Das Publikum der Gesellschaft Inklusionsverhältnisse und Inklusionsprofile in Deutschland
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Nicole Burzan, Brigitta Lökenhoff, Uwe Schimank, Nadine M. Schöneck
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Das Publikum der Gesellschaft Inklusionsverhältnisse und Inklusionsprofile in Deutschland
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VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
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9783531909912
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1
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CHF 21.60
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Sonstiges
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German
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177
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DRM
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PDF
Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft hat die Soziologie von Anfang an beschäftigt. Dieses Buch bietet einen neuen theoretischen und empirischen Ansatz zur Erfassung dieses Verhältnisses. Im Mittelpunkt stehen dabei die Publikumsrollen der Individuen. Dieses ist etwa Patient im Gesundheitssystem, Angeklagter im Rechtssystem, Zeitungsleser im System der Massenmedien oder Wähler im politischen System. Diese Rollen stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit der Untersuchung: Wie stellen sie sich hinsichtlich des Vollzugs von Gesellschaft durch die Individuen und der gesellschaftlichen Prägung der Individuen dar? Anders formuliert, geht es um das Publikum der Gesellschaft.
Dr. Nicole Burzan ist Professorin für Soziologie an der Universität Dortmund.
Dr. Uwe Schimank ist Professor am Institut für Soziologie der Universität Bremen.
Brigitta Lökenhoff und Nadine M. Schöneck sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen im Lehrgebiet Soziologie II an der FernUniversität in Hagen.
4 Teilsystemische Inklusionsverhältnisse
(S. 63-64)
In diesem und dem folgenden Kapitel geht es um die Darstellung und Interpretation unserer empirischen Ergebnisse. Dabei widmen wir uns im vorliegenden Kapitel den Inklusionsverhältnissen, das Kapitel 5 geht dann anschließend auf die übergreifenden Inklusionsprofile der in Deutschland lebenden Erwachsenen ein. Eine vollständige Darlegung unserer empirischen Befunde über die Inklusionsverhältnisse würde erfordern, dass wir alle zwölf Teilsysteme im Hinblick auf die dort gegebenen Publikumsrollen eingehend betrachten müssten.
Das wäre auf der Grundlage unserer Befragung durchaus möglich, hätte aber den Umfang eines eigenen Buchs – insbesondere wenn man unsere Erkenntnisse beispielsweise über das Publikum der Massenmedien mit den zahlreichen aus anderen theoretischen Perspektiven heraus bereits vorliegenden Studien zur Mediennutzung abgleichen wollte. Wir können daher hier nur exemplarisch drei Inklusionsverhältnisse herausgreifen und etwas näher betrachten: zunächst die Konsumentenrolle als hochgradig obligatorische Inklusion ins Wirtschaftssystem, sodann am anderen Ende des Spektrums die Publikumsrollen des Sports und der Kunst als optionale Inklusionsverhältnisse. Diese beiden Inklusionsverhältnisse sind überdies so beschaffen, dass es neben der jeweiligen Rezipientenrolle auch sekundäre Leistungsrollen gibt. Abschließend wird ein vergleichender Aspekt der teilsystemischen Inklusionsverhältnisse betrachtet.
4.1 Beispiel: Konsum
Konsum ist die Publikumsseite des Wirtschaftssystems, die für dieses Teilsystem ausdifferenzierte Publikumsrolle ist die des Konsumenten. Diese Rolle wird immer dann eingenommen, wenn jemand Zahlungen für die Inanspruchnahme wirtschaftlicher Leistungen, also von Gütern und Dienstleistungen, tätigt. Operationalisiert wurde diese Rolle in unserem Fragebogen über verschiedene konsumbezogene Alltagsaktivitäten,34 die sich hinsichtlich der jeweiligen Konsumsi tuation sowie des persönlichen und zeitlichen Aufwands voneinander unterscheiden: unter anderem tagtägliches Einkaufen, „Shoppen", Einkaufen im Versand- und Internethandel.
Dabei interessiert uns die Konsumaktivität, nicht die Menge oder der Preis oder die Marke des Gekauften. Der Konsum hat im breiten Spektrum gesellschaftlicher Rolleneinbindungen eine besondere Bedeutung. Man kauft eben nicht bloß Zahnpasta oder Taxifahrten, sondern auch die Mitgliedschaft im Fitnessstudio oder die Eintrittskarte ins Museum. Viele Publikumsrollen in den unterschiedlichsten Teilsystemen sind strukturell gekoppelt mit der Konsumentenrolle.
Die Inklusion in den Sport oder in die Kunst, die über kommerzielle Anbieter abgewickelt wird, ist ebenso wirtschaftlich vermittelt – und insofern indirekte Inklusion in die Wirtschaft – wie diejenige Inklusion ins Bildungssystem, die über gewinnorientierte Anbieter von Fortbildungsveranstaltungen erfolgt. Allerdings geht es bei unseren Fragen zur Konsumentenrolle vorrangig um den Kauf von Waren und Dienstleistungen allgemein, weniger um ihre mögliche Verwendung im Rahmen einer Inklusion in andere Teilsysteme. Der Index der Inklusion über Konsum teilt die Intensität der gesellschaftlichen Einbindung als Konsument in die Ausprägungen schwach, mittelstark und stark ein. Die empirische Verteilung auf diese drei Ausprägungen der Inklusion stellt sich folgendermaßen dar.
Ein mit 71.5% sehr großer Anteil der Befragten befindet sich im mittleren Inklusionsbereich. Stark inkludiert sind immerhin 21.2% der Befragten, nur 7.3% sind schwach inkludiert. Letzteres zeigt, dass sich die Inklusion über die Konsumentenrolle hochgradig als Sachzwang vollzieht. Dass jemand Konsument ist, ist also obligatorisch statt optional – kaum jemand hat die Wahl, diese Rolle prinzipiell nicht einzunehmen. Z.B. weisen lediglich zwei von 2110 Personen beim Inklusionsindex des Teilsystems Konsum den Wert 0 auf, und nur 8.7% der Befragten geben an, an einem typischen Wochentag überhaupt keine Konsumaktivität auszuüben. Optional ist aber jenseits eines sachzwanghaft auferlegten Aktivitätsminimums, wie stark jemand als Konsument inkludiert ist. Ob jemand z.B. täglich „shoppen" geht, kann er – oder sie – in den allermeisten Fällen selbst bestimmen.
Inhalt
5
Einleitung
7
1 Gesellschaftstheoretische Perspektive
14
1.1 Funktional differenzierte Gesellschaft
15
1.2 Gesellschaftliche Inklusion der Person
22
2 Spezifikation des theoretischen Konzepts
28
2.1 Publikumsrollen
28
2.2 Facetten von Publikumsrollen
32
2.3 Determinanten von Inklusionsprofilen
43
3 Methodisches Vorgehen
50
3.1 Fragebogenkonstruktion
50
3.2 Die Stichprobe
55
3.3 Datenauswertung
56
4 Teilsystemische Inklusionsverhältnisse
62
4.1 Beispiel: Konsum
62
4.2 Beispiel: Sport
69
4.3 Beispiel: Kunst
83
4.4 Vergleichender Überblick
94
5 Inklusionsprofile
97
5.1 Zentrale, marginale und variable Teilsysteme im Inklusionsprofil
98
5.2 Die ungleichheitstheoretische Perspektive: Lagemerkmale als Determinanten von Inklusionsprofilen
103
5.3 Die differenzierungstheoretische Perspektive: zeitliche und sachliche Determinanten von Inklusionsprofilen
130
5.4 Die Individualisiertheit des Publikums
151
6 Ein Zwischenfazit
160
Literatur
166
Abbildungsverzeichnis
175
Tabellenverzeichnis
176