Entscheidungen in Organisationen (S. 77-78)
Wolfgang Reiber
Organisationen sind das, was sie geworden sind, aufgrund von Entscheidungen. Prinzipiell gilt das auch für Menschen, d.h. für ihre Biographie und ihre Lerngeschichte. Weil Entscheidungen meist sehr bedeutungsvoll sind, beschäftigen sich die Menschen seit Jahrtausenden damit. Das Orakel von Delphi stellt ein Beispiel für eine Entscheidungsfindungsmethode dar, heute dominieren eher formale Verfahren. Rationale Logik ist an die Stelle irrrationaler Spekulation gerückt. Aber inwieweit stimmt das wirklich? Und schließen sich die beiden Ansätze aus? Der Beitrag geht solchen Fragen nach und betrachtet dafür im ersten Teil Entscheidungssituationen, Entscheidungsanlässe und Entscheidungsverantwortlichkeiten sowie rationale und intuitive Aspekte bei der Entscheidungsfindung. Im zweiten Teil des Beitrags werden Entscheidungen in Gruppen untersucht und in diesem Zusammenhang das Verhältnis von rationalem und emotionalem Konsens. Anschließend werden Möglichkeiten betrachtet, wie die„Weisheit der Gruppe" erschlossen werden kann. Fragen für die Praxis und Brücken in den Alltag schließen den Beitrag ab.
Organisationen sind das, was sie geworden sind, aufgrund von Entscheidungen. Sie entwickeln sich fort aufgrund von Entscheidungen und sie reproduzieren sich durch Entscheidungen.Ähnliches gilt auch für Menschen: Unsere Biographien und Lerngeschichten resultieren aus persönlichen Entscheidungen, die wir in Kontexten getroffen haben, die wir uns freilich nicht immer aussuchen konnten. Dabei ist es gleichgültig, ob diese Entscheidungen bewusst oder unbewusst getroffen wurden, spontan oder nach langem Nachdenken, einem rationalen Kalkül folgend oder einem„Bauchgefühl". Menschen entscheiden unablässig, sie können gar nicht anders. Selbst die bewusste oder nicht bewusste Vermeidung einer Entscheidung ist eine Entscheidung.
Entscheidungen gleichen in mancher Hinsicht Weichen auf einer Bahnstrecke, die Richtungen für das Weiterfahren festlegen. Und Alternativen gibt es fast immer. Entscheidungen werden in der Gegenwart getroffen aufgrund von Anlässen, die in der Vergangenheit aufgetaucht sind. Ihre Wirkung zeigt sich in der Zukunft, wo aber bisher noch niemand gewesen ist. Die daraus entstehende Ungewissheit macht Entscheidungen spannend. Ein wenig Spannung gibt dem Leben zwar Würze, aber wenn ein bestimmter Schwellenwertüberstiegen wird, finden es die meisten Menschen unangenehm und drängen auf eine Lösung, die Entspannung verspricht.
Wenn wir jedoch mit der Entscheidung gleichzeitig Abschied nehmen müssen von ebenso attraktiven Optionen, vielleicht auch von lieb gewordenen Illusionen, oder wenn wir mögliche Folgen unserer Entscheidung besonders fürchten, verdrängen wir häufig den offensichtlichen Entscheidungsbedarf. Die Spannung würde bei den Betroffenen ja auch gar nicht unbedingt sinken, sondern wegen der vorhandenen Risiken möglicherweise sogar weiter zunehmen. Keine Entscheidung ist aber ebenfalls eine Entscheidung und hat Folgen– weshalb das konsequente Wegsehen und Ignorieren gleichfalls riskant sind. Weil Entscheidungen so bedeutsam sind, ist es kein Wunder, dass sich Menschen seit Jahrtausenden damit befassen und mehr oder weniger pfiffige Verfahren zur Vorbereitung und Absicherung von Entscheidungen entwickelt haben.
Die alten Griechen befragten beispielsweise das Orakel und sorgten damit für Orientierung und Selbstberuhigung. Als moderner gelten heute formale Methoden und Verfahren, die zumindest auf den ersten Blick den Anschein von Objektivität und Sachrationalität erwecken. Manche Entscheider folgen dennoch lieber ihrem„Bauchgefühl", andere richten sich nach den Sternen oder lassen den Zufall entscheiden. Wieder andere engagieren Berater, die gar nicht selten die Funktion der antiken Priesterinnen von Delphiübernehmen. Die Gewohnheiten, Erfahrungen, Vorlieben und Glaubenssätze sind verschieden. Eine eindeutige Empfeh lung für das eine oder andere ist schwer, denn kein Verfahren ist ohne Ausnahme erfolgreich oder erfolglos. |