Anerkennung oder Abwertung Über die Verarbeitung sozialer Desintegration
:
Barbara Kaletta
:
Anerkennung oder Abwertung Über die Verarbeitung sozialer Desintegration
:
VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
:
9783531910529
:
1
:
CHF 38.20
:
:
Soziologie
:
German
:
228
:
Wasserzeichen/DRM
:
PC/MAC/eReader/Tablet
:
PDF
Anerkannt zu werden, ist nicht nur ein menschliches Grundbedürfnis, sondern vermittelt ebenfalls das Gefühl, in einen sozialen Kontext integriert zu sein. Wie kann es sich aber auswirken, wenn Menschen damit umgehen müssen, weniger Anerkennung zu erfahren als sie sich wünschen?
Indem untersucht wird, ob dies dazu führen kann, dass die betroffene Person menschenfeindliche Einstellungen entwickelt, wird einem von verschiedenen möglichen Verarbeitungsmechanismen nachgegangen.
Dr. Barbara Kaletta ist wissenschaftliche Assistentin der Forschungsgruppe 'Kontrolle der Gewalt' am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld.
3. Erste theoretische Annäherung an das Forschungsproblem – Anerkennung und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
(S. 37-38)
3.1 Die Theorie der Sozialen Desintegration
Das Konstrukt der Anerkennung wird innerhalb der Theorie der Sozialen Desintegration nach Heitmeyer und Anhut als Element von Integrationszuständen betrachtet (vgl. Anhut& Heitmeyer, 2000). Integration wird, basierend auf einem Ansatz von Bernhard Peters, definiert als die gelungene Lösung dreier Arten von Problemen. Als diese drei zu lösenden Integrationsaufgaben identifiziert Peters die Orientierung in der objektiven Welt und die Koordination von äußeren Handlungen, die Stiftung affektiver Beziehungen zwischen Mitgliedern sozialer Einheiten und die Entwicklung von Verfahren, um konfligierende Ansprüche ausgleichen zu können.
Diese drei Aufgabenstellungen sind in drei gesellschaftlichen Ebenen verortet, die von Heitmeyer und Anhut als strukturelle, sozio-emotionale und institutionelle Ebene bezeichnet werden. Peters’ Ansatz wird durch Heitmeyer/Anhut wie folgt reformuliert. Es werden drei zu Peters’ Ansatz analoge Integrationsdimensionen identifiziert, durch die Aspekte der ökonomischen, kulturellen und politischen Integration innerhalb eines Konzepts verknüpft sind. Bezeichnet werden die Dimensionen als individuell-funktionale Systemintegration, kommunikativ- interaktive Sozialintegration und kulturell-expressive Sozialintegration.
Gesellschaftliche Integration im Rahmen der individuell-funktionalen Systemintegration, also auf struktureller Ebene, setzt in diesem Ansatz nicht – wie im Falle des Ansatzes von Peters – vorrangig die Lösung von Koordinations- und Orientierungsproblemen voraus, sondern zielt auf die Gewährleistung der Teilhabe an gesellschaftlich produzierten Gütern ab. Die kommunikativ-interaktive Sozialintegration bezieht sich auf die institutionelle Ebene. Integration erschließt die Möglichkeit, einen Ausgleich konfligierender Interessen sicherzustellen, ohne die Integrität anderer Personen zu verletzen, also unter Einhaltung der Grundnormen Fairness, Solidarität und Gerechtigkeit.
Dies setzt Teilnahmechancen und Teilnahmebereitschaft am politischen Diskurs und an Entscheidungsprozessen, also aktive Teilnahme an der Herstellung und Änderung von gesellschaftlich geteilten Normen, voraus. Das Integrationsziel der kulturell-expressiven Sozialintegration ist die Entwicklung kollektiver und individueller Identität und des sozialen Rückhalts. Sie findet somit durch expressive Vergemeinschaftung statt. Eine Integration erfolgt über die Herstellung emotionaler Beziehungen zu Anderen. Voraussetzung für eine Integration ist hier somit die Möglichkeit und Fähigkeit, sich sozio-emotionalen Rückhalt zu sichern und sich hierdurch ein Erleben von Nähe, Geborgenheit, Einbindung und Unterstützung zu sichern. Um die erforderlichen Integrationsleistungen zu erbringen, werden sowohl objektive als auch subjektive Ressourcen benötigt.
Auf struktureller Ebene stellen sich diese objektiven Ressourcen in Form von Teilhabechancen an materiellen und kulturellen Gütern der Gesellschaft dar. Voraussetzung hierfür sind die objektiv bestehenden Zugänge zu gesellschaftlichen Teilsystemen, Arbeits- und Wohnungsmärkten. Diese müssen ein subjektives Maß an Anerkennung, bezeichnet als positionale Anerkennung, mit sich bringen. In der institutionellen Ebene sind notwendige Integrationsressourcen die objektiven Teilnahmechancen an Aushandlungsprozessen und die subjektive Teilnahmebereitschaft hierzu, sowie die Möglichkeit der Konfliktaustragung unter Wahrung der Integrität des Anderen.
Die mit dieser Integrationsdimension verknüpfte Art der Anerkennung wird als moralische Anerkennung bezeichnet. Auf sozio-emotionaler Ebene werden Zuwendungs- und Aufmerksamkeitsressourcen sowie ein ausreichendes Maß an emotionaler Anerkennung benötigt. Diese Anerkennungsdimension wird unterteilt in eine Anerkennung der personalen Identität und eine Anerkennung der kollektiven Identität.
Inhalt
6
Vorwort
8
1. Einleitung
9
2. Grundlegende Annahmen zum Konstrukt der Anerkennung
18
2.1 Die Theorie Axel Honneths
18
2.2 Diskussion der Anerkennungskategorien Honneths
23
2.3 Anerkennung als Grundbedürfnis und Modus von Integration
27
Exkurs: Schattenseiten der Anerkennung
31
3. Erste theoretische Annäherung an das Forschungsproblem – Anerkennung und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit
34
3.1 Die Theorie der Sozialen Desintegration
34
3.2 Kritisches Zwischenfazit und weiteres Vorgehen
39
4. Theoretische Erweiterung
42
4.1 Ausarbeitung der Schlüsselbegriffe der Theorie der Sozialen Desintegration
42
4.2 Ausarbeitung des Zusammenhangs zwischen Nichtanerkennung, Selbst und GMF
102
4.3 Zusammenfassung der theoretischen Weiterentwicklung
110
5. Empirische Weiterentwicklung des postulierten Zusammenhangs
119
5.1 Datenerhebung: Qualitative Interviews
119
5.2 Interviewauswertung
124
5.3 Zusammenfassung der Ergebnisse der qualitativen Interviews
194
6. Ergebnisdarstellung und Perspektiven für weitere Forschung
202
Literaturverzeichnis
216