Reflexive Erziehungswissenschaft Forschungsperspektiven im Anschluss an Pierre Bourdieu
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Barbara Friebertshäuser, Markus Rieger-Ladich, Lothar Wigger
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Barbara Friebertshäuser, Markus Rieger-Ladich, Lothar Wigger
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Reflexive Erziehungswissenschaft Forschungsperspektiven im Anschluss an Pierre Bourdieu
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VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
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9783531902944
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1
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CHF 20.40
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Pädagogik
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German
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331
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Wasserzeichen/DRM
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PC/MAC/eReader/Tablet
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PDF
Die deutschsprachige Erziehungswissenschaft verdankt den Arbeiten des französischen Soziologen Pierre Bourdieu zahlreiche Impulse und wichtige Anregungen. Diesen Resonanzen spürt dieser Sammelband nach, indem er nicht nur eine erste Bilanzierung der erziehungswissenschaftlichen Bourdieu-Rezeption vornimmt, sondern auch Perspektiven einer künftigen reflexiven Erziehungswissenschaft vorstellt. Der Rückblick wird zu diesem Zweck mit einer Bestandsaufnahme gegenwärtiger und einem Ausblick auf neue, von den Studien Bourdieus inspirierte Forschungsprojekte kombiniert. Zugleich zeichnen sich auf diese Weise die Konturen einer wissenschaftlichen Praxis ab, deren Charakteristika die Kritik des begrifflichen Instrumentariums, die Befragung der theoretischen Grundannahmen und das Bemühen um Aufklärung des akademischen Unbewussten sind.
Dr. Barbara Friebertshäuser ist Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/M.
Dr. Markus Rieger-Ladich ist wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik des Instituts für Erziehungswissenschaft der Universität Bonn.
Dr. Lothar Wigger ist Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Dortmund.
Reflexive Erziehungswissenschaft: Stichworte zu einem Programm
(S. 9)
Markus Rieger-Ladich/Barbara Friebertshäuser/Lothar Wigger
Der Terminus „Reflexive Erziehungswissenschaft ist innerhalb des pädagogischen Diskurses keineswegs neu. Auch wenn er – zu Beginn der 1990er Jahre von Dieter Lenzen eingeführt – meist mit der Anmerkung versehen wurde, dass es sich hierbei um eine vorläufige, versuchsweise Etikettierung einer neuen Form erziehungswissenschaftlicher Theoriebildung handele, so prägte dieses Programm doch recht schnell ein durchaus erkennbares Profil aus.
Da die Beiträge, die in diesem Band versammelt sind, sich jedoch durchgängig einem anderen Begriff von Reflexivität verpflichtet wissen, sei an dieser Stelle die spezifische Differenz kurz markiert. Der Untertitel, welcher „Forschungsperspektiven im Anschluss an Pierre Bourdieu in Aussicht stellt, verweist bereits auf jenen Autor, der als Bezugsgröße der folgenden Texte gelten kann.
Bevor jedoch Bourdieus Konzept wissenschaftlicher Reflexivität vorgestellt, dessen Herausforderung für die deutschsprachige Erziehungswissenschaft skizziert und ein knapper Überblick über die einzelnen Beiträge gegeben wird, sei jenes Projekt umrissen, das in der letzten Dekade des 20. Jahrhunderts unter dem Titel „Reflexive Erziehungswissenschaft firmierte.
Als Lenzen in den frühen 1990er Jahren die Begriffe Reflexivität und Erziehungswissenschaft kombinierte, reagierte er damit auf einen eklatanten, fortschreitenden Legitimationsverlust der Wissenschaften: Nachdem die sog. „Meta- Erzählungen ihre Überzeugungskraft eingebüßt hatten (Lyotard), die „utopischen Energien gänzlich erschöpft schienen (Habermas) und die Wissenschaften selbst nun immer häufiger als Verursacher gesellschaftlicher Krisen identifiziert wurden (Beck), galt es, auf diese Situation nun auch innerhalb der Erziehungswissenschaft in angemessener Weise zu reagieren (vgl. Lenzen 1991).
Als Antwort auf die Grundlagenkrise insbesondere der Geistes- und Sozialwissenschaften entwarf Lenzen in einer Reihe von Vorträgen, Aufsätzen und einer Monographie die Konturen einer künftigen Erziehungswissenschaft, die er als „reflexiv kennzeichnete.
Charakteristisch für diese neue Form erziehungswissenschaftlicher Theoriebildung, die ihm nicht zuletzt deshalb als reflexiv galt, weil er sie als Reflexionsinstanz des pädagogischen Wissensbestandes konzipierte, ist nun der Versuch, die angedeuteten Diagnosen nicht länger zu ignorie- ren, zu verharmlosen oder gar zu verdrängen, sondern diese als Stimulanzien für die Entwicklung neuer Wissenstypen zu begreifen.
Im Rückgriff auf Habermas’ einflussreiche Unterscheidung dreier Erkenntnisinteressen (vgl. Habermas 1968) identifizierte Lenzen drei Dimensionen einer reflexiven Erziehungswissenschaft, die es durch die Entwicklung entsprechender Wissenstypen künftig auszuarbeiten gelte.
Die erste Herausforderung bestehe demnach in der Entwicklung eines „pädagogischen Risikowissens, das es – hierin durchaus der Technikfolgenabschätzung verwandt – erlaube, jene Risiken prognostizieren, abschätzen, kontrollieren und möglichst auch vermeiden zu können, die von pädagogischem und erziehungswissenschaftlichem Wissen selbst ausgelöst werden.
„Mythenwissen zu entwickeln – dies der zweite Wissenstyp –, erweise sich als zwingend notwendig, um über jene narrativ verfassten erziehungswissenschaftlichen Diskurse aufzuklären, welche die pädagogische Semantik fortwährend mit Metaphern und Mythen speisen.
Schließlich gelte es, hier lässt sich Lenzen sowohl von Platon als auch von Ernst von Glasersfeld inspirieren, ein „poietisches Wissen zu entwickeln, um das pädagogische Leitbild einer Teilhabe zu entwerfen, welches den Menschen nicht länger als jenes Wesen entwirft, das durch Erziehung erst zum Menschen wird, sondern als eines, das auf Begleitung, Teilhabe und die Ermöglichung von Zugängen angewiesen ist (vgl. Lenzen 1996).
Inhaltsverzeichnis
5
Reflexive Erziehungswissenschaft: Stichworte zu einem Programm
9
Literatur
17
Das Feld der Bildung in der Soziologie Pierre Bourdieus: Systematische Vorüberlegungen
21
1 Transdisziplinäre Epistemologie
21
2 Soziale Ungleichheit und symbolische Gewalt
24
3 Eigenlogik und relative Autonomie des Bildungssektors
27
4 Koalitionen zwischen Bildung, Ökonomie und Staat
31
5 Erkennen und anerkennen – Habitus und Bildung
33
6 Kritik der scholastischen Vernunft
35
Literatur
38
Der Störenfried. Warum Pädagogen Bourdieu nicht mögen
41
1 Faszination und Hoffnung
41
2 Wunsch und Wirklichkeit: Die Illusion der freien pädagogischen Vernunft
44
3 Körper und Geist: Die Illusion der geistigen Bildung
46
4 Lebenslauf oder Biographie: Die Illusion der Identität
48
5 Soziale Reproduktion und soziale Relationen: Die Illusion der Chancengleichheit
50
6 Die Bildungsinstitutionen: Die Illusion der pädagogischen Autonomie
52
7 Kulturelle Willkür, Symbolische Gewalt: Die Illusion der Aufklärung
54
8 Die doppelte Beleidigung – und eine Perspektive
55
Literatur
57
Dem familialen Habitus auf der Spur. Bildungsstrategien in Mehrgenerationenfamilien
59
1 Der Beitrag der Familie an der Reproduktion der sozialen Ordnung
62
2 Die Familie und die Funktionsweise des Feldes
65
3 Bildungsstrategien als Strategien des Habitus
68
4 Empirische Zugänglichkeit von Bildungsstrategien
71
5 Ausblick
77
Literatur
78
Habitus at Work. Sinnbildungsprozesse beim Betrachten von Fotografien
81
1 Der Habitus als „modus recipiendi“
83
2 Methodologische Konsequenzen
84
3 Anlage der Untersuchung
86
4 Inhaltliche Interpretation der Sinnbildungsprozesse
87
5 Strukturelle Interpretation
93
6 Situative und transsituative Sinnbezüge
95
Form des Lachens „Still Alive“ „flotte AH’s“ „Nadelstreifen“
96
Literatur
98
Habitus und Bildung. Einige Überlegungen zum Zusammenhang von Habitustransformationen und Bildungsprozessen
101
1 Über die Verwendung des Bildungsbegriffes in der Habitustheorie
104
2 Angepasstheit, Transformierbarkeit und Trägheit des Habitus
105
3 Bildungstheoretische Interpretationen von lebensgeschichtlichen Erzählungen aus dem „ Elend der Welt“
110
4 Soziologische Aufklärung und Bildung
115
Literatur
116
Lernen und seine Körper. Habitusformungen und - umformungen in Bildungspraktiken
119
1 Lernen, Praktiken, Bewegungen
121
2 Lernen, Bildung, Training
125
3 Schulische Lern- und Bildungspraktiken
128
4 Fazit und Ausblick: Schule als urbaner Raum
133
Literatur
138
Charakter, Habitus und Emotion oder die Möglichkeit von Erziehung? Zu einer Leerstelle im Werk Pierre Bourdieus
143
1 Vorbemerkung: Zur prognostischen Schwäche einer bedeutenden Theorie
143
2 Das Elend der Welt in Deutschland
144
3 Perspektiven der Veränderung: Wahrgenommene Entfremdung
147
4 Bourdieus Theorie der Gefühle als Ausdruck eigenen Ressentiments
149
5 Das fremde und das eigene Ressentiment
150
6 Soziologische Skizze der neuen „underclass“
152
7 Noch einmal: Sesam öffne dich
154
Literatur
155
Pierre Bourdieus Theorie des wissenschaftlichen Feldes: Ein Reflexionsangebot an die Erziehungswissenschaft
157
1 Inventur: Feld und Habitus, Position und Disposition
159
2 Perspektiven künftiger Studien zum Feld der Erziehungswissenschaft
162
3 Resümee
172
Literatur
173
Professionelles Handeln und die Autonomie des Feldes der Weiterbildung
177
1 Die Brechungskraft des Feldes und sein Joker – das Subjekt
177
2 Die Einheit des Feldes und seiner Theorie
180
3 Der Verlust der Bedeutsamkeit der Disziplin
184
4 Ein Feld von Praktiken
188