: Günther Albrecht, Stefanie Albus, Christoph Beckmann, Karin Bock, Karin Böllert, Petra Bollweg
: Bielefelder Arbeitsgruppe 8
: Soziale Arbeit in Gesellschaft
: VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
: 9783531909608
: 1
: CHF 37.50
:
: Sozialpädagogik, Soziale Arbeit
: German
: 437
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF
Die Bielefelder Arbeitsgruppe 8 Sozialarbeit/Sozialpädagogik hat in den letzten vier Dekaden deutliche Markierungen in der deutschsprachigen wie der internationalen Debatte um Soziale Arbeit gesetzt. Antriebsmotor dieser Entwicklung war und ist Hans-Uwe Otto. In diesem Band haben sich dessen Ko-Autorinnen und -Autoren aus Anlass seiner Pensionierung erstmals zu einer Gesamtschau dieser 'Bielefelder Forschungsperspektiven' auf die Soziale Arbeit versammelt.
Die acht zentralen Forschungs- und Themenfelder, die von der Bielefelder AG oder unter ihrer Beteiligung in den letzten Jahrzehnten bestellt wurden, gliedern den Band. Der gemeinsame Bezugspunkt aller hier versammelten Beiträge ist die Verbindung von Sozialer Arbeit und Gesellschaft: Soziale Arbeit als professionelle Instanz ist nur in ihrem gesellschaftlichen Kontext und damit in explizit gesellschaftspolitischer Positionierung realisierbar.

Bielefelder Arbeitsgruppe 8 'Sozialarbeit/Sozialpädagogik an der Fakultät für Pädagogik der Universität Bielefeld.
3. Wissenschaftstheorie und Empirie Wissenschaftstheorie und Empirie – ein Situationsbild: Reflexive Wissenschaftstheorie, kognitive Identität und Forschung (in) der Sozialpädagogik (S. 105-106)

Bernd Dewe

Einleitung

Wissenschaftstheorie und Empirie – ein Situationsbild Die wissenschaftstheoretische Rekonstruktion sozialpädagogischer Theorieüberlegungen verweist auf die besondere Bedeutung der Reflexivität in der Sozialpädagogik als struktur- und prozessreflexive Handlungswissenschaft. Sozialpädagogik kann von ihrer historischen Entwicklung her als professionalisierte Reflexionswissenschaft gedacht werden und zielt damit auf theoretische Ansätze zur Entwicklung eines angemessenen forschungsmethodischen Zugangsbedarfs, der die gesellschaftliche Realität der SA/SP in ihrer Komplexität und der das nutzerspezifische Potenzial in seiner Tiefendimension zu erschließen vermag.

Tatsächlich besteht ein hoher Bedarf an wissenschaftlich und empirisch fundierter Reflexionskompetenz in der sozialpädagogischen Theorie und Praxis. Hierzu sind theoretische Grundlagen eines reflexiven Verständnisses ebenso wichtig wie die Transformation wissenschaftlicher Reflexion in die berufliche Praxis. Reflexion wird evoziert in Organisationen Sozialer Arbeit, in wissenschaftlichen Evaluationen, in der beruflichen Supervision, bei der Hilfeplanung und in der Beratung. Dabei geht es zum einen um den Erwerb professioneller Reflexionskompetenz und zum anderen um die Anleitung zur Reflexion.

Die hier zu rekonstruierende und zu diskutierende wissenschaftstheoretische Position befasst sich mit der Entwicklung von Reflexionskompetenz, der Entstehung von Wirklichkeitskonstruktionen, der Transformation von Bedeutungsperspektiven, der Relationierung von Wissensformen und dem Erwerb von Könnensstrukturen und Fallbearbeitungskompetenzen. Ziel meiner Absichten ist eine Bündelung der sozialwissenschaftlichen Ansätze zur Reflexivität in der Sozialpädagogik unter Hinzuziehung der aktuellen Theorie-Debatten und Forschungsbeiträge. Ausgehend von der Fragestellung nach den Bedingungen, Grundlagen und Voraussetzungen eines wissenschaftlichen Verständnisses sozialpädagogischer Reflexion sollen die Antworten in den Praxisfeldern, der Theoriebildung, den sozialpädagogischen Institutionen, der Aus- und Weiterbildung und der Forschung gefunden werden.

1. Sozialpädagogische Wissensformen und Theorie/ Praxisrelationierungen

Mit der Rede von sozialpädagogischen Wissensformen und Theorie/Praxisrelationierungen wird prinzipiell die Frage nach der handlungsleitenden Funktion von pädagogischem Wissen wie umgekehrt auch die Frage nach seiner handlungsleitenden Organisierbarkeit aufgenommen. Es liegt mir fern, diese Problematik im Stil der üblichen, in der Sozialpädagogik so beliebten, Theorie-Praxis-Rhetorik zu bearbeiten. Vielmehr liegt mir daran, sie als theoretische Frage auszugeben, mithin als Frage nach den Orten und nach der Anordnung, in der die Organisation von Wissen und die von Handlungen sich aufeinander beziehen. Die gängige Theorie-Praxis-Rhetorik neigt dazu, die Anordnung der Orte vorab vorzunehmen, indem sie nämlich die Sprachspiele des theoretischen Wissens nur dann für bedeutsam hält, wenn sich in ihnen der Gang der Handlung spiegelt (vgl. Dewe 2007b).

Im Mainstream der Theorie-Praxis-Rhetorik, der für die meisten Sozialpädagogen/ Sozialarbeiter so selbstverständlich ist, dass sie ihr Berufsleben lang daran festhalten, sind gleichwohl starke und in keiner Weise selbstverständliche Hypothesen enthalten. Die Forschungen zu „Handlungsrezepten" und „Topoi" (vgl. Dewe 2007a) haben deutlich gemacht, dass die Vermittlungsproblematik in der handlungsgängigen Sprachspielgestaltung keineswegs aufgeht, sondern, dass im Gegenteil Schematismen und Zurechnungsmechanismen, deren Rekonstruktion ausgesprochen abstrakte Wissensbestände erkennen lässt, durch auslösende Ereignisse situativ in ausgesprochen handlungswirksame Orientierungsleistungen übergehen können.

Umgekehrt können Wissensbestände mit sehr konkretem Outfit, wie sie das Arsenal der humanistischen Psychologie und der sozialtherapeutischen Ansätze bereithält, sich ihrer Handlungswirksamkeit gegenüber als Abstraktion erweisen. Die generelle Frage reflexiver Sozialpädagogik ist, inwieweit das sozialpädagogische Wissen seine eigene Bedeutsamkeit überhaupt in der Hand hat. Wissenschaftliche Fundierungsbemühungen im sozialpädagogischen Diskurs greifen unter Missachtung dieser Fragestellung häufig zu kurz, weil sie die Komplexität ihres Gegenstandsbereiches verkennen und danach trachten, dort eindeutiges Wissen und Planbarkeit zu generieren, wo diese Ziele kaum erreichbar sind (Nörenberg 2007).
Inhalt5
Vorwort9
Soziale Arbeit in Gesellschaft. Eine Einleitung zur Werkschau11
1. Einstieg: Gute Praxis erfordert eine gute Theorie11
2. Die „Bielefelder Arbeitsgruppe 8“: Der kollegiale Zusammenhang in und über Bielefeld hinaus13
3. Soziale Arbeit in Gesellschaft – eine Werkschau16
4. Das analytische Dreieck mit (mindestens) fünf Ecken – zur Gliederung der „ Werkschau“17
5. Danksagung19
1. Gesellschaftliche Perspektiven22
Gesellschaftliche Perspektiven „ ein Überblick23
I23
II26
III31
IV32
Gerechtigkeit, globale Sozial- und Sozialisationsstaatlichkeit36
Soziale Arbeit im Dienste der Befähigungsgerechtigkeit42
1. Soziale Arbeit als normativ-politische Praxis42
2. Soziale Gerechtigkeit, Lebensqualität und das gute Leben43
3. Perspektiven einer Befähigungsgerechtigkeit45
4. Funktionen und Fähigkeiten, Handlungsfreiheit und Wohlergehen46
Community culture and social welfare48
1. The Arts in Cold War America48
2. The Rise of Community Arts49
3. Conservative Reaction51
4. Conclusion52
Soziale Prävention53
2. Disziplin und Disziplinpolitik60
Disziplin und Disziplinpolitik61
1. Akademisierung der Ausbildung im Kontext der Erziehungswissenschaft61
2. Professionalisierung der sozialpädagogischen Praxis64
3 Gesellschaftstheoretische und -politische Fundierung von Disziplin, Profession und Praxis66
Anwendungsbezogene Forschung68
1. Die Erforschung der sozialpädagogischen Praxis68
2. Sozialpädagogische Forschung in Bielefeld70
Hilfe oder Dienstleistung? Ein allgemeinpädagogischer Blick auf die Sozialpädagogik74
1. Einleitung74
Wissenschaftlicher Nachwuchs und Soziale Arbeit80
Sozialpädagogische Forschung und Forschungspolitik86
1. Sozialpädagogische Forschung in Bielefeld im Überblick87
2. Qualitative Merkmale der Bielefelder Forschung zur Sozialen Arbeit89
3. Erträge und Perspektiven90
Ausbildung für eine europäische Soziale Arbeit92
3. Wissenschaftstheorie und Empirie101
Wissenschaftstheorie und Empirie „ ein Situationsbild: Reflexive Wissenschaftstheorie, kognitive Identität und Forschung ( in) der Sozialpädagogik102
Einleitung102
1. Sozialpädagogische Wissensformen und Theorie/ Praxisrelationierungen103
2. Kognitive Identität und Qualität von Forschung107
3. Disziplin und Profession111
Empirische Forschung und Soziale Arbeit116
Sozialarbeitswissenschaft „ Vom Entschwinden eines Phantoms123
1. Ausgangslage123
2. Rekapitulation der Problemlage123
3. Anspruch und Wirklichkeit – Personales Zentrum124
4. Vom Verschwinden der Konturen zur Auflösung des Kerns126
5. Vom Entschwinden eines Phantoms: Trauerarbeit?129
Reflexive Sozialpädagogik: Professions- und/oder Wissenschaftspolitik?131
1. Reflexive Professionalität131
2. Kognitive Identität der Sozialpädagogik134
3. Bilanz136
4. Profession und Professionstheorie139
Die Durchsetzung der Profession als Selbstfindungsprojekt der Disziplin „ Hans- Uwe Otto und die Professionalisierungsdebatte in der Sozialen Arbeit140
Ungewissheit und pädagogische Professionalität155
1. Ungewissheit im Prozess der Modernisierung155
2. Ungewissheit und professionelles (pädagogisches) Handeln156
3. Ungewissheit im Professionsmodell pädagogischer Kommunikation158
Geliebt und nicht gewollt, bemängelt und nicht zu verwirklichen. Zur Professionalisierung der Sozialarbeit162
Profession auf dem Prüfstand170
I.170
II.171
III.172
IV.173
V.174
VI.176
Wider der Alltagsideologie der „hohen Ideale“ „ zur Idee einer „ realen Interessensolidarität“.* Professionalität und Politik bei Hans- Uwe Otto179
1. Von der „erfahrungsgestützten“, normativen zur „ evidenzbasierten“ sozialpädagogischen Praxis179
2. Die Professionellen der Sozialen Arbeit als die „designierten“ VertreterInnen sozialen Wandels183
5. Adressatinnen und Adressaten187
Vom Adressaten zum „Nutzer“ von Dienstleistungen188
1. Grundlegende Ideen188
2. Adressatenorientierte Forschung189
3. „Dienstleistung“ als Konzeption und Forschungsprogramm191
4. Von den Adressaten zu den Nutzern Sozialer Dienstleistung193
Qualität in der Sozialen Arbeit196
1. Einleitung196
2. Qualität: Zwischen Nutzerinteresse und Kostenkontrolle?197
3. Qualität als Verhandlung198
Die AdressatInnen sozialräumlich orientierter Sozialer Arbeit und der Sozialraum als Adressat