 1 ; Bd. 2)
: Hogrefe Verlag Göttingen
: 9783840905124
: 1
: CHF 60.60
:
: Angewandte Psychologie
: German
: 439
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF

us der Entstehungsgeschichte heraus und aus der Tatsache, daß es eine vergleichbare Publikation auch im Angelsächsischen nicht gibt, wird verständlich, daß diese Bände im wesentlichen zwei Funktionen erfüllen möchten: eine systematische Darstellung des gegenwärtigen Standes der psychologischen Methodenlehre zu geben und einige jener Lücken zu füllen, die sich aus verschiedenartigen Gründen bei der Darstellung der Methoden in den früheren Handbuchbänden bisher ergeben hatten.   &nbs ; 

6. Kapitel(S.302-303)

Befragung

Ralf Schwarzer

1. Begriffsklärung undÜbersicht
Die Befragung ist ein Spezialfall von Kommunikation, die in Abhebung vom Alltagsverständnis durch ihre wissenschaftliche Zielsetzung, den Grad der Strukturierung und Standardisierung sowie durch die damit verbundene Situationsdefinition charakterisiert ist, welche mit einer asymmetrischen Sozialbeziehung und einer einseitigen Verwertung der gewonnenen Information einhergeht. Das Methodenarsenal der Psychologie ist teilweise mit dem der empirischen Sozialforschung identisch, so daß insbesondere bei der Erörterung der Befragungsmethode auf die Erfahrungen mit der soziologisch orientierten Umfrageforschung zurückgegriffen werden kann. Innerhalb dieser.

Methode wirdüblicherweise zwischen Interview und schriftlicher Befragung unterschieden. Scheuch (1973, 70) definiert: ,,Unter Interview als Forschungsinstrument sei hier verstanden ein planmäßiges Vorgehen mit wissenschaftlicher Zielsetzung, bei dem die Versuchsperson durch eine Reihe gezielter Fragen oder mitgeteilter Stimuli zu verbalen Informationen veranlaßt werden soll." Die schriftliche Befragung gilt bei ihm lediglich als Sonderform des Interviews (vgl. auch Atteslander 1969), während zum Beispiel bei Friedrichs (1973) beide Formen als eigenständige Methoden abgehandelt werden. Bei Verwendung der Befragung als Oberbegriff gelten folgende Merkmale. Es handelt sich meist um ein theoriegeleitetes, zumindest aber zielgerichtetes und regelhaftes Vorgehen der Datengewinnung; die Befragten werden entweder durch eine systematische Gesprächsoperation oder durch einen schriftlichen Fragenkatalog zu Informationsverarbeitungsprozessen veranlaßt, deren Resultat entweder verbal oder durch Antwortsymbole dem Forscher zur Verfügung gestellt wird. Definitionsgemäß sind damit andere Forschungsmethoden wie Experiment, Beobachtung und Inhaltsanalyse ausgeschlossen, was jedoch in der Forschungspraxis häufig durch Methodenvarianten und Methodenkombinationen wieder aufgehoben wird.

Die begriffliche Abgrenzung der Befragung von anderen Methoden hat lediglich eine ordnungsstiftende und heuristische Funktion. Nicht eindeutig ist die Abgrenzung der Befragung von den Test- und Schätz- verfahren, wozu auch die Persönlichkeitsfragebogen gezählt werden. Vom zu erfassenden Gegenstand her gesehen könnte man denÜbergang von Meinungen zu dispositionalen Einstellungen als Nahtstelle der Verwendung der Befragung und des Persönlichkeitsfragebogens ansehen. Formal ließe sich diese Trennung durch nicht skalierte Auswertung bei der Befragung und skalierte Auswertung bei Tests oder testähnlichen Verfahren unterstützen.

Damit wäre die Befragung im allgemeinen eine direkte Methode, die sich mit der Ebene der vorgefundenen beziehungsweise im Forschungsprozeß erzeugten Daten begnügt und auf die Schätzung latenter Merkmale verzichtet. Diese Auffassung läßt sich auch mit der gängigen Forschungspraxis begründen, wie sie in der auf Fakten und Meinungen gerichteten Umfrageforschung unter soziologischen Fragestellungenüblich ist. Für die Erfassung vonüberdauernden Einstellungen und anderen latenten Verhaltensdispositionen verfügt die Psychologie oftüber bessere Methoden. Für die Erfassung von Kognitionen dagegen, die aufgrund ihrer Einmaligkeit, Prozeßhaftigkeit und Situationsspezifität mit anderen Instrumenten kaum zugänglich sind, erscheint die relativ anspruchsarme Befragungsmethode meist als vorteilhaft.

Die psychologische Forschung nutzt hier vor allem das mündliche Interview als adaptive Gesprächsoperation, sowie methodische Varianten wie zum Beispiel das klinische Interview oder die Technik der kritischen Ereignisse (critical incidents technique). Grundsätzlich gilt, daß reine Formen der Befragung, wie sie in der empirischen Sozialforschungüblich sind, in der Psychologie seltener anzutreffen sind. Allerdings ist hier zu unterscheiden zwischen der psychologischen Forschung mit dem Ziel der Gewinnung generalisierbarer Erkenntnisse und der angewandten psychologischen Diagnostik mit dem Ziel indirekter Erfassung des Verhaltens und Erlebens. In der Diagnostik spielen Befragungsmethoden wie Anamnese und Exploration eine wichtige Rolle.

Autorenverzeichnis6
Vorwort8
Inhaltsverzeichnis16
1. Kapitel Planung und Bewertung von wissenschaftlichen Beobachtungen23
1. Übersicht und Systematik23
2. Arten von Beobachtungen25
2.1 Allgemeine Übersicht25
2.2 Teilnehmende Beobachtung27
3. Die Planung von Beobachtungen28
3.1 Das Universum von Beobachtungen28
3.2 Bestimmen der Beobachtungseinheit32
3.3 Kategoriensysteme34
3.4 Auswahlen aus dem Universum der Beobachtungen37
3.4.1 Auswahl von Personen37
3.4.2 Auswahl und Schulung von Beobachtern39
3.4.3 Auswahl des zu beobachtenden Verhaltens40
3.4.4 Übergreifende Auswahlstrategien42
4. Die Bewertung von Beobachtungen44
5. Die Reproduzierbarkeit von Beobachtungen45
5.1 Übereinstimmungsmaße für nominalskalierte Daten48
5.1.1 Prozentuale Übereinstimmung und allgemeine Vorüberlegungen48
5.1.2 Systematik einiger Übereinstimmungsmaße für nominalskalierte Daten51
5.2 Übereinstimmungsmaße für ordinalskalierte Daten57
5.3 Übereinstimmungsmaße für intervallskalierte Daten59
5.3.1 Einfache varianzanalytische Ansätze und Intraklassen-Koeffizienten59
5.3.2 Generalisierbarkeitsstudien63
5.3.3 Pfadanalytische Modelle für die Reliabilitätsprüfung64
5.4 Besondere Erhebungspläne66
5.5 Die Berücksichtigung von Reliabilitätskenntnissen bei der weiteren Datenauswertung68
6. Validität von Beobachtungen70
6.1 Konstruktvalidierung72
6.2 Neuere Entwicklungen zur Analyse von multitrait-multimethod Matrizen76
2. Kapitel Beobachtung und Beschreibung von Erleben und Verhalten98
1. Vorbemerkungen zu Thema und Terminologie98
2. Formen der Erlebnisbeschreibung99
2.1 Selbstbeobachtung und Erlebnisbeschreibung als Methoden und Themen der Psychologie99
2.2 Selbstbeobachtung und Experiment: Die Begründung der wissenschaftlichen Psychologie102
2.3 Die systematische experimentelle Selbstbeobachtung106
2.3.1 Die konkrete Vorgehensweise106
2.3.2 Maßnahmen zur Sicherung der Ergebnisse107
2.3.3 Begründung der Möglichkeit von Selbstbeobachtung109
2.3.4 Anmerkungen zu typischen Ergebnissen110
2.4 Die behavioristische Kritik der ,,Introspektion“111
2.5 Die Technik des lauten Denkens113
2.6 Phänomendeskription113
2.7 Behavioristische Selbstwahrnehmung115
2.8 Neuere Untersuchungen über bildhafte Vorstellungen116
2.9 Methoden der Metakognitionsforschung119
3. Aktuelle Probleme der Verhaltensbeobachtung121
3.1 Der Gegenstand psychologischer Verhaltensbeobachtung121
3.2 Analyse des Beobachters als Meßinstrument123
3.2.1 Die Ermittlung von ,,Fehlern”123
3.2.2 Der Einfluß von semantischen Gedächtnisstrukturen auf Verhaltensbeschreibungen124