Prof. Dr. Klaus Wahl ist Sozialwissenschaftler mit interdisziplinärem Interesse an der Integration psychologischer, natur- und sozialwissenschaftlicher Untersuchungsergebnisse. Er forscht und lehrt insbesondere zu Aggression und Gewalt bei Familien, Kindern und Jugendlichen am Deutschen Jugendinstitut, an der Universität München, der Venice International University in Venedig sowie am Hanse Wissenschaftskolleg in Delmenhorst. Er hat zahlreiche wissenschaftlich und populärwissenschaftlich gestaltete Buchpublikationen (u. a. bei Suhrkamp, Velbrück, Rowohlt, Beltz, Cornelsen, Reinhardt) veröffentlicht.
3.1 Häufigkeit ausgewählter Aggressions- und Gewaltformen (S.22) Wenn man deröffentlichen Meinung trauen würde, wäre der Trend klar: Es gibt mehr Gewalttätigkeiten als früher. Doch was zählen die Wissenschaften? Hier schlägt zunächst die oben besprochene Vielfalt an Definitionen von Aggression und Gewalt zu Buche: Wenn man die strafrechtlichen Kategorien von Polizeistatistiken zugrunde legt, wenn man psychologische Klassifikationen für Aggression benutzt, wenn man Täter oder Opfer zu ermitteln sucht, gelangt man zu anderen Ergebnissen. Manche Statistiken, wie die der Polizei, beginnen erst ab einem bestimmten Alter der Gewalt Ausübenden, andere erfassen auch schon kleine Kinder. Nachstehend einige quantitative Bestimmungsversuche zu ausgewählten individuellen und kollektiven Aggressions- und Gewaltformen.3.1.1 Kindliche Aggressionen Nach internationalen Forschungsergebnissen weisen je nach Alter und Geschlecht zwischen 2 und 7 % aller Kinder aggressive Störungen auf. Psychische Auffälligkeiten insgesamt, neben Aggressivität insbesondereÄngstlichkeit, Hyperkinetik und Depression, die ebenfalls den Beginn aggressiver Entwicklungen markieren können, finden sich bei etwa 20 % der Kinder (Kuschel 2000; Miller u. Hahlweg 2000). Aktuelle Ergebnisse für Deutschland liefert der von 2003 bis 2006 durchgeführte Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS), in dem etwa 6 600 Jungen und Mädchenüber Gewalterlebnisse als Täter und Opfer berichteten. Haupt- und Gesamtschüler sowie Jugendliche mit Migrationshintergrund taten dies häufiger als andere; sie tolerierten auch eher Gewalt als Gymnasiasten, Realschüler und Nichtmigranten (Schlack u. Hölling 2007). In einer repräsentativen Unterstichprobe dieser Studie bei 2 863 Familien mit Kindern im Alter von sieben bis 17 Jahren zeigten 6 bis 7 % dieser Kinder und Jugendlichen Aggressivität (Ravens-Sieberer et al. 2007). Dieser Verbreitungsgradähnelt dem von der repräsentativen Längsschnittstudie bei mehreren Tausend Kindern, ihren Müttern und Vätern im Kinderpanel des Deutschen Jugendinstituts (DJI) ermittelten. Von der Altersgruppe der elf- bis 13- jährigen Kinder (n = 583) im Jahre 2005 schätzen sich selbst 5,5 % als sehr aggressiv ein. Das ist umgerechnet etwa jedes 18. Kind in diesem Alter oder im Durchschnitt mehr als ein Kind je Schulklasse. Jungen neigen mit 6,0 % signifikant häufiger zu sehr aggressivem Verhalten als Mädchen mit 4,3 %. Wenn man nicht nur dieseüberdurchschnittlich aggressiven Kinder berücksichtigt, sondern auch die tendenziell aggressiven einschließt, kommt man auf etwa jedes achte Kind, nämlich 15,3 % der Jungen und 11,0 % der Mädchen. Die Eltern schätzen die Aggressivität der Jungen wie auch der Mädchen etwas höher ein (Jung u. Wahl 2008).3.1.2 Aggression an Schulen und unter Jugendlichen: Von Tätern zu Opfern und zurück Die Formen der Gewalt an Schulen bewegen sich entlang eines breiten Spektrums– von den häufigen verbalen Attacken und der Beziehungsaggression (andere verpetzen, Intrigen schmieden usw.)über das Schlagen von Mitschülern bis zuäußerst seltenen Schulschießereien (Amokläufen). Dan Olweus ist seit den 1980er Jahren der Pionier der Forschungüber das Bullying (engl. für Tyrannisieren) zwischen Schülern. Mit seinen Untersuchungen in Norwegen regte er international vieleähnliche Studien an. Bullying zielt darauf, einen Schwächeren wiederholt zu schikanieren und ihm Leid zuzufügen. Es reicht vom Schlagen bis zum Gerüchteüber jemanden verbreiten. Olweus’ Untersuchungen an 5 035 Schülerinnen und Schülern zwischen 11 und 15 Jahren in der Stadt Bergen 1997 ergaben, dass 2,5 % mindestens einmal in der Woche Täter waren (Jungen 3,6 %, Mädchen 1,3 %), 4 % zwei- bis dreimal im Monat, 27,4 % ein- oder zweimal insgesamt. Zwei Drittel der Schüler waren nie Täter oder Opfer von Bullying (Solberg u. Olweus 2003). Neuere Untersuchungsergebnisse aus Deutschland dokumentieren eine weitere Verbreitung von Bullying: 5 bis 9 % der Schüler und Schülerinnen waren mindestens einmal in der Woche Täter bzw. Bullies, 5 bis 11 % wurden im gleichen Zeitraum zu Opfern (Scheithauer et al. 2007, S. 143).