: Anna Schmid
: Das Straßenkinderprojekt als Organisation Strukturen, Prozesse und Qualität am Beispiel eines Heims in Brasilien
: VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
: 9783531923079
: 1
: CHF 41.70
:
: Sozialpädagogik, Soziale Arbeit
: German
: 328
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF


Anna Schmid promovierte an der Universität Zürich und ist Dozentin im Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW mit Fokus Sozialmanagement und Forschungstätigkeit zur Qualität in der stationären Kinder- und Jugendhilfe.
6 Gute residentielle Projekte für Kinder und Jugendliche der Strasse in Brasilien: Von den Forschungserkenntnissen zum Organisationsleitfaden(S. 287-288)

6.1 Generalisierbarkeit und Anwendbarkeit der Forschungserkenntnisse

Mit der Organisation Chácara wurde ein Einzelfall untersucht. Die Theorien der Kontingenz und der Systemhaftigkeit von Organisationen weisen darauf hin, dass Organisationen nur beschränkt vergleichbar sind, weil sie situativ und in ständiger Bewegung begriffen sind. Aus den zahlreichen Aussagen von Mitgliedern und Beteiligten der Chácara, welche hier untersucht worden sind, lässt sich denn auch eine ganz spezifische Organisation – fast möchte man sagen Organisationspersönlichkeit – erkennen.

Entsprechend ergab die empirische Untersuchung sehr spezifische Einblicke in die Chácara selbst, welche nun von dieser genützt werden können. Von besonderer Bedeutung für Wissenschaft und Praxis ist jedoch, dass ein Grossteil der vielfältigen und reichhaltigen Merkmale organisatorischer Gestaltung, welche aus dem Datenmaterial hervorgegangen sind, auf ein Niveau der Abstraktion und Formulierung geführt werden konnten, auf dem sie nach Erachten der Autorin sowohl für weitere residentielle Projekte und Institutionen sowie für die Chácara in künftigen Phasen der Organisation generalisierbar sind. Wie die vorangegangenen Kapitel 4 (und vor allem 4.6) und 5 aufzeigen, war dies durch eine reflektive Inbezugsetzung der Phänographie der Organisation Chácara mit einfachen, allgemeinen Rahmenmodellen der Organisation und des Organisationsentwicklungszyklus möglich. Daraus resultieren Aspekte der Organisation und Organisationsgestaltung, welche als spezifische Erweiterung und Präzisierung dieser Rahmenmodelle für residentielle Institutionen für Kinder und Jugendliche der Strasse in Brasilien gelten können.

Ein Erzieher der Chácara – selbst ehemaliger Junge der Gemeindearbeit in der Vila Lindóia, Mitglied der Strassenarbeit der ersten Jahre und Gründungsmitglied der Chácara, also seit über 20 Jahren involviert – betont, dass es schliesslich kein (Detail-) Rezept oder Modell für eine solche Organisation gebe, sondern, dass ein ständiger Lernprozess nötig sei: [Die Chácara] ist eine Herausforderung für uns, etwas, wofür wir nie ein Rezept aus der Schublade ziehen können.

Es gibt nie das perfekte Modell: „Schau, genau so müsste es sein!“, sondern du entdeckst während des Tages ständig, dass derjenige Schritt, den du gestern für richtig hieltest, doch nicht ganz gut war, und dass er [noch] verbessert werden kann. Das ist für mich der zentrale Punkt. (Interview, April 2004) Eine Transferleistung wird in jedem Fall nötig sein, um die vorliegenden Erkenntnisse auf die Chácara oder auf weitere residentielle Institutionen für Kinder und Jugendliche der Strasse anzuwenden.

In dieser Transferleistung liegt jedoch nach Erachten der Autorin grosser Wert. Da, wie in der Studie dargelegt, Lern- und Adaptationsprozesse für die Überlebensfähigkeit und Qualität von Organisationen von grösster Bedeutung sind, ergibt sich mit der Notwendigkeit einer Transferleistung die Verantwortung, aber auch die Chance, den Lernprozess und die Lernfähigkeit der Organisation zu nützen und zu stärken und damit einen Beitrag von fundamentaler Bedeutung an die Qualität der Organisation zu leisten.
Vorwort7
Inhalt9
1 Einleitung13
1.1 Ausgangslage der Studie14
1.1.1 Mängel in residentiellen Institutionen für Strassenkinder14
1.1.2 Fehlendes Wissen über Organisation16
1.1.3 Fehlendes Wissen über Qualität18
1.1.4 Die Chácara der Jungen von Quatro Pinheiros20
1.2 Forschungsziele und Forschungsfragen24
1.3 Bedeutung und Beiträge der Forschungsarbeit25
1.4 Wissenschaftliche und materielle Rahmenbedingungen27
2 Einführung in Themenbereiche und Theorie28
2.1 Brasilien28
2.2 Strassenkinder31
2.2.1 Begrifflichkeit und Zahlen32
2.2.2 Lebenssituation, Eigenschaften und Wünsche33
2.3 Strassenkinderprojekte41
2.4 Organisation48
2.5 Qualität, Nachhaltigkeit und Entwicklung der Organisation54
2.5.1 Qualität und Nachhaltigkeit54
2.5.2 Organisationale Veränderung, Entwicklung und Qualität56
2.5.3 Organisationale Kapazität und organisationales Lernen58
3 Methodische Gestaltung der Studie62
3.1 Anforderungen, Grenzen und Möglichkeiten der untersuchten Organisation63
3.2 Position der Forscherin65
3.2.1 Anforderungen65
3.2.2 Eigenschaften und Gestaltung66
3.3 Methodik73
3.3.1 Einzelfallstudie73
3.3.2 Vereinbart und kommuniziert75
3.3.3 Organisationspsychologisch76
3.3.4 Praxisund wissensorientiert78
3.3.5 Qualitativ und primär induktiv80
3.3.6 Partizipativ82
3.4 Erhebungsmethoden86
3.4.1 Einzelinterviews87
3.4.2 Gruppeninterviews88
3.4.3 Gruppengespräche88
3.4.4 Texte und Gruppenübung der Jungen89
3.4.5 Tonaufnahmen öffentlicher Anlässe91
3.4.6 Sichtung administrativer Dokumente91
3.4.7 Punktueller, illustrativer Beizug weiterer Materialien91
3.5 Daten, Bearbeitung und Analyse92
3.5.1 Datenumfang, Transkription und Übersetzung92
3.5.2 Analyseprozess93
3.6 Wissenschaftliche Güte95
3.6.1 Gültigkeit95
3.6.2 Zuverlässigkeit99
3.6.3 Repräsentanz101
3.7 Sicherheit und Ethik103
4 Die Phänographie der Organisation Chácara105
4.1 Wurzeln der Organisation105
4.1.1 Bürgerinitiative in der Favela107
4.1.2 Bürgerinitiative auf der Strasse111
4.1.3 Kinder und Jugendliche auf den Strassen von Curitiba116
4.1.3.1 Anzahl, Geschlecht und Alter118
4.1.3.2 Lebensfelder119
4.1.3.3 Kontext „Eigene Familie“127
4.1.3.4 Gründe, auf die Strasse zu gehen, und Gründe, sie zu verlassen130
4.1.3.5 Kontext „Strasse“132
4.1.3.6 Erlebte Gesellschaft135
4.1.3.7 Rollen, Aktivitäten und Fähigkeiten138
4.2 Handlungsbasis143
4.2.1 Stärkung und Entwicklung von Kenntnissen und Praxis144
4.2.2 Aktivierung der Kinder und Jugendlichen und Aufbau einer gemeinsamen, solidarisch interagierenden Gruppe145
4.2.3 Stärkung und Förderung der Kinder und Jugendlichen147
4.2.4 Vorbereitung einer konkreten Lösung149
4.2.5 Organisationale Gemeinsamkeiten der vorbreitenden Phasen151
4.3 Zielgruppe und Ziele153
4.3.1 Zielgruppe und Aufnahmekriterien153
4.3.1.1 Kinder und Jugendliche der Strasse153
4.3.1.2 Jungen155
4.3.1.3 Alter157
4.3.1.4 Herkunft157
4.3.1.5 Freiwilligkeit158
4.3.2 Ziele158
4.4 Struktur171
4.4.1 Physische Struktur171
4.4.2 Soziale Grundkonzeption178
4.4.3 Soziale Struktur182