: Ulla-Britta Vollhardt
: Staatliche Heimatpolitik und Heimatdiskurse in Bayern 1945–1970 Identitätsstiftung zwischen Tradition und Modernisierung
: Herbert Utz Verlag
: 9783831608157
: 1
: CHF 31.00
:
: Politik
: German
: 551
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF

Bayerns"Take off" in die Moderne war von tiefgreifenden Wandlungsprozessen geprägt, die auch das bayerische Selbstverständnis nicht unberührt ließen. Identitätsstiftung und -pflege mittels Heimatpolitik zu betreiben galt als gangbarer Weg, diese Umbrüche zu kompensieren.

Die Studie untersucht am Beispiel des Freistaats, welch zentrale Bedeutung dem Begriff der Heimat nach 1945 bei der Neuformierung von Staat und Gesellschaft zukam. Sie zeigt, wie der Staat durch seine heimatpolitischen Maßnahmen auf gesellschaftliche Entwicklungen Einfluss nahm und inwieweit diese dazu geeignet waren, die Vertriebenen zu integrieren, disparate Regionalismen zu kanalisieren und zugleich den eigenstaatlichen Anspruch des Landes zu stärken. Inwiefern umgekehrt die Interessenvertreter der bayerischen Traditionslandschaften wie auch der Vertriebenen auf die politischen Strategien der jeweiligen bayerischen Regierungen und das Verwaltungshandeln des Staats zurückwirkten, wird ebenso beleuchtet wie derallmähliche Wandel, dem der Heimatbegriff und mit ihm die Inhalte bayerischer Heimatpolitik im Prozess der Modernisierung unterlagen.

3. Neuformierung staatlicher Instrumentarien zur Heimat- und Volkstumspflege: Der Bayerische Landesverein für Heimatpflege und seine Landesstelle für Volkskunde (S. 91-92)

Vom Bayerischen Heimatbund zum Bayerischen Landesverein für Heimatpflege e.V.

Die Bedeutung, die der bayerische Staat und die Politik in der unmittelbaren Nachkriegszeit dem Heimatprinzip beimaßen, manifestiert sich sinnfällig in der schnellen Wiederbegründung einer zentralen heimatpflegerischen Organisation, die die Funktion eines Dachverbands der bayerischen Heimatvereinigungen und die Koordination und Anregung einschlägiger Initiativen vor Ort übernehmen sollte.

Bereits wenige Wochen nach dem offiziellen Kriegsende beschäftigte man sich innerhalb der Staatsbehörden mit der Neubelebung des formal bis Kriegsende bestehenden Bayerischen Heimatbunds. 1902 als »Verein für Volkskunst und Volkskunde« durch namhafte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Professoren, Architekten, Künstler und Kunstgewerbler in München gegründet, stellte der Bayerische Heimatbund die älteste gesamtbayerische Heimatorganisation des Landes dar.

Bald zum Dachverband der heimatpflegerischen Vereine in Bayern avanciert, war er, seinem erweiterten Wirkungskreis wie -anspruch gemäß, 1904 in »Bayerischer Verein für Volkskunst und Volkskunde«, 1916, mit seinem Beitritt zu dem 1904 ins Leben gerufenen »Deutschen Bund Heimatschutz«, in »Bayerischer Verein für Heimatschutz« umbenannt worden. Seit 1938 »Bayerischer Heimatbund « genannt und im Rahmen des nationalsozialistischen Führerprinzips umstrukturiert, waren der eng an den Staat gebundenen Einrichtung mit ihrer im selben Jahr gegründeten und seitens des Innenministeriums finanzierten »Bayerischen Landesstelle für Volkskunde« bereits vor 1945 zahlreiche öffentliche Aufgaben in der praktischen Heimat- und Volkstumspflege übertragen worden.

Der Bayerische Heimatbund, dessen Mitgliederzahlen in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre durch die aktive Förderung des Innenministeriums unter Adolf Wagner, Staatsminister und Gauleiter von München-Oberbayern, stetig anstiegen, verzeichnete 1943, dem Jahr des zahlenmäßigen Höhepunkts seiner Wirksamkeit, weit über 7.000 Mitglieder im ganzen Land, die ihrerseits vielfach multiplikatorisch wirkten, unter ihnen zahlreiche bayerische Kommunen, Landkreise, Schulen und andere korporative Mitglieder, lokale und regionale Heimatvereinigungen.

Die mit 1. Januar 1938 in Verbindung mit dem Bayerischen Heimatbund als »halbstaatliche Stelle« durch das Innenministerium errichtete Landesstelle für Volkskunde war aus dem Volkskundeausschuß des Heimatbunds hervorgegangen. Sie galt fortan als die »autorisierte Stelle, die unter wissenschaftlicher Betreuung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften die volkskundliche Arbeit forscherischer wie pflegerischer Art für das ganze Land zusammenfasst «.

Ihr Vorsitzender wurde durch das Innenministerium im Benehmen mit dem Kultusministerium ernannt, ihre Finanzierung erfolgte durch Zuschüsse des Staates, gegenüber dem sie auch rechenschaftspflichtig war. Im Gegensatz zum Heimatbund war die Mitgliedschaft auf wissenschaftlich einschlägig ausgewiesene Persönlichkeiten beschränkt. Ihre organisatorische Zwitterstellung zwischen Verein und staatlicher Einrichtung wurde 1949 in die Worte gefaßt: »Wenn die Landesstelle für Volkskunde auch kein rein staatliches Institut ist, so ist sie im Endeffekt einem solchen doch gleich zu stellen.«
Ulla-Britta Vollhardt, geboren 1969, studierte an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität Geschichte und Germanistik. In den letzten Jahren veröffentlichte sie mehrere Studien zur bayerischen Zeitgeschichte und war unter anderem für das Kulturreferat der Stadt München und das Münchner Institut für Zeitgeschichte tätig. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Universitätsarchiv München.
Ulla- Britta Vollhardt4
Herbert Utz Verlag · München4
Inhaltsverzeichnis6
VORWORT10
Einleitung16
1. Fragestellung und Zielsetzung16
2. Eingrenzung des Untersuchungsfelds26
3. Forschungsstand30
4. Quellenlage38
5. Aufbau der Arbeit42
I. Die Gestaltung der Heimat. Staatliche Heimatpolitik und Heimatdiskurse 1945 bis 1949/ 55: Traditionslinien im Wiederaufbau – Aktionismus im Zeichen der » Heimat «46
1. »Heimat« und Geschichte als Wertkonstanten und Orientierungsmarken im politischen Diskurs der unmittelbaren Nachkriegszeit in Bayern48
Umkämpfte Heimat: Bedeutungskonkurrenzen48
Entschuldungsdiskurse: Kulturstaatstradition Bayerns vs. preußisch- deutscher Militarismus53
Heimatliebe als Erziehungsziel mit Verfassungsrang56
»1500 Jahre Bayern«: Pläne zu einer ersten bayerischen Landesausstellung61
2. Zur Konstruktion der » Heimat Staatsbayern«. Max Spindler, die Anfänge und das Selbstverständnis bayerischer Landesgeschichte nach 194570
»Non mea res agitur, sed bavarica magna «70
Die Gründung des Instituts für Bayerische Geschichte77
»Die Grundlagen der Kulturentwicklung in Bayern«83
Von der Heimatliebe zur Vaterlandsliebe87
3. Neuformierung staatlicher Instrumentarien zur Heimat- und Volkstumspflege: Der Bayerische Landesverein für Heimatpflege und seine Landesstelle für Volkskunde92
Vom Bayerischen Heimatbund zum Bayerischen Landesverein für Heimatpflege e.V.92
Neuaufbau auf den alten Grundlagen: Selbstbild, Arbeitsprogramm und Leitlinien des Vereins99
Im Dienste der Heimat und des Staates: erste Nachkriegsinitiativen des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege107
Staatliche Organisation und persönliche Netzwerke der Heimatpflege 1945 bis 1949127
Repräsentationen von »Heimat « in den frühen Veröffentlichungen des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege135
4. Integrationsarbeit im Dienst des Landes: Heimatpflege im Spannungsfeld von regionalistischer und staatsbayerischer Identitätsstiftung146
Die bayerische Staatsideologie und ihre stammesföderalistischen Gegner146
Sammlungsbewegungen im Zeichen der »fränkischen Heimat «153
Der »Heimatpfleger von Schwaben«: zu Kontinuität und Sprengkraft regionalistischer Identitätspflege161
Staatliche Gegenmaßnahmen gegen die fränkischen und schwäbischen Zentrifugalbewegungen auf dem Feld der Heimatpflege176
Regionalisierung und Dezentralisierung181
Staatliche Bemühungen um eine gesamtbayerische Heimatzeitschrift188
Die Volkstumsoffensive Hundhammers: Brauchtums-, Trachten- und Volksliedpflege198
»Bayrisch Land – Bayrisch Lied«: Die Inszenierung bayerischen Volkstums205
5. »Bayerisch-sudetendeutsche Stammesverwandtschaft «: Vertriebenenintegration durch Heimatpolitik 1948 – 1955211
Die Konstruktion einer bayerisch-sudetendeutsch-schlesischen » Stammesverwandtschaft «214
Der Bayerische Landesverein für Heimatpflege im Dienst der Flüchtlingsintegration215
Die vereinseigene Arbeitsstelle »Neue Heimat «222
Rebavarisierung der Heimatpflege233
II. Die Verwaltung der Heimat. Staatliche Heimatpolitik und Repräsentationen von » Heimat« in den 1950er und 1960er Jahren: Bürokratisierung und Marginalisierung238
1. Institutionalisierung der Heimatpflege: » Heimat « im Verwaltungsprozess240
Heimatkonjunktur240
Staatliche Selbstdarstellung242
Heimatbücher247
Inszenierung der Heimat: Heimattage und Heimatfeste249
Heimat- und geschichtspolitische Maßnahmen des Staates252
Aufruf zur Etablierung von Heimatpflegern257
»Heimat « im Verwaltungsgang265
Der staatliche Etat für die Heimatpflege273
Verwaltungsrichtlinien und Verwaltungspraxis284
Ressortvertreter289
Protagonisten und Karrieren, Netzwerke und Synergien294
Volksmusik- und Trachtenförderung im Spannungsfeld parteipolitischer Interessen303
2. »Eine Art Heim