: Thomas Winter, Volker Mittendorf
: Thomas von Winter, Volker Mittendorf
: Perspektiven der politischen Soziologie im Wandel von Gesellschaft und Staatlichkeit Festschrift für Theo Schiller
: VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
: 9783531909080
: 1
: CHF 59.40
:
: Politikwissenschaft
: German
: 258
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF
Die beiden Bezugsgrößen der politischen Soziologie, die gesellschaftlichen Strukturen auf der einen Seite und das politische System mit den staatlichen Institutionen als Kern auf der anderen Seite, sind einem ständigen Wandel unterworfen. Die Beiträge dieses Bandes versuchen aus unterschiedlichen Perspektiven eine Antwort auf die Frage zu geben, wie sich diese Wandlungsprozesse auf die Politik im Wirkungskreislauf der Gesellschaft auswirken und insbesondere vor welche Herausforderungen sie die Demokratie stellen. Dabei geht es sowohl um die veränderten Rahmenbedingungen für die politischen Akteure und Institutionen als auch darum, wie die politischen Strukturen und Prozesse auf die Gesellschaft zurückwirken.

Prof. Dr. Thomas v. Winter ist Mitarbeiter der Verwaltung des Deutschen Bundestages (Sekretariat des Ausschusses für Gesundheit) und außerplanmäßiger Professor für Politikwissenschaft an der Universität Potsdam.
Volker Mittendorf ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle Bürgerbeteiligung und direkte Demokratie am Institut für Politikwissenschaft der Philipps-Universität Marburg.
3 Zum Wandel der Staatlichkeit (S. 10)

Im Wirkungskreislauf der Politik nimmt der Staat traditionell eine zentrale Position ein. So lange die formellen Entscheidungen in diesem Zentrum fallen, bildet der Staat selbstverständlich den Adressaten gesellschaftlicher Inputs sowie den Ausgangspunkt politischer Einwirkungen auf die Gesellschaft. Die Frage ist aber, inwieweit Veränderungen in den nationalen und internationalen politischen Entscheidungsprozessen und -strukturen zu einer Aushöhlung der Staatlichkeit im traditionellen Sinne geführt haben.

Unbestritten ist, dass der Nationalstaat seit langem schon kein Monopol mehr auf die verbindliche Entscheidung über die Verteilung gesellschaftlicher Werte besitzt, sondern sich Hoheitsrechte mit subnationalen, darunter auch nicht staatlichen, und supranationalen Akteuren teilt. Hauptkennzeichen dieser „neuen Architektur des Staates" (Grande 1993, S. 53) ist eine Ausdifferenzierung der Souveränität, durch die die territoriale Integrität und die nationale Identität der Politik tendenziell verloren gehen.

In den einzelnen Politikfeldern finden wir nun komplexe Akteurskonstellationen und vielfältige institutionelle Zuständigkeiten vor, in denen der Nationalstaat immer noch über eine Art von Vetoposition verfügt, aber eben alleine nicht mehr handlungs- oder zumindest nicht mehr entscheidungsfähig ist (Grande 1993, S. 52 f., 64 f.). Es liegt nahe, einem sich solchermaßen auch dem staatstheoretischen Zugriff immer mehr entziehenden Gebilde ironisch zu begegnen und es als leere Hülle zu begreifen, die „immer aufs Neue mit Inhalt gefüllt werden muss".

Jedenfalls ist dieser Art von Staat mit überkommenen Vorstellungen von linearen Beziehungen zwischen Volk und Regierung, Volkswillen und politischen Entscheidungen kaum mehr beizukommen (Noetzel in diesem Band). Die variabel gewordene „Geometrie" des Staates (Grande 1993, S. 67) verlangt auch von den gesellschaftlichen Kräften, die auf Beteiligung an den politischen Entscheidungen dringen, eine Neuorientierung und ein hohes Maß an Flexibilität.

Mit steigender Komplexität der Politik ist der Staat immer stärker auf die Kooperationsbereitschaft der Normadressaten angewiesen, teils weil nur diese über die für die Umsetzung von Entscheidungen notwendigen Informationen verfügen, teils weil der Implementationserfolg stark von ihrer aktiven Mitwirkung abhängt (vgl. auch Voigt 1995, S. 23).

Die zunehmenden internationalen Verflechtungen und die wirtschaftliche Globalisierung haben zudem neue Steuerungsprobleme geschaffen, deren Lösung oft nur durch Einbindung der gesellschaftlichen Kräfte möglich erscheint (Benz 2001, S. 236-238). Die zunehmende Dichte von Verhandlungsprozessen im Rahmen von Politiknetzwerken, korporatistischen Arrangements, Kommissionen usw. ist Ausdruck einer Steuerungsform, bei der der Staat vornehmlich als Koordinator und Moderator auftritt, der die disparaten Einzelinteressen in gemeinwohlver- trägliche politische Entscheidungen zu transformieren versucht (Grande 1993, S. 51, Voigt 1995, S. 13).

Der häufig so genannte kooperative Staat kompensiert seine geringer gewordene Durchsetzungskraft, indem er den organisierten Interessen eine Mitsouveränität einräumt, die diese in die Lage versetzt, in den informellen politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen als Tauschpartner des Staates zu agieren (Voigt 1995, S. 67, Grande 1993, S. 51). Ob solche Arrangements aber ein Ausdruck der Machtlosigkeit des Staates und ob beide Seiten hier wirklich gleichberechtigt sind, wie dies in der Diskussion über den kooperativen Staat gelegentlich postuliert wurde (Voigt 1995, S. 34 f.), mag eher bezweifelt werden.

Bei aller Kooperationsbereitschaft besitzt der Staat nach wie vor die Option, die Rahmenbedingungen der Zusammenarbeit weitgehend selbst zu gestalten, d. h. Verhandlungsgremien auch wieder abzuschaffen oder ihre Zusammensetzung zu ändern, einzelne Interessengruppen rechtlich und materiell zu fördern sowie Verhandlungsblockaden mit der Drohung hierarchischer Steuerung aufzulösen.
Inhalt5
Einleitung7
1 Problemhorizonte der politischen Soziologie7
2 Zum Wandel der Gesellschaft8
3 Zum Wandel der Staatlichkeit10
4 Herausforderungen für die Demokratie13
5 Zu den einzelnen Beiträgen14
I. Theoretische Perspektiven auf Staatlichkeit und Interessenvermittlung24
Neue Staatlichkeit und Interessenvermittlung25
Die Ironie der Politik. Der postmoderne Staat zwischen Komödie und Tragödie39
1 Vokabulare der Staatlichkeit39
2 Ironie zwischen Tugenddiskurs, politischer Kategorie und sozialem Konstruktivismus40
3 Abschließende Bemerkungen über die Tragikkomödie politischer Steuerung des Staates heute45
Lobbying als politischer Tauschprozess49
1 Einleitung49
2 Bedingungen des politischen Tauschprozesses49
3 Konkurrenz und Kooperation auf dem Lobbyingmarkt54
4 Macht und Einfluss in lobbyistischen Tauschprozessen58
5 Fazit63
II. Demokratietheorie und demokratische Praxis69
Wer kann die Demokratie bewerten? – Reflexionen über das Verhältnis von politischer Wissenschaft und praktizierter Demokratie am Beispiel des Marburger Projekts „ Qualifizierung von Demokratie“71
Empirische Demokratietheorie87
1 Einleitung87
2 Entstehungsbedingungen moderner Demokratien88
3 Neuere Entwicklungen90
4 Ausdifferenzierung der Demokratieformen und weitere „Qualifizierung“92
5 Theorieansätze und Methoden95
6 Ausblick97
Kooperative Demokratie. Zum Qualifizierungspotential von Bürgerengagement103
1 Was heißt „kooperative Demokratie“?104
2 (Zivil-)Gesellschaftliche Grundlagen der kooperativen Demokratie108
3 Kooperative Demokratie in der kommunalen Praxis110
4 Qualifizierung der Demokratie durch Bürgerengagement?114
Demokratieexport. Von den Tücken eines Ordnungskonzepts für die Globalisierung121
1 Anfang einer Geschichte121
2 Universale Demokratie122
3 Demokratieexport in der Vergangenheit126
4 Stabilität und/oder Demokratie128
5 Ausblick133
III. Direkte Demokratie137
Die Rolle des „Volkes“ in Konzepten direkter Demokratie und plebiszitärer Herrschaft139
1 Demos und Plebs140
2 Unterschiedliche Rollen des Volkes141
3 Die Begrifflichkeiten in der politikwissenschaftlichen Literatur143