: Cornelis Bol
: Frühgriechische Bilder und die Entstehung der Klassik
: Herbert Utz Verlag
: 9783831604579
: 1
: CHF 38.10
:
: Geschichte
: German
: 543
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF
Die sogenannte Primitive Kunst übt eine eigenartige Faszination auf jeden aus, der sich einmal eingehender mit ihr beschäftigt. Ganze Künstlergenerationen haben sich mit ihr auseinandergesetzt und versucht, den besonderen Ausdruck dieser Bilder zu treffen. Eine schwer zu beschreibende Mischung aus dem Empfinden von Fremdheit und elementarem Verstehen führte angesichts dieser Bilder zu Verlusttheorien und der Sehnsucht nach dem »unverdorbenen Auge«. Auf der Basis neuerer theoretischer Ansätze, etwa der Kognitionswissenschaften, nähert sich der Archäologe Cornelis Bol frühen Darstellungsformen am Beispiel frühgriechischer Bilder.

Er erschließt sowohl unsere Affinität als auch unsere Distanz zu den frühen Darstellungsweisen, indem er sie anthropologisch verankert und mit den dem modernen Betrachter entgegenkommenden perspektivischen Bildsystemen durch eine kontinuierliche Entwicklung verbunden sein läßt. Ganz im Sinne der neuen Bildwissenschaften nimmt Bol die Bilder in ihrem Beitrag zu gesellschaftlichen Verhältnissen und kollektiven kognitiven Strukturen wahr und sieht sie nicht wie noch in der früheren »Geistesgeschichte« allein als Symptom des kognitiven Wandels an. Demnach durchlaufen Gesellschaften ebenso wie jeder einzelne Mensch eine kognitive Entwicklung, deren Ausgangslage und Richtung in einen anthropologischen Rahmen eingebunden ist. Bilder haben an diesem Prozeß einen entscheidenden Anteil. Die vorperspektivischen Bildsysteme stehen mit einer kognitiven Struktur in Verbindung, die bei jedem Einzelnen und jedem Kollektiv entweder etabliert ist oder einmal ausgebildet wurde. Daher die Anziehungskraft, die von solchen Bildern ausgeht. Die perspektivischen Bildsysteme gehen aus einer kollektiven kognitiven Aufbauleistung hervor, die Grundlage auch des modernen Wirklichkeitserlebens ist. Daher erscheinen sie uns schlichtweg realistischer.

Corneli Bol, geboren in Freiburg im Breisgau, absolvierte sowohl ein Studium der Wirtschaftswissenschaften als auch der klassischen Archäologie. Seine Dissertation zu dem Thema »Frühgriechische Bilder, Kognition und Wirklichkeit« ist die Grundlage für das vorliegende Buch und wurde 1998 von der Fakultät für Orientalistik und Alter-tumswissenschaften der Rupprecht-Karls-Universität Heidelberg angenommen. Im Anschluß an die Promotion bot sich ihm die Gelegenheit zum Kennenlernen vergleichbarer Forschungsansätze in Frankreich durch ein Postdoktorandenstipendium des DAAD. Nach dem anschließenden Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts und des Auswärtigen Amts nahm er eine Beschäftigung in der freien Wirtschaft auf. Gegenwärtig ist er assoziiertes Mitglied im Graduiertenkolleg »Bild, Körper, Medium« der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.
6) Die Erzählweise frühgriechischer Bilder (S. 352-353)

Wir werden uns in diesem Kapitel der Einbeziehung des erarbeiteten Entwurfs in die Überlegungen zur Erzählweise der Bilder (der Überführung der Ereignisfolge einer Erzählung in Bilder) widmen. Auch die Entwicklung der Erzählweise wirft Fragen auf, wie sie ähnlich bereits in den beiden vorangegangenen Kapiteln erörtert wurden. Die spätere „klassische" Erzählweise kommt unseren Vorstellungen von einer realistischen Bildkonzeption entgegen, während wir die frühe Darstellungsform für unwirklich befinden. Auch hier muß die Kernfrage wieder lauten: Ist es möglich, daß die frühen Bildkonzeptionen (aufgrund einer anderen Wahrnehmungsweise des Zeitgenossen) als realistische Repräsentationen angesehen wurden, oder handelt es sich hierbei um (was die Realitätsnähe anbelangt) inferiore Bildsysteme?

Wenn es sich um inferiore Bildsysteme handelt: Wie ist man überhaupt zu solch unrealistischen Bildlösungen gelangt, wenn doch jeder sehen konnte, daß sie unrealistisch sind? Und wenn es sich nicht um inferiore Systeme handelt: Wie ist dann die Entwicklung zu den klassischen Bildlösungen zu erklären? Eine kurze Durchsicht der Denkmäler wird uns im folgenden immer wieder als Folie dienen, vor der wir die Ergebnisse der Forschungsgeschichte (die zum Teil zu einer anderen Einordnung der Phänomene gelangt) kritisch hinterfragen werden. Grundsätzlich sehen wir im Übergang zur Klassik die Tendenz zur verstärkten zeitlichen Koordination der Bildelemente. Ferner läßt sich eine Abnahme der Drastik der Formulierungen beobachten, das archaische Bild fokussierte auf die wichtigsten Taten der Figuren.

Dagegen kann das klassische Bild den erschöpften Herakles zeigen (Abb. 56/S. 369 (nicht in der Leseprobe vorhanden) ), also einen Moment wiedergeben, der für den Verlauf des Abenteuers völlig irrelevant ist. Das frühgriechische Bild ist grundsätzlich in der Lage, alle wichtigen Ereignisse zusammenzustellen, die in einem bestimmten Kontext oder einer Erzählung stattfinden. Das geometrische Bild entzieht sich dem Verständnis des modernen Betrachters besonders weitgehend. Wenn etwa in einem Zweikampf sich die Gegner wechselseitig an den Helm greifen (Abb. 51/S. 359 (nicht in der Leseprobe vorhanden) ), dann ist damit das Ziel ihres Kampfes, der Sieg und der anschließende Raub der Waffen gemeint. Gewinnen können aber nicht Beide.

Die Darstellung zeigt mithin nicht eine tatsächlich stattfindende Handlung, sondern das Ziel der Aktion, ohne damit eine Aussage zu treffen, ob es auch wirklich erreicht wird. Dem geometrischen Betrachter ist dieses Ziel der Tätigkeit derart gegenwärtig, daß es in die Aktivität der Figuren eingehen kann. Ohne weiteres werden „rein" gedankliche Assoziationen in die Realität eingeschrieben. Damit zeigt sich bereits an dieser Stelle die paßgenaue Einfügung der Beobachtungen zur frühgriechischen Erzählweise in die Egozentrismuskonzeption Piagets, deren Kernelement die „Deformation der Wirklichkeit in Funktion … des eigenen Gesichtspunkts", also einer Verortung subjektiver Wahrnehmungen und Vorstellungen in der Außenwelt ist.

Um ein „gutes" Bild dieses Wirklichkeitserlebens zu erstellen, muß der Vasenmaler diese subjektiven Wahrnehmungen ebenfalls direkt in die Darstellung eintragen. Das archaische Bildsystem ermöglicht wie das geometrische die Kombination ungleichzeitiger Ereignisse in einem Bild (bezieht sich dabei aber auf spezifische, schriftlich oder mündlich tradierte Erzählungen). Auch hierin sehen wir die für die ontologische Wirklichkeitskonzeption typische Durchdringung der Wirklichkeitsorganisation des Bildsystems durch Strukturen, die der Kognition entspringen: Eine Ereignisfolge wird erst durch den Dichter und sein Publikum als Erzählung organisiert: Erst durch die Konzeption einer Ereignisfolge als in sich abgeschlossene Einheit erhält jedes Ereignis seine ihm zukommende Bedeutung.
Inhalt6
Vorwort10
1) Einleitung12
1.1) Die kognitive Entwicklung von Kollektiven12
1.2) Gang der Untersuchung18
1.2.1) Bilder, Kognition und Wirklichkeit – Eine Theorie des Stils18
1.2.2) Erklärungsmodelle zur Entstehung der Perspektive19
1.2.3) Die Entwicklung der Darstellungsweise frühgriechischer Bilder20
2) Form und Gehalt - Theoretische Vorbemerkungen21
2.1) Formimmanente Analyse, Stil und Gehalt in der archäologischen Diskussion28
2.2) Stil- und Geistesgeschichte34
2.2.1) Das Ausgangsproblem34
2.2.2) Abkoppelung von Form und Gehalt35
2.2.3) Das Problem der Anfänge36
2.2.4) Die Verquickung von Form und Gehalt38
2.3) Die Stilmodelle der zweiten Jahrhunderthälfte43
2.3.1) Das Ende der großen Konzepte43
2.3.2) Modi, Stilpluralismus und die Anpassung der Form an die Funktion46
2.3.3) Form und Funktion in der Archäologie49
2.4) Das semiotische Stilmodell53
2.4.1) Das linguistische Grundkonzept54
2.4.2) Ikonische Zeichen und kontinuierliche Korrelation59
2.4.3) Ikonische Zeichen, Ähnlichkeit und Wahrnehmung65
2.5) Bilder und Erkenntnistheorie71
2.5.1) Ausgangsüberlegungen71
2.5.2) Der Konstruktivismus in der Archäologie77
2.5.3) Der Konstruktivismus und das semiotische Grundmodell81
2.6) Zusammenfassung und Schlußbemerkungen90
3) Vorstelligkeit und die Entstehung der Perspektive95
3.1) Die Kernfragen95
3.2) Die mechanistische Konzeption103
3.3) Die Wahrnehmung und die Entstehung der Perspektive105
3.3.1) Vorstellung und Wahrnehmung105
3.3.2) Vom Haptischen zum Optischen110
3.4) Die geistesgeschichtliche Erklärung der Perspektive119
3.4.1) Schein und Wirklichkeit119
3.4.2) Die Perspektive als symbolische Form123
3.4.2.1) Perspektive und subjektiver Seheindruck123
3.4.2.2) Euklid, Aristoteles und die antike Perspektive131
3.4.2.3) Die Zentralperspektive und die Unendlichkeit133
3.4.2.4) Subjekt, Objekt und Perspektive134
3.4.2.5) Perspektive als Zeichen137
3.4.3) Die Perspektive und ihre Organisation der Wirklichkeit138
3.5) Perspektive, Wahrnehmungspsychologie und Konvention145
3.5.1) Die Perspektive als privilegierte Konvention146
3.5.2) Die Perspektive als reine Konvention157
3.5.3) Die anthropologische Verankerung alternativer Darstellungsweisen164
3.5.4) Der Einfluß der Darstellungsweisen auf die Wahrnehmung der Wirklichkeit169
3.5.5) Zusammenfassung175
3.6) Die anthropologische Verankerung der kognitiven Entwicklung176
3.6.1) Einleitung176
3.6.2) Kinderzeichnung, topologische Ordnung und frühgriechische Flächenbilder179
3.6.3) Die kognitive Entwicklung des Kindes nach J. Piaget und B. Inhelder192
3.6.3.1) Das Grundkonzept193
3.6.3.2) Egozentrismus194
3.6.3.3) Wahrnehmung und Vorstellung199
3.6.3.4) Der Drei-Berge-Versuch und die Entwicklung der Vorstellung202
3.6.3.5) Sprache und Bild208
3.6.3.6) Perspektive, Vorstellung und Performanz211
3.6.3.7) Andere Ansätze212
3.6.3.8) Zusammenfassung215
3.7) Die ethnologische Forschung und das Entwicklungskonzept von Piaget218
3.7.1) Piaget zur kulturvergleichenden Analyse kognitiver Entwicklungsstadien219
3.7.2) Kulturabhängige Faktoren der kognitiven Entwicklung des Einzelnen227
3.7.3) Der Motor für die kollektive Dezentrierung kognitiver Strukturen231
3.8) Die Forschung zum Mythos und der Rationalitätsgehalt der Weltbilder237
3.9) Zusammenfassung240
4) Die räumlicheWirklichkeitsorganisation im frühgriechischen Flächenbild244