Bevölkerungswissenschaft im Werden Die geistigen Grundlagen der deutschen Bevölkerungssoziologie
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Patrick Henßler, Josef Schmid
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Bevölkerungswissenschaft im Werden Die geistigen Grundlagen der deutschen Bevölkerungssoziologie
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VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
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9783531902913
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1
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CHF 29.60
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Politikwissenschaft
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German
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300
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Wasserzeichen/DRM
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PC/MAC/eReader/Tablet
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PDF
Dieses Werk widmet sich der Deutung von Bevölkerung und Bevölkerungsbewegung, wie sie in der deutschen Sozialwissenschaft ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis nach Ende des Zweiten Weltkrieges vorgenommen wurde. Der Name 'Bevölkerungspolitik' löst in Wissenschaft und Öffentlichkeit noch immer Unbehagen aus, während der Bedeutungsgewinn der Bevölkerungsfragen in der Gegenwart unbestritten ist. Es ist daher dringlich, jene Wegstrecke geistesgeschichtlich zu durchforschen, die von epochalen Strukturen des Lebens und Sterbens bis zur Usurpation einer Bevölkerungswissenschaft zwecks 'Verbesserung des Volkskörpers' reicht. Einem schon stark erforschten biologisch-politischen Bevölkerungsbegriff, der letztlich zur willkürlichen Rassenidee verkam, steht ein historisch-soziologischer Bevölkerungsbegriff entgegen, der sich aus historischer Nationalökonomie und Kultursoziologie herleitet. Zentraler Gegenstand dieser Untersuchung ist seine Entstehungs- und Selbstbehauptungsgeschichte und schließlich die Rolle, die eine 'Bevölkerungssoziologie' bei der Neugründung des deutschen Sozialstaates nach 1945 einnehmen konnte.
Dr. phil., Diplom-Historiker Patrick Henßler war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Bevölkerungswissenschaft der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Er ist weiterhin mit Migration im Europa des 19. Jahrhunderts befasst.
Professor Dr. phil., Dr. rer. pol. habil. Josef Schmid war bis zu seiner Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls für Bevölkerungswissenschaft an der Otto-Friedrich- Universität Bamberg.
1 Der sozialwissenschaftliche Bevölkerungsbegriff: Grundlagen und Vorgeschichte
(S. 13)
Was eine historisch gerichtete Bevölkerungswissenschaft unter Bevölkerung versteht und welche Breite ihr Bevölkerungsbegriff erreicht, wird klar, wenn man ihn dem amtsstatistischen Verständnis von Bevölkerung gegenüberstellt. Die Anzahl von Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt auf einem exakt bezeichneten Gebiet ist einem Knochengerüst vergleichbar, das schon die Erscheinungsform wie Große, Ausdehnung und Verteilung vorgibt, die lebendigen Weichteile um dieses Gerüst herum, die eigentlichen Lebensformen aber nicht preisgibt.
Die Sozialwissenschaft schlüpft hier in die Rolle des Demiurgen, eines Schöpfers, der dem Lehm nun seine Seele einhaucht. Aus nüchternen und schier leblosen Bestandszahlen werden nun Lebens- und Sterbenszusammenhänge, Familiendasein, Generationenablöse, Wanderbewegungen und Flucht vor Hunger und Krieg. Der Blick in vergangene Epochen weckt eine geradezu archäologische Neugier, „wie es gewesen ist, wie gehandelt, gelitten und gedacht wurde, und nährt den Wunsch, den Gang der Menschheit oder eines Volkes - als Bevölkerung - nachzuzeichnen.
Aus der Bevölkerungsbewegung wird eine gesellschaftliche Dimension, eine Transversale, die nichts unberührt lässt und im Zusammenhang von Sozio-Ökonomie und Sozialgeschichte, von Geistes- und Theoriegeschichte ein bedeutendes Stück kultureller Evolution eines Raumes ergibt.
Inhaltsdefinition
Im amtsstatistischen Arbeitsfeld hat der Mensch Alter, Geschlecht, Wohnort, einen Stand bezüglich Verwandtschaft und Partnerschaft und darüber hinaus das vorzuweisen, was in der Mikrozensus-Befragung über ihn zu erfahren ist. Ein geschulter Blick wird daraus gewisse Lebensbilder destillieren können. Die inhaltliche Beschreibung von bevölkerungsstatistischem Zahlenwerk kommt einem sozialwissenschaftlichen Bevölkerungsdenken schon dankenswerterweise entgegen.
Bevölkerungswissenschaft hat wegen ihrer wechselnden Anlehnung an Disziplinen der Ökonomie, Soziologie, Sozialgeschichte, Biologie und Medizin und sogar Staats- und Rechtslehre sehr spät zu einer verbindlichen Definition gefunden. Während der Weltbevölkerungskonferenz in Belgrad 1965 haben die inzwischen verstorbenen, Frau Dr. Hildo Wander, Weltwirtschaftliches Institut in Kiel und Dr. Hermann Schubnell, Statistisches Bundesamt, eine Definition formuliert, nachdem der Mangel einer solchen schmerzlich aufgefallen war:
„Bevölkerungswissenschaft ist die Lehre vom Wesen, den Ursachen und den Wirkungen der Bevölkerungsvorgänge. Sie umfasst die Erforschung der Bevölkemngsprozesse und der aus ihnen resultierenden Bevölkerungsstrukturen in ihrer biologischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Verknüpfungen auf der Grundlage eigener Theorien, Methoden und statistischen Verfahren.
Zur Klärung des Faches trug ebenfalls Günter Ipsen bei. Er stellte es schon in einen soziologischen Zusammenhang und nannte die Unterdisziplinen: Bevölkerungsgeschichte, Bevölkerungstheorie und Bevölkerungspolitik. Da sich demographische Methodik und Bevölkerungsstatistik etabliert haben, werden sie unter Instrumentalistik als vierter Teilbereich einer Bevölkerungswissenschaft beigefügt. Jeder dieser Teilbereiche kann als Forschungsschwerpunkt gelten.
Unerlässlich ist die bevölkerungsstatistische Basis, die unumstößlich ist, aber zu ihrer wissenschaftlichen Interpretation einer Theorie bedarf. Theorien oder Theoriegebäude, Paradigmen sind so zu wählen, dass sie auf ein vorgegebenes Erklärungsziel hinführen.
Im Zentrum steht Theoriearbeit, die Schaffung und Ergänzung des verallgemeinerbaren Wissensbestandes. Der Forschungsgegenstand Bevölkerung ist stark in den Zeitablauf und seiner Wandlungskräfte eingebunden. Paradigmen und die mit ihrer Hilfe gefundenen Ergebnisse sind Weisheiten auf Widerruf. Aus der Definition geht hervor, dass Bevölkerung von den Verhaltenskomponenten der Geburten („generatives Verhalten), der Sterblichkeit und der Wanderungsvorgänge bewegt und in ihrer Große und inneren Zusammensetzung nach Alter und Geschlecht verändert wird. Ohne die Forschung zur jeweiligen Rolle der drei Bevölkerungsvorgänge ist eine Bevölkerungsbewegung nicht ausreichend analysiert.
Inhalt
5
Einleitung
7
1 Der sozialwissenschaftliche Bevölkerungsbegriff: Grundlagen und Vorgeschichte
13
2 Historismus und Sozialökonomik
33
2.1 Nationalökonomie ohne Nation: Die Themen der Älteren Historischen Schule
33
2.2 Kulturgeschichte als Pioniertat: Karl Lamprecht und seine „ Deutsche Geschichte
33
50
33
2.3 Vergesellschaftung und Populationsgesetz bei Karl Marx
61
2.4 Wirtschaft, Sozialkämpfe und Bevölkerungsbewegung im industriellen Wandlungsprozess
71
3 Kulturbewusstsein in den Sozialwissenschaften: Die neukantianische Wende um 1900
75
3.1 Wilhelm Dilthey - Erklären versus Verstehen
76
3.2 Wilhelm Windelband - Geisteswissenschaft versus Ereigniswissenschaft
81
3.3 Heinrich Rickert - Die Wirklichkeit der Wertbeziehungen
82
3.4 Max Weber - Die Radikalisierung der Wert- und Kulturfrage
88
4 Historismus, Fortschritt und Soziale Frage: Die Jüngere Historische Schule der Nationalökonomie
97
4.1 Gustav Schmoller und die Soziale Frage
97
4.2 „Bevökerungsverdichtung
97
104
97
4.3 Bevölkerungsentwicklung und die evolutionäre Gesellschaftskonzeption: Theorien der Wirtschaftsstufen
115
5 Von historischer Gegebenheit zur individuellen Option: Wege zur sozialwissenschaftlichen Bevölkerungslehre
133
5.1 Rückkehr des Individuums: die Österreichische Schule der Nationalökonomie ( Carl Menger gegen Gustav Schmoller)
133
5.2 Demographisches Verhalten im neuen Wohlstand nach 1900: die
133
5.2 Demographisches Verhalten im neuen Wohlstand nach 1900: die
133
137
133
5.3 Die Universität Kiel: ein Sammelpunkt für Wegbereiter ( Bernhard Harms, Ferdinand Tonnies, Rudolf Heberle, Gerhard Mackenroth)
147
6 Sozialwissenschaften zwischen 1933 und 1945 im Spiegel des akademischen Werdegangs von Gerhard Mackenroth
157
6.1 Studium, Praxis, akademische Anfänge
157
6.2 Universität Kiel und Reichsuniversität Straßburg
171
6.3 Zeitgeist und seine Anfechtungen: Eugenik und Rassenparadigma in den Wissenschaften vom Menschen
190
7 Soziale Marktwirtschaft und Soziale Sicherheit - Bevölkerungssoziologie nach 1945
219
7.1 Vorliegender Wissensstand
219
7.2 Gerhard Mackenroths „Bevökerungslehre
219
224
219
7.3 Bevölkerungssoziologie und „Generationenvertrag
219
244
219
7.4 Nachhall und Ausblick
267
Epilog
271
Literaturverzeichnis
273
Anhang: Bevölkerungswissenschaftliche Lehrtätigkeit von Gerhard Mackenroth
291
I. Von Sommersemester 1936 bis Sommersemester 1942
291
II. Bevölkerungssoziologisch einschlägige Lehrtätigkeit 1946-1951 Vorlesung SS 1946:
291
II. Bevölkerungssoziologisch einschlägige Lehrtätigkeit 1946-1951 Vorlesung SS 1946:
291
295
291
Anhang: Die Finanzierung der Altersbezüge
305