Von der Delegation zur Kooperation Bildung in Familie, Schule, Kinder- und Jugendhilfe
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Karin Böllert
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Karin Böllert
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Von der Delegation zur Kooperation Bildung in Familie, Schule, Kinder- und Jugendhilfe
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VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
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9783531908465
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1
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CHF 31.10
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Pädagogik
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German
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110
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PDF
Bildung ist der umfassende Prozess der Entwicklung und Entfaltung derjenigen Fähigkeiten, die Menschen in die Lage versetzen, zu lernen, Leistungspotenziale zu entwickeln, zu handeln, Probleme zu lösen und Beziehungen zu gestalten. Junge Menschen in diesem Sinne zu bilden, ist nicht allein Aufgabe der Schule. Gelingende Lebensführung und soziale Integration bauen ebenso auf Bildungsprozessen in Familien sowie der Kinder- und Jugendhilfe auf. In welcher Beziehung diese Bildungsinstitutionen zueinander stehen, wie sie auf der Basis eines umfassenden Bildungsverständnisses und je eigenständiger Bildungsaufträge kooperieren können, ist Thema der in diesem Band enthaltenen Beiträge.
Dr. Karin Böllert ist Professorin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Münster.
Bildung ist mehr als Schule – Zum kooperativen Bildungsauftrag von Familie, Schule, Kinder- und Jugendhilfe
(S. 7)
Karin Böllert
1. Einleitung
Ausgelöst durch internationale Vergleichsstudien und dabei insbesondere durch die Ergebnisse der PISA- und IGLU-Studien findet in Deutschland in den letzten Jahren eine intensiv geführte Bildungsdebatte statt, die ihren Ausdruck u.a. darin findet, dass verschiedene Gutachten und Stellungnahmen zu einer Reform des Bildungswesens veröffentlicht worden sind (vgl. Baumert 2001, Bos 2003, 2004).
Das, was diese Gutachten und Stellungnahmen eint, ist die Sorge um die Leistungsfähigkeit des Bildungsstandortes Deutschland - dem Land der Denker und Dichter scheinen die Voraussetzungen für eine zukunftsfähige Bildung abhanden gekommen zu sein. Die daraus gezogenen Schlussfolgerungen und Konsequenzen unterscheiden sich in ihrer Qualität und Reichweite allerdings enorm voneinander und sind außerdem in ihren Inhalten stark durch die jeweiligen Interessen der Autoren geprägt.
Von einem einheitlichen Bildungsverständnis kann dabei genauso wenig ausgegangen werden, wie von der Annahme, dass ein Einverständnis darüber herrschen würde, wer bildet, d.h. welche Bildungsinstitutionen und -einrichtungen in die Reformbestrebungen integriert werden müssten.
So hat die Kultusministerkonferenz (2003) einen Bildungsbericht für Deutschland vorgelegt, mit dem der Einstieg in eine kontinuierliche Bildungsberichterstattung erfolgen soll und erste Befunde zu den eingeleiteten Reformen der Länder im Schulbereich dokumentiert werden. Ziel ist die Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung des schulischen Bildungswesens.
2006 ist der erste nationale Bildungsbericht mit einer Analyse des Zusammenhangs von Bildung und Migration erschienen, womit sich dieser Bericht einer strukturell durch das Bildungssystem besonders benachteiligten Gruppe junger Menschen widmet. Für das Jahr 2008 ist einer zweiter Bericht geplant, der das Schwerpunktthema Übergänge Schule - Berufsausbildung - Hochschule - Arbeitsmarkt zum Inhalt haben soll.
„Bildung neu denken! heißt die Forderung der Bayerischen Wirtschaft (2003). Mit der vorgelegten Studie soll ein umfassender Weg der Umgestaltung des deutschen Bildungssystems aufgezeigt und eine offene und zielorientierte Diskussion über den Bildungsstandort Deutschland eingeleitet werden. Wer diesen Weg hin zu dem hier propagierten Zukunftsprojekt folgen will, muss die Rettung des deutschen Bildungswesens in erster Linie in seiner Ökonomisierung sehen können.
Ähnlich argumentiert schließlich auch der Chef von McKinsey in Deutschland Jürgen Kluge (2003), der ein Sanierungskonzept für die Bildungsmisere entwickelt hat, das ebenfalls von der Vorstellung geprägt ist, dass das Mittelmaß deutscher Bildungsinstitutionen wesentlich durch Wettbewerb und Privatisierung überwunden werden kann. Die Qualität von Bildung ist hier zentral verantwortlich für die Wirtschaftskraft des Landes und die Chancen, den wirtschaftlichen Aufschwung zu schaffen, Bildung ist in erster Linie ein volkswirtschaftlicher Faktor.
Der Sachverständigenrat der Hans-Böckler-Stiftung (2002) empfiehlt schließlich ein neues Leitbild für das Bildungssystem, in dem der Staat die Rahmenbedingungen dafür schafft, dass die Eigenverantwortlichkeit des Einzelnen gestärkt werden kann. Entscheidend ist dabei eine ganzheitliche Sicht, die alle Bildungseinrichtungen als Teile eines vielfältigen Bildungssystems versteht, die aufeinander bezogen und miteinander abgestimmt sind.
Ein ähnlich breites Bildungsverständnis, allerdings ohne die Berücksichtigung der Kinder- und Jugendhilfe, hat auch das Forum Bildung (2002) seinen Überlegungen und Empfehlungen zu Grunde gelegt.
Bei allen Unterschieden zwischen den Gutachten, Stellungnahmen und Reformvorschlägen kann die Ausgangslage übereinstimmend so beschrieben werden, dass das deutsche Bildungssystem nicht so bleiben kann, wie es ist. Übereinstimmung herrscht auch dahingehend, dass Bildung nicht erst in der Schule anfängt, sondern die Bildung in der frühen Kindheit zentrale Voraussetzungen dafür schafft, dass zu späteren Zeitpunkten im Lebenslauf erfolgreich an Bildungsprozessen teilgenommen werden kann.
Inhalt
5
Bildung ist mehr als Schule- Zum kooperativen Bildungsauftrag von Familie, Schule, Kinder- und Jugendhilfe
7
1. Einleitung
7
2. Für ein umfassendes Bildungsverständnis
9
3. Bildung hat viele Orte
13
4. Von der Delegation zur Kooperation
24
Familien und Bildung
33
1. Re-Familialisierung des Sozialen
33
2. Über Grenz-Bildungen
35
3. Bildungs-Dynamiken „jenseits von Stand und Klasse“
38
4. Bilden Eltern „richtig“?
40
4. (Neu)Justierungen des Familialen im Kontext ganztägiger Bildungssettings
42
Viel Selektion - wenig Leistung: Der PISA-Blick auf Erfolg und Scheitern in deutschen Schulen
47
1. Von Herbart bis heute: Homogenitäts-Sehnsucht und Selektionspraxis
48
2. Von der Versuchsschule bis zur 10. Klasse. Wer kommt durch?
49
3. Handlungsperspektiven
61
Bildung in der Kinder- und Jugendhilfe Reflexivität und Eigensinn in einem diffusen Feld – vorsichtige Hinweise auf verhüllte oder vergessene Zusammenhänge
67
1. Erinnerung - Vorbemerkung 1
69
2. Bildung im Zeitalter der Permanenz von Statuspassagen – Vorbemerkung 2
70
3. Bildung als Grundvokabel der Kinder- und Jugendhilfe
72
4. An „Bildung denken“ heißt “Bildung denken“ –
79
Tough enough to wear pink! Impulse der neuen Geschlechterdebatte in der Pädagogik
85
1. Gender aktuell: Die Jungskonferenz
85
2. Mädchenförderung – Jungenförderung: ein problematisches Konzept
86
3. Der erziehungsgeschichtliche Hintergrund
87
4. Potentiale monoedukativer Pädagogik
88
5. Monoedukative Praxis unter den Bedingungen der Koedukation
89
6. Monoedukation in der Theoriedebatte
91
7. Das Verhältnis zwischen Koedukation und Monoedukation neu denken
92
Identitätsentwicklung junger Menschen – Bildung als Selbstbildung
95
1. Bildung: die Tradition und die Modernisierung eines erziehungswissenschaftlichen Grundbegriffs
95
2. Das Ergebnis von Bildung ist Identität
96
3. Selbstsozialisation statt Sozialisation – Revision einer Perspektive
97
4. Identitätsforschung: Identität als Kernnarration
98
5. Bildung als Selbstbildung
99
6. Wiederkehr des Kompetenzbegriffes als Zielbegriff für Bildung
101
7. Selbstbildungskompetenz als Bestandteil von Selbstkompetenz
107
Autorinnen und Autoren
113