: Klaus Schubert, Ursula Bazant, Simon Hegelich
: Klaus Schubert, Simon Hegelich, Ursula Bazant
: Europäische Wohlfahrtssysteme Ein Handbuch
: VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
: 9783531908526
: 1
: CHF 35.90
:
: Politikwissenschaft
: German
: 684
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF
In diesem Handbuch wird die Sozial- und Wohlfahrtspolitik der EU-25-Staaten und die wohlfahrtspolitische Entwicklung der EU dargestellt und analysiert. Weiterhin wird die sozial- und politikwissenschaftliche Debatte über die Entwicklung der Wohlfahrtssysteme in Europa rekapituliert und fortgesetzt. Das Buch dient somit als umfassende Einführung in die sozial- und wohlfahrtspolitische Praxis der europäischen Länder.


Dr. Klaus Schubert ist Professor für Politikwissenschaft und Direktor des Instituts für Politikwissenschaft Münster.
Dr. Simon Hegelich ist Koordinator der Graduate School of Politics der Universität Münster.
Dr. Ursula Bazant ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft Münster.
Europäische Wohlfahrtssysteme: Stand der Forschung – theoretisch-methodische Überlegungen (S. 13)

Klaus Schubert, Simon Hegelich, Ursula Bazant

Von außen betrachtet, im Vergleich der Weltregionen, ist das zentrale Merkmal der Europäischen Union sicher das hohe Niveau an Wohlfahrts- und Sozialleistungen. Von innen gesehen ist offensichtlich die Pluralität, ja das hohe Maß an Differenzierung und Varianz zwischen den Mitgliedstaaten das zentrale Charakteristikum. Diese Besonderheit – Pluralität und Varianz – trifft insbesondere auch auf die Wohlfahrtssysteme in den Staaten der EU zu.

Das vergleichsweise hohe materielle und finanzielle Leistungsniveau, der z.T. die gesamte Bevölkerung umfassende Kreis unmittelbarer und mittelbarer Nutznießer und die damit verbundenen nationalen, innenpolitischen Eigenheiten erklären, dass der Wohlfahrts- und Sozialpolitik in der politischen Praxis aller Staaten der EU eine besondere Bedeutung zukommt.

Gleiches gilt für die politikwissenschaftliche Forschung und es war gerade die vergleichende Wohlfahrtsstaats-Forschung, die hier besondere Pionierarbeit geleistet und wertvolle Erkenntnisse hervorgebracht hat. Dabei ist es nicht erstaunlich, dass die empirisch zu beobachtende Vielfalt, auch weit über den europäischen Rahmen hinaus, bereits früh Versuche der theoretischen Systematisierung und Kategorisierung hervorbrachte.

Eine besonders herausragende und bis heute prägende Arbeit teilt die wichtigsten kapitalistischen Ökonomien in gerade einmal drei Wohlfahrtsregime ein (Esping-Andersen 1990). Die anhaltende und sich in letzter Zeit häufende Kritik an dieser Arbeit verweist allerdings auch auf die Grenzen einer zu stark reduzierenden Typenbildung und Kategorisierung.

Angesichts der – zumindest für die europäische Welt – hohen nationalen Bedeutung der Wohlfahrts- und Sozialpolitik ist diese theoretische, abstraktions- und typisierungsbedingte politikwissenschaftliche Distanz zum eigentlichen Gegenstand äußerst bemerkenswert.

Ebenso erstaunlich ist, dass nach Einführung bestimmter Kategorien bzw. Wohlfahrtsstaats-, Regime- oder Problem-Typen gerade in der vergleichenden Forschung die Anzahl der untersuchten oder zur Beweisführung herangezogenen Länder immer recht überschaubar blieb.

Dies hat zur Folge, dass trotz der insgesamt sehr lebendigen und breiten Wohlfahrtsstaatsforschung bisher der Versuch unterblieb, die Vielfalt der europäischen Wohlfahrtssysteme wenigstens deskriptiv aufzunehmen. Forschungslogisch ist dies interessant, weil selbst gute theoretische Verallgemeinerungen dazu führen, den Bezug zu den empirischen Gegebenheiten einzuschränken. Empirisch ist dies interessant, weil alle diese Systeme in den letzten Jahren einem hohen Reform- und Veränderungsdruck ausgesetzt waren.

Hinzu kommt, dass sich das Bild der europäischen Wohlfahrtssysteme1 durch (a) die unter dem Schlagwort Globalisierung zusammengefassten Prozesse, (b) durch die fortschreitende Vertiefung der Europäischen Union, (c) durch die Erweiterung der EU und (4) durch unterschiedliche nationale Entwicklungen stark verändert hat.

Will man die europäische Perspektive im Rahmen vergleichender Forschung, als Referenz für nationale Untersuchungen oder als eigenständigen Forschungsgegenstand beibehalten, ist es ratsam, einen aktuellen Überblick über den Stand der europäischen Wohlfahrtssysteme zu Grunde zu legen. Hierzu soll der vorliegende Band beitragen. Zum ersten Mal werden alle Wohlfahrtssysteme der EU-25 anhand derselben Kategorien in ihrer Entwicklung und hinsichtlich ihrer aktuellen Probleme analysiert.

Dazu haben über 30 Experten aus allen Ländern der EU zusammengearbeitet. Das Ergebnis ist ein erster Überblick über die Gesamtheit der Wohlfahrtssysteme in Europa, sozusagen ein Luftbild der europäischen Wohlfahrtslandschaften. Die Auswertung dieser Aufnahmen ist noch lange nicht abgeschlossen, da die einzelnen Ausschnitte erst durch vergleichende Arbeiten in ein Verhältnis zueinander gesetzt werden müssen. In diesem Sinne kann man den vorliegenden Band als ‚präkomparatistisch‘ bezeichnen.
Inhalt5
Vorwort9
I Einleitung11
Europäische Wohlfahrtssysteme: Stand der Forschung – theoretisch- methodische Überlegungen13
1 Stand der Forschung14
2 Theoretisch-methodische Überlegungen19
3 Zusammenfassung33
Literaturverzeichnis36
II Länderstudien45
Lange Traditionen und neue Herausforderungen: Das österreichische Wohlfahrtssystem47
1 Geschichte und Struktur des österreichischen Wohlfahrtsstaates47
2 Zur Ausgestaltung der österreichischen Sozialpolitik51
3 Strukturen und Ergebnisse der Wohlfahrtspolitik62
4 Ausblick67
Literaturverzeichnis68
Auf der Suche nach einem Weg aus der ‚Wohlfahrt ohne Arbeit‘: Das belgische Wohlfahrtssystem71
1 Historische Entwicklung71
2 Status Quo72
3 Analyse78
4 Ausblick84
Literatur86
Sozialpolitik im Schatten der Nationalen Frage: Das zyprische Wohlfahrtssystem89
1 Entwicklung des zyprischen Wohlfahrtssystems90
2 Status Quo94
3 Ausblick106
Literatur107
Nach der Reform ist vor der Reform: Das tschechische Wohlfahrtssystem109
1 Historische Entwicklung der Sozialpolitik in der Tschechischen Republik109
2 Politische Analyse des heutigen tschechischen Wohlfahrtssystems113
3 Die Zukunft des Sozialstaates in der Tschechischen Republik124
Literaturverzeichnis126
Konflikt, Verhandlung, Sozialer Friede: Das deutsche Wohlfahrtssystem127
1 Historischer Überblick127
2 Aktueller Stand – Analyse und Bewertung132
3 Bewertung142
Literatur147
Im Spannungsfeld von wirtschaftlichen Sachzwängen und öffentlichem Konservatismus: Das dänische Wohlfahrtssystem149
1 Ausgangspunkt der Analyse und politische Dimensionen150
2 Vom Rande des Abgrunds zum Wunder: Der dänische Wohlfahrtsstaat 2006160
3 Ausblick – Neue politische und institutionelle Dynamiken: Perspektiven für die Zukunft163
Literatur167
Work in Progress: Das spanische Wohlfahrtssystem169
1 Das spanische Wohlfahrtssystem in historischer Perspektive169
2 Das spanische Wohlfahrtssystem in der Übersicht171
3 Die Pfeiler des Wohlfahrtssystems – Der Status Quo172
4 Anmerkungen zur Zukunft des spanischen Wohlfahrtssystems183
Literatur184
Zwischen Marginalität und Universalismus: Das estnische Wohlfahrtssystem187
1 Politische Rahmenbedingungen188
2 Allgemeiner Überblick über das estnische Wohlfahrtssystem191
3 Effektivität und Effizienz des Wohlfahrtssystems201
4 Fazit203
Literatur205
Auf Kurs in Richtung liberal-residualer Wohlfahrtsstaat? Das französische Wohlfahrtssystem207
1 Soziale Sicherung in Frankreich: ein historischer Überblick208
2 Die wichtigsten Merkmale des französischen Wohlfahrtssystems212
3 Auf dem Weg zu einem hybriden System sozialer Sicherung227
Literatur237
Krisenbewältigung mit Langzeitfolgen? Der finnische Wohlfahrtsstaat239
1 Die Entwicklung des finnischen Wohlfahrtsstaates240
2 Status Quo245
3 Resümee258
4 Die Zukunft des finnischen Wohlfahrtsstaates259
Literatur261
Vermarktlichung zwischen Thatcher und New Labour: Das britische Wohlfahrtssystem263
1 Geschichte263
2 Status Quo – Analyse und Politikdimensionen267
3 Ausblick281
Literatur283
Verspätete Entwicklung der sozialen Sicherung: Das griechische Wohlfahrtssystem285
1 Historischer Überblick285