Hochbegabung und Musikalität Integrativ-musiktherapeutische Ansätze zur Förderung hochbegabter Kinder
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Karin Thalmann-Hereth
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Hochbegabung und Musikalität Integrativ-musiktherapeutische Ansätze zur Förderung hochbegabter Kinder
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VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
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9783531914299
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1
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CHF 23.90
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Angewandte Psychologie
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German
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209
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Wasserzeichen/DRM
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PC/MAC/eReader/Tablet
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PDF
Frühförderung von intellektuell hochbegabten Kindern bedeutet nicht immer eine Maximierung des Lernens, sondern die Entfaltung von individuell passenden Spielräumen kognitiver, sportlicher und musischer Art. Werden Hochbegabte ausschließlich intellektuell gefördert, besteht die Gefahr von Einseitigkeiten, Defiziten in anderen Lebensbereichen und in Folge problematischen Lebensverläufen. Das Buch liefert gründliche Informationen zum Thema Hochbegabung und verbindet sie auf neue Weise mit Forschungen zur Musikalität und sozial-emotionalen Entwicklung. Im Praxisteil wird ein integrativ-musiktherapeutisch s Konzept für die Arbeit mit hochbegabten Kindern dargestellt, das zur multimodalen Stimulation dieser Kinder anregen soll.
Dr. Karin Thalmann ist freiberufliche Psychologin und Musiktherapeutin (FPI).
7 Integrative Arbeitsmodelle für die Musiktherapie
(S. 129-130)
Wir haben bereits viel über die Bedeutung einer ganzheitlichen Förderung intellektuell hochbegabter Kinder gesprochen. Wird die Unterstützung im sonderpädagogischen Bereich angesiedelt, müssen geeignete pädagogische bzw. musiktherapeutische Konzepte zu Grunde gelegt werden. Deshalb folgt in Kapitel 7.1 eine Darstellung integrativ-therapeutischer Konzepte. Das Kapitel 7.1 ist gewissermaßen ein Theorie-Konzentrat, in dem ausgewählte Konzepte der Integrativen Therapietheorie für die praktische Arbeit erläutert werden. Für eine ausführliche Lektüre der sehr umfangreichen Therapietheorie der Integrativen Therapie sei auf PETZOLD (2003, 2006) sowie RAHM et al. (1995) verwiesen.
Die Integrative Musiktherapie ist eine Spezialisierung innerhalb der Gesamtausbildung „Integrative Therapie". Die Integrative Therapie bietet die Theorien und Konzepte, welche der integrativ-musiktherapeutischen Methode zu Grunde liegen und in musiktherapeutische Sprache umgesetzt und angewandt werden. Musiktherapie ist zugleich eine eigenständige Art des Zugangs zum Kind oder Erwachsenen, eine eigene Art des Zuhörens und Kommunizierens, die Atmosphärisches sehr bewusst wahrnimmt und hörbar macht. Musik ist eine Mischung von emotional beflügelnden und durch Klangatmosphären ‚tragendnährenden’, erdenden Aspekten eigen.
Unterschiedliche Kontakt- und Wirkaspekte der Musik werden in Kapitel 7.2 im Komponenten-Modell nach HEGI und in Anlehnung an STERNs entwicklungspsychologisches Modell frühkindlicher Reifungsphasen sowie PAPOUSEKs Untersuchungen zur vorsprachlichen Kommunikation erklärt. Anschließend an die therapeutische Grundlagentheorie in Kapitel 7.1 und das entwicklungs- und musiktherapeutisch orientierte Kapitel 7.2 wird in Kapitel 7.3 ein „Modell musiktherapeutischer Gestaltbildung" besprochen, welches den musiktherapeutischen Prozess unter Berücksichtigung der integrativen und musiktherapeutischen Therapietheorie und in Anlehnung an WEBSTERs Modell musikalischer Denkprozesse visualisiert.
7.1 Konzepte der Integrativen Therapie
Der Entwicklungsverlauf von pädagogischen und therapeutischen Prozessen wird in der Integrativen Therapie mit der hermeneutischen Spirale (PETZOLD, 1993, Bd. 2, 489 und 625f) beschrieben: Erkenntnis geschieht in einem sich immer wieder neu formierenden und auf Vorherigem aufbauenden Kreislauf, woraus sich die Spiralform als Symbol für den Erkenntnisprozess entwickelt hat. Der Kreislauf selber besteht aus vier Stadien und verläuft für die hermeneutische Spirale vom Wahrnehmen über das Erfassen und Verstehen zum Erklären. Diese Spirale kann auch als agogische Spirale verstanden werden.
Dann heißen die vier Stadien: Explorieren, Agieren, Integrieren und Reorientieren. Als therapeutische Spirale geht es um die Stufen Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten und Verändern. Die Spiralentwicklung wurde von PETZOLD (ebd.) für unterschiedliche agogische und therapeutische Kontexte jeweils leicht anders ausformuliert. Er fasst diese unterschiedlichen Formulierungen unter vier Oberbegriffe für diese Phasen zusammen, die er als „tetradisches System" (PETZOLD, 1993, Bd. 2, 622) bezeichnet: Die erste Phase ist die Initialphase, in der ein Problem oder eine Aufgabe identifiziert und formuliert wird.
Die zweite Phase heißt Aktionsphase und betrifft Auseinandersetzung und Konsensfindung. Die dritte Phase bezeichnet PETZOLD als Integrationsphase. In dieser werden neue Konzepte und Handlungslinien formuliert, die in der vierten Phase, der sog. Neuorientierungsphase, dann umgesetzt werden (in Abb. 10, Kap. 7.3 ist das tetradische System innerhalb des „Modells musiktherapeutischer Gestaltbildung" dargestellt).
Hier wird das Gelernte ins Leben überführt und eine Situationsveränderung erfolgt. Nochmals anders formuliert (PETZOLD, ebd.) geht es in der Initialphase um Differenzierung, welche zu Komplexität und Dissens führt, in der Aktionsphase um Strukturierung, welche zu Prägnanz und Konsens führt, in der Integrationsphase um Integration, welche (re)stabilisiert und in der neue Konzepte entwickelt werden,
Inhaltsverzeichnis
6
Abbildungen
8
Vorwort: Hochbegabungen, „brain wizards“ – Chance und Schicksal
9
Einleitung – oder was Hochbegabte mit Rennautos gemeinsam haben
17
I. TEIL: Grundlagen zum Phänomen Hochbegabung und seine Affinität zur Musikalität
27
1 Intellektuelle Hochbegabung
28
1.1 Geschichte des Geniebegriffes
30
1.2 Ausgewählte Theorien zur Intelligenz
33
2 Vom Zusammenspiel kognitiver und sozialemotionaler Entwicklung
39
2.1 Wie beeinflussen sich sozial-emotionale Entwicklung und kognitive Hochbegabung?
39
2.2 Soziale Isolierung und Einsamkeit
50
2.3 Spiegelneurone, soziales Verstehen und Kognition
55
3 Musikalität
60
3.1 Was heißt musikalisch?
60
4 Musikalität und Hochbegabung
69
4.1 Sinnliche Zugänge zur Welt: Musizieren und Theoretisieren als zwei Wahrnehmungsweisen
69
4.2 Zusammenhänge von Intellekt und Musikalität
71
II. TEIL: Konsequenzen für die pädagogische und therapeutische Praxis
78
5 Dilemmata im Umgang mit hochbegabten Kindern
79
5.1 Ausgrenzung durch Zuschreibung
80
5.2 Die Rolle der Außenstehenden
85
5.3 Die Schwierigkeit mit Hochbegabung umzugehen
87
6 Wie können positive schulische Sozial- und Lernerfahrungen gefördert werden?
90
6.1 Bildungskonzepte
90
6.2 Soziale Integration im Rahmen von Frühförderung
93
6.3 Früheinschulung oder das Überspringen einer Klasse
98
6.4 Fördermöglichkeiten im Rahmen der Schule
104
7 Integrative Arbeitsmodelle für die Musiktherapie
119
7.1 Konzepte der Integrativen Therapie
119
7.2 Bereiche der Selbstempfindungen nach STERN und heuristische Bezüge zur Komponentenmethode nach HEGI
132
7.3 Ein „Modell musiktherapeutischer Gestaltbildung“
142
8 Ein integrativ-musiktherapeutischer Ansatz zur Förderung hochbegabter Kinder
149
8.1 Basiskonzepte der Kurse
152
8.2 Konzept und Verlauf eines Mathematik-Kurses
155
8.3 Verschiedene Kurse im Überblick
177
8.4 Zusammenfassende Reflexion
181
9 Fazit und Ausblick
184
10 Zusammenfassung
188
Literaturverzeichnis
194
Personenregister
200
Sachregister
203