: Michael N. Ebertz, Rainer Schützeichel
: Michael N. Ebertz, Rainer Schützeichel
: Sinnstiftung als Beruf
: VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
: 9783531923888
: 1
: CHF 37.50
:
: Sozialpädagogik, Soziale Arbeit
: German
: 261
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF
Von jeher lag die Sinnstiftung in Expertengruppen, von den religiösen Virtuosen über die künstlerischen 'Genies' bis hin zu wissenschaftlichen Experten. Darüber hinaus ist in der modernen Gesellschaft die Sinnstifung zu einem Praxisfeld verschiedener Berufe bzw. Professionen geworden (etwa Theologen und Seelsorger, Mediziner, Psychologen und Psychotherapeuten oder auch Journalisten). Die Analyse dieses Feldes steht im Mittelpunkt des Buches.

Dr. Dr. Michael N. Ebertz ist Professor an der Katholischen Fachhochschule Freiburg.
Dr. Rainer Schützeichel vertritt die Professur Mikrosoziologie und qualitative Methoden an der FernUniversität in Hagen.
Unternehmer als Sinnstifter– Macht das Sinn? (S. 157-158)

Ekaterina Svetlova

1

Am 15. Januar 2009 fiel die Aktie des Computerherstellers Apple um sieben Prozent. Der Grund: Am Vorabend gab das Unternehmen bekannt, dass sein Chef Steve Jobs ein halbes Jahr Auszeit nehmen muss, um eine Krankheit zu kurieren. Ein Jahr davor hatte das„Manager Magazin“ die Analystenmeinung veröffentlicht, deren zufolge die Aktie 25 Prozent fallen würde, verließe Jobs Apple (Kaufmann 2008). Der Unternehmer gilt als Motor und Garant des Erfolgs seines Konzerns.

Er revolutionierte den Markt mit neuen Produkten wie dem di gitalen Musikplayer iPod und dem Multimediahandy iPhone. Seine Verkaufspräsentationen sind legendär und begeistern jedes Jahr Millionen von Fans. Er ist ein Markensymbol der Firma und ist hiermit unersetzlich. Die FAZ gab dem Artikel, der die Auszeit von Steve Jobs kommentierte, den Titel„Götterdämmerung bei Apple“ (Linder 2009). Der Unternehmer Steve Jobs scheint bei Apple in der Tat ein Gott, ein richtiger Sinnstifter zu sein.

Dies ist ein Beispiel aus der Praxis, das viele bestehende Managementtheorien bestätigt. Seit den Arbeiten von Joseph Schumpeter wird das Verständnis von Unternehmern als professio nellen Sinnstiftern, die existentielle Fragen ihrer Kunden und Mitarbeiter aus eigener Kraft beantworten, zelebriert (z. B. Meyer-Faje 2003; Höhler 2004; Böckmann 1999, 2002; Hartfel der 1984; Dyllick 1983). Neben einer umfangreichen Literatur gibt es Seminare für Manager, wo die Idee vermittelt wird, dass es eine elementare Aufgabe von Führungskräften ist, den ihnen anvertrauten Menschen den Sinn ihres Tuns zu offenbaren.

Diese sinnorientierte Füh rungskonzepte werden als Schlüssel zum unternehmerischen Erfolg dargestellt. Steve Jobs hat es geschafft, eine geistige Orientierung sowohl für Kunden als auch für Mitarbeiter von Apple zu leisten; hiermit hat er die Siegeszüge der Firma in der Computer- und Musikbranche mög lich gemacht. Für die Konsumenten erzeugen Unternehmer Waren und Dienstleistungen. Der Begriff„Un ternehmertum“ ist allerdings vor allem mit der Erzeugung neuer Produkte verbunden: Schum peter (1912) unterscheidet den Unternehmer, der neue Kombinationen von Produktionsmit teln entdeckt und auf dem Markt durchsetzt, von dem Wirt, der die schon bestehenden Tech nologien und Absatzkanäle verwendet.

Die Durchsetzung ist ein zentrales Element des unter nehmerischen Handelns, dies betont Schumpeter insbesondere in der zweiten Ausgabe seines Hauptwerks„Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung“ (1926). Eine erfolgreiche Durch setzung im Markt bedeutet, dass das neu hergestellte materielle oder geistige Objekt anfängt, als eineökonomische Ware zu gelten.

„‚Damit ein Ding zum Gute werde‘, muss nämlich ers tens das (heutige oder zukünftige) Bedürfnis erkannt werden, und es muss zweitens erkannt werden, dass das Ding Eigenschaften besitzt, welche es für die Befriedigung dieses Bedürf nisses tauglich machen.“ (Löwe 1999: 99, mit Bezug auf Carl Menger (1968 [1871])). Die Bedürfnisse werden oft von den Unternehmern nicht bloß erkannt, sondern mit dem Produkt zusammen kreiert und den Kunden vorgestellt. Es muss einÜbergang von etwas Sinnlosem (einem neuen unbekannten Produkt) zu etwas Sinnvollen (einer auf dem Markt etablierten Ware) stattfinden. In diesen Prozessen spielen Unternehmer eine zentrale Rolle.

Sie laden Güter mit Sinn und Bedeutung auf, sie kreieren passende Sinnangebote zu jeder Ware. Dies ist eine zentrale Funktion eines Unternehmers. So hatte Steve Jobs„ein untrügliches Gespür dafür…, wie man mit technischen Produkten wegen ihres Designs und ihrer Software-Funk tionalität Begehrlichkeiten beim Verbraucher wecken kann“ (Linder 2009). Eine Ware wird begehrt und gekauft, wenn ein Konsument Sinn damit verbinden kann. Jeder Unternehmer„erzählt das Gut als potentiell sinnaufwertendes Ereignis im Leben der Konsumenten:‚sensemaking‘“ (Priddat 2004: 343).
Inhalt5
Sinnstiftung und Beruf – einleitende Bemerkungen7
Transformationen religiösen Sinns10
Der letzte Sinn – Heilsarbeit im eschatologischen Büro11
Handlungssinn und institutioneller Sinn11
Lebenssinn: Autotelischer und heterototelischer Terminalsinn13
Eschatologisches Büro15
Die gesellschaftlichen Herausforderungen des eschatologischen Büros17
Sinnbastelarbeit im eschatologischen Büro20
Heilsarbeit am Fegefeuer24
Heilsgeschenk für alle25
Der allerletzte Sinn?26
Literatur27
Experte seiner selbst – Über die Selbstermächtigung desreligiösen Subjekts30
1 Der ‚Experte seiner selbst‘ – Eine Typenbeschreibung32
2 Der Bereich des Religiösen als letzter Hort der Freiheit35
Literatur37
Religiöse Inklusion über die Liturgie? Zum Verhältnis vonProfession und Publikum im Katholizismus39
1 Die Messe in professionssoziologischer Perspektive43
1.1 Inklusion über professionelle Betreuung43
1.2 Liturgie als Tätigkeit von Priestern45
1.3 Interaktion in der tridentinischen Messe?47
2 Das Publikum der Messe50
2.1 Leistungsrolle und Publikum50
2.2 Vorgängige Inklusion des Publikums53
2.3 Zur Beobachtung des Publikums58
3 Liturgische Professionalisierung?60
Literatur63
Der Sinn der Orthodoxie – Herrschaftsstrukturen undOrthodoxie in Byzanz und Griechenland67
1 Orthodoxie und Legitimation der Herrschaft67
2 Herausbildung der „politischen Orthodoxie“ in Byzanz69
2.1 Veralltäglichung und Institutionalisierung des Christentums69
2.2 Orthodoxe Vergemeinschaftung und Politik71
3 Der Übergang: Metabyzantinische Periode und Osmanenherrschaft73
4 Kirche und Orthodoxie im Rahmen des griechischen Verfassungsstaates73
4.1 Differenzen zu und Gemeinsamkeiten mit Byzanz73
4.2 Säkularisierung des Staates versus Verweltlichung der Kirche: Gegensätze undSpannungen76
5 Abschließende Fragen79
Literatur79
Sinnstiftung durch Professionen?82
Die Vermittlung von System und Lebensweltals Bezugsproblem der Professionen – was dieProfessionssoziologie von der Theologie überProfessionen lernen kann83
183
290
394
4101
5102
6107
7110
Literatur113
Repräsentant des Gemeinwesens – Zum Aspekt derSinnstiftung im professionellen Handeln des Politikers117
Literatur122
KontingenzarbeitÜber den Funktionsbereich der psycho-sozialen Beratung123
1 Funktionsbereiche1125
2 Funktionsbereich der psycho-sozialen Beratung128
2.1 Psychotherapie130
2.2 Seelsorge132
2.3 Coaching und Supervision134
3 Der Sinn der psycho-sozialen Beratung135
Literatur136
Macht Religionsunterricht Sinn? Eine exemplarische Analyse pädagogischer Praxis ausprofessionalisierungstheoretischer Sicht139
1 Einleitung139
2 Die in Anspruch genommene Professionalität des Lehrers140
3 Das didaktische Konzept der Stunde141
4 Das Material und die mit ihm gegebenen Möglichkeiten143
5 Der Arbeitsauftrag und seine Bewältigung144
6 Das Interesse eines Schüler meldet sich: Das Problem des Sinns vonSelbstmordattentaten146
7 Ein weiteres Schülerinteresse meldet sich – und wird „kaltgestellt“149
8 Die Dynamik des „Sammelns“ von Vorurteilen150
9 Weitere Folgen dessen, dass der Begriff des Vorurteils ungeklärt ist152
10 Fazit154