1
Die erste große Liebe:unser Körper
Jede anständige Liebesgeschichte – so sind wir es gewohnt – besteht aus Begeisterung, Leidenschaft, Drama, Liebe, Eifersucht, Verlustängsten und Unsicherheiten, und nicht anders ist esauch bei der Liebesgeschichte mit unserem Körper. Wir waren einmal in ihn verliebt. Ganz am Anfang. Regelrecht begeistert! Wir liebten es, unsere Finger zu beobachten; fühlten uns großartig, wennwir Geräusche von uns geben durften. Wir waren ekstatisch,als wir zum ersten Mal gekrabbelt sind. Unsere unbeholfenenSchritte wurden von begeistertem Klatschen und»Bravo!«-Rufenbegleitet. Als wir dann gelernt hatten, die Toilette zu benutzen, undkeineWindeln mehr brauchten, wurden wir mit Küssen belohnt. Unsere Eltern betrachteten uns zärtlich, wie wir da in ihren Armen lagen, und niemals hätten sie sich gedacht:»Mal sehen, wie wir dieses Kind vermurksen können.«Sie wollten das Beste. Das Beste, was sie schaffen konnten. Für manche Eltern war das zwar nicht besonders viel. Aber wir liebten sie. Trotzdem.
Wir krochen zu ihnen ins Bett, wenn wir Angst hatten, und mit einem Kuss und einemIn-den-Arm-Nehmen war alles wieder gut. Zumindest für die meisten von uns. Wir liebten den Körper unserer Mutter und unseres Vaters oder wer immer sonst uns die ersten Monate in den Armen hielt und aufzog. Wir liebten die Nähe, und wir liebten die Wärme. Wir liebten die starken Arme, die uns hochhoben, in die Luft schmissen und sicher wieder auffingen. Die Welt war klein und überschaubar, und wir waren nicht verantwortlich für uns selbst.
Sind wir auch heute noch begeistert von unserem Körper? Sind wir noch dankbar? Denken wir an ihn mit Freude oder beschimpfen wir ihn regelmäßig, und dies vielleicht, ohne dass wir es überhaupt wahrnehmen?
Eine meiner Freundinnen zum Beispiel – sie ist Mitte vierzig – hat einiges an körperlichen Herausforderungen zu bewältigen. Sie isthäufig krank und erschöpft. Regelmäßig höre ich von ihr Sätze wie»Ich bin soschlapp«,»Ich sehe heute wieder fürchterlich aus«,»Ichhabe so ein schlaffes Bindegewebe«oder»Ich fühle mich wieaufgebläht, schau dir nur diesen Bauch an«. Dabei ist sie eine ausnehmend attraktive Frau.Sie wird regelmäßig sehr viel jünger geschätzt, als sie ist, und sie hat ihre mädchenhafte Figur behalten.Ihre drei erwachsenen Töchter glaubt man ihr nicht. Ihr Mann vergöttert sie seit Jahren. Doch das alles spielt für sie keine Rolle. Sie schimpft häufig mit sich selbst.
Ich fragte sie einmal, ob sie an einem Experiment teilnehmenmöchte. Ich gab ihr einen von diesen Handzählern. Das sind solchekleinen Apparate, die in der Regel zwei Knöpfe zum Drückenhaben. Einen, um etwas zu zählen, den zweit