: Martina Thiele, Tanja Thomas, Fabian Virchow
: Martina Thiele, Tanja Thomas, Fabian Virchow
: Medien - Krieg - Geschlecht Affirmationen und Irritationen sozialer Ordnungen
: VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
: 9783531923420
: 1
: CHF 32.00
:
: Kommunikationswissenschaft
: German
: 353
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF
Es sind maßgeblich Medien, mittels derer die Auswirkungen von Kriegen und Konflikten auf die Ordnung der Geschlechter repräsentiert, erzählt und visualisiert werden. Damit tragen die entsprechenden Artikulationen, Narrationen und Bilderpolitiken entscheidend zu den Vorstellungen bei, die sich Gesellschaften von an Kriegen beteiligten Akteursgruppen sowie den Ordnungen und Praktiken der Geschlechter in Kriegszeiten machen. Der vorliegende Band versammelt erstmals Beiträge, die sich dem Zusammenhang von Medien, Krieg und Geschlecht aus unterschiedlichen Perspektiven widmen und dabei auch die Erfahrungen von Journalistinnen reflektieren, die aus Kriegs- und Krisengebieten berichten.



Dr. Martina Thiele ist Assistentin am FB Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg, Abteilung Kommunikationstheorien und Mediensysteme.
Dr. Tanja Thomas ist Juniorprofessorin für Kommunikationswissenschaft und Medienkultur an der Universität Lüneburg.
Dr. Fabian Virchow ist Professor für Theorien der Gesellschaft und politischen Handelns an der FH Düsseldorf.
Kriegsdiskurs und Geschlechterdiskurs. Journalistinnen zum Ersten Weltkrieg(S. 287-288)

Elisabeth Klaus/Ulla Wischermann


1 Einleitung

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Haltung von Journalistinnen zum Ersten Weltkrieg und interessiert sich insbesondere für den Zusammenhang zwischen Militarismus/Pazifismus und Antifeminismus/Feminismus. Angesprochen sind damit zwei Diskursfelder: zum einen das des Geschlechterdiskurses, in dem Geschlechterungleichheit wie auch Geschlechterideologie gleichermaßen verhandelt werden, zum anderen das des Kriegs/Friedens-Diskurses, in dem u. a. die Notwendigkeit von und das nationale Interesse an Krieg oder Frieden sowie deren jeweilige sozialen und gesellschaftlichen Folgen thematisiert werden.

Zu beiden Diskursfeldern gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts vielfältige Diskurspositionen, die großen Einfluss auf die gesellschaftlichen Debatten und Entwicklungen nahmen. Uns interessiert im Folgenden, welche Verbindungen zwischen den Feldern bestanden und wie diese in der publizistischen Arbeit von Frauen zum Tragen kamen.

Zunächst könnte man davon ausgehen, dass ein Kausalzusammenhang zwischen Pazifismus und Feminismus bestünde, so dass ein Engagement für die Frauenemanzipation zu einer prinzipiellen Ablehnung des Krieges führen würde, oder andersherum eine militaristische Orientierung zugleich eine selbstverständliche Anerkennung der traditionellen Geschlechterverhältnisse bedingte. Es könnte argumentiert werden, dass Geschlechtergerechtigkeit nur in Friedenszeiten durchzusetzen ist und eine pazifistische Haltung auf der Annahme der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen beruht.

Damit müsste sie auch Forderungen nach Frauenemanzipation und Geschlechtergerechtigkeit beinhalten. Dass dieseÜberlegungen unzutreffend sind, zeigt bereits ein oberflächlicher Blick auf die politischen Haltungen verschiedener Frauen: So verteidigte etwa die sozialistische Feministin Lily Braun den Krieg als patriotisch. Einer der konsequentesten Kriegsgegner, Karl Kraus, hingegen machte sich in der Fackelüber Bertha von Suttner und ihre Friedensbemühungen lustig und ging gegen die ersteösterreichische Kriegsberichterstatterin, Alice Schalek, mit explizit antifeministischen Argumenten vor.

Die Frage nach der Verbindung zwischen den beiden Diskursfeldern kann also nicht allein theoretisch geklärt werden, ihre Beantwortung bedarf vielmehr des Rückgriffs auf die Positionierungen konkreter historischer Subjekte. Welche Diskurspositionen zu Krieg und Feminismus haben Journalistinnen vor und nach 1914 aus welchen Gründen und mit welchen Argumenten jeweils eingenommen? Und welche Positionen waren dabei plausibler als andere?

Der Beginn des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 kam wederüberraschend noch unvorbereitet. Die Ermordung desösterreichisch-ungarischen Thronfolgerpaares in Sarajevo im Juni 1914 war nur noch ein Auslöser, der bereits lang schwelende internationale Konflikte eskalieren ließ– besonders zwischen den Großmächten Russland, England und Frankreich auf der einen und dem kaiserlichen Deutschland im Bündnis mitÖsterreich-Ungarn auf der anderen Seite.

Schon seit der Jahrhundertwende hatten sich in zahlreichen europäischen Staaten nationale Bewegungen herausgebildet, für die Kolonialismus und Militarismus keine Fremdworte waren. Gleichzeitig verstärkten sich in den einzelnen Ländern die sozialen und politischen Gegensätze und die monarchistischen Regierungen sahen sich erstarkenden demokratischen und sozialistischen, nicht zuletzt auch neuen Frauen-Bewegungen gegenüber. Kurz gesagt: 1914 standen bereits alle Zeichen auf Krieg, der letztlich eine Neuordnung Europas und dieÜberwindung nationaler Krisen bringen sollte (vgl. Craig 1980).
Inhalt6
Medien, Krieg, Geschlecht: Anstöße zur Diskussion spannungsgeladener Relationen9
Anmerkungen16
1 Ausgangspunkte17
Medien, Krieg, Geschlecht: Dimensionen eines Zusammenhangs18
1 Vielfältige Verflechtungen18
2 Erweiterung der Perspektiven durch feministische Ansätze19
3 Medien und Krieg im Fokus feministischer Forschung20
3.1 Geschlechterpositionierungen im Krieg: Mütter/Väter/Family Culture24
3.2 Geschlechter in den Streitkräften26
3.3 Sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe28
3.4 Maskulinität im Krieg30
4 Dilemmata und Herausforderungen33
Anmerkungen37
Literatur38
Militär und Geschlechterverhältnis zu Beginndes 21. Jahrhunderts44
1 Die Integration von Frauen in die Streitkräfte45
2 Zur Konstruktion der Professionalität der weiblichen Soldaten47
3 Die symbolische Ebene des veränderten Verhältnisses von Militär und Frauen50
Anmerkungen54
Literatur55
2 Bilderpolitiken58
Medial vermittelte Vorurteile, Stereotype und ,Feindinnenbilder‘59
1 ,Flintenmänner‘ und ,Feindinnenbilder‘59
2 Stereotypenforschung in der Kommunikationswissenschaft60
3 Arten und Funktionen von Stereotypen62
4 Nachrichtenfaktoren und Stereotype64
5 Exkurs Historikerinnenstreit66
6 ,Helferinnen‘ und ,Flintenweiber‘67
7 Stereotypenforschung als „unfinished business“73
Anmerkungen74
Literatur74
Orientierungen. Bilder des ,Fremden‘ in medialen Darstellungen von ,Krieg und Terror‘78
1 Mediale Konstruktionen des ,Fremden‘ im,Krieg gegen den Terror‘78
2 Theoretische Überlegungen und Auswahl des Materials79
3 Schlagbilder und Schlagzeilen von ,Krieg und Terror‘82
3.1 Feminisierung der Opfer82
3.2 Fanatische Täter85
4 Deutungskontinuitäten89
5 Fazit94
Anmerkungen95
Literatur96
Feminisierte Soldatinnen:Weiblichkeit und Militär in Israel99
1 Konstituierungsprozesse von Geschlecht in der israelischen Armee99
2 Der Mythos der „integrated army“100
2.1 Die Rolle der weiblichen Soldatin100
2.2 „Nie wieder wehrlos sein!“102
3 Repräsentationen israelischer Soldatinnen durch die IDF103
4 Die Erfahrung des Militärdienstes aus der Perspektive israelischer Soldatinnen107
5 Die Konstruktion von Gender und Körperlichkeit im israelischen Militär109
6 Fazit110
Anmerkungen111
Literatur113
Lions led by lambs Zur medialen Repräsentation von Geschlecht, Alter und ethnischer Herkunft in Robert Redfords ,Anti‘-Kriegsfilm Von Löwen und115
1 Zur medialen Vermitteltheit des Blickes auf Krieg undseine filmische Repräsentation115
2 Von Löwen und Lämmern – ein Film über den Krieg in Afghanistan117
2.1 Die Eröffnungssequenz des Films118
2.2 Die Ausnahmefrau und der Politiker120
2.3 Der Professor und die Studenten – Männlichkeiten und Stereotypen123
Anmerkungen128
Literatur128
3 Narrationen129
Unterhaltungstheater als Medium der Verhandlung von Geschlechterrollen im Ersten Weltkrieg130
1 Öffentliche Debatten und populäre Medien:Geschlechterverhältnisse und Unterhaltungskultur um 1914130
2 „Oho, ein Mädchen-Regiment“:Frauen und Mobilmachung auf den Bühnen132
3 Vertreibung der Wiener Operette:Die inszenierte ,Reinigung‘ von ausländischen Einflüssen136
4 Vom Gasthaus „Zur grünen Flasche“ zur Wach- und Schließgesellschaft: Frauen in neuen Berufen137