Körper, Sexualität und Geschlecht Studien zur Adoleszenz junger Frauen
:
Karin Flaake
:
Körper, Sexualität und Geschlecht Studien zur Adoleszenz junger Frauen
:
Psychosozial-Verlag
:
9783898060936
:
1
:
CHF 22.10
:
:
Angewandte Psychologie
:
German
:
277
:
DRM
:
PC/MAC/eReader/Tablet
:
PDF
Die sich entwickelnde Körperlichkeit und Sexualität erschüttert nicht nur die jungen Frauen und Mädchen selbst, sondern auch die Erwachsenen ihrer Umgebung. Sie verändert die Beziehungen in der Familie und zu Gleichaltrigen. Das Erleben der Pubertät erweist sich dabei als sozial geprägt und gesellschaftlich vermittelt. Es ist daher sinnvoll genauer hinzuschauen, auf das was passiert, wenn junge Frauen ihre Pubertät durchleben. Und genau das tut Karin Flaake in ihrem vorliegenden Buch und eröffnet neue Einblicke in die Dimension des Prozesses weiblicher Pubertät.
Mutter-Tochter-Beziehung und die Sexualität der Tochter
(S. 155-156)
Mütter, Töchter, Sexualität und die Nähe des Zusammenlebens
Die ersten sexuellen Erfahrungen von Mädchen und jungen Frauen sind eingebunden in ein besonderes Spannungsverhältnis zur Mutter. Einerseits sind sie Ausdruck zunehmender Abgrenzungs- und Trennungsprozesse, andererseits sind weiterhin innere Bindungen an die Mutter vorhanden, durch die ihre Reaktionen und Verhaltensweisen bedeutsam sind. Diese Spannung zwischen wachsender Unabhängigkeit und fortbestehender Verbundenheit wird deutlich in den Schilderungen derjenigen Mädchen und jungen Frauen, die – wie die meisten – betonen, der Mutter nichts von ihren sexuellen Erfahrungen zu erzählen, die aber dennoch auf eine wohlwollende, bestätigende und bei Bedarf unterstützende Haltung der Mutter hoffen, zum Beispiel indem sie, wie Lisa Busch, mit ihr zur Gynäkologin gehen möchten, um sich die Pille verschreiben zu lassen, oder, wie Lena Lutz, gerne ihre Unterstützung hätten bei der Entscheidung, die Pille abzusetzen. Diese Wünsche an die Mutter können auch verstanden werden als Ausdruck von Bedürfnissen nach einer bestätigenden Rückversicherung auf dem Weg in unbekanntes Terrain, vielleicht auch nach einer beruhigenden Spiegelung des Neuen und Verunsichernden im eigenen Inneren, der Erregungen und des Geschehens im innergenitalen Raum.1 Vor diesem Hintergrund haben die Botschaften der Mütter über Sexualität eine große Bedeutung. Sie signalisieren auf dem Wege der Auseinandersetzung mit sexuellen Wünschen, Erregungen und körperlichen Potenzen mehr oder weniger Beruhigung und Unterstützung, mehr oder weniger die Erlaubnis für eine eigene Lust.
Die ersten sexuellen Beziehungen haben bei vielen ihren Ort auch im räumlichen Kontext der Familie und damit in unmittelbarer Nähe zu den Eltern. Nur wenige der jungen Frauen äußern darüber Unbehagen. Nur selten scheint es – wie für Lena Lutz – »nicht der richtige Ort dafür« zu sein. »Es ist eben nicht genügend Intimsphäre hier... und das bringt mich sofort aus der Stimmung«, faßt Lena ihre Bedenken zusammen. Sexuelle Erfahrungen erhalten durch ihre Ein bettung in den familialen Alltag den Charakter des Selbstverständlichen, der angstmindernd wirken kann, zugleich wird Sexualität damit aber auch in die Dynamik der Eltern-Kind-Beziehung eingebunden. Inzestuöse Phantasien können in eine als gefährlich erlebte Nähe zur Realität geraten, die sexuellen Erfahrungen in die Beziehung zu den Eltern eingebunden bleiben. Auf der Ebene der Phantasien gibt es dann keine »Intimsphäre«, das Bedrohliche der zugleich äußeren und inneren Nähe zu den Eltern »bringt... aus der Stimmung«.
Auch für Mütter ist die Nähe zu den sexuellen Erfahrungen der Tochter nicht unproblematisch. In einigen Interviews wird deutlich, wie irritierend es für Mütter ist, mit der Sexualität ihrer Tochter direkt konfrontiert zu werden, wenn der Freund im Zimmer der Tochter übernachtet. So beschreibt Frau Duden ihre Verwirrung: »Da wollte sie gerne, daß ihr Freund bei uns schläft. Ja, dann fand’ ich das erst ganz komisch. Weil, wieso, wieso will der hier schlafen?... Wieso will der hier denn schlafen? Und dann da in deinem Zimmer?« Frau Duden beschreibt eine Situation, in der sie nicht begreifen will, daß Franka eine sexuelle Beziehung hat, daß sie mit ihrem Freund schläft. Das fand sie »erst ganz komisch«. Sie ist sich ihrer Grenzen in dieser Situation bewußt: »Da hab’ ich erst gedacht, stellst dich ja, einerseits stellst du dich ja ganz blöd an, aber andererseits konnt’ ich mir das auch –« Hier bricht Frau Duden ihre Darstellung ab, möglicherweise ließe sich ihre Äußerung ergänzen mit ›nicht vorstellen‹. Die Tochter nicht mehr als Kind, sondern Frau mit eigener Sexualität zu sehen bedeutet eine Erschütterung der bisherigen Beziehung zu ihr, verdeutlicht einen weiteren Schritt weg von der Kindposition und schafft für Mütter die Notwendigkeit von entsprechenden Neuorientierungen. Zugleich können auch hier inzestuöse Phantasien in eine als bedrohlich erlebte Nähe zur Realität geraten. Die – reale oder vermutete – sexuelle Erregung der Tochter kann die eigene sexuelle Erregung stimulieren, Generationengrenzen drohen aufzuweichen, inzestuöse Phantasien und die in einer realen Situation erlebte eigene Lust vermischen sich. Die damit verbundene innere Bedrohung kann Botschaften gegenüber der Tochter nahelegen, die – zum eigenen Schutz – eher lustbegrenzenden, verbietenden denn gewährenden, beruhigenden, unterstützenden Charakter haben. Gunter Schmidt (1986) vermutet einen Zusammenhang zwischen der großen emotionalen Nähe in Familien und den Tendenzen von Eltern, die Sexualität ihrer Kinder zu kontrollieren. »Vermutlich führt die hohe Intimität zwischen Eltern und Kindern zu einer erhöhten Inzestangst...
Inhaltsverzeichnis
6
Zur Studie
9
Danksagung
13
Die erste Menstruation
14
Erlebensweisen und Gefühle
14
Bedeutungsgehalte exemplarisch: Katrin Abel
15
Unterschiedliche Ausgestaltungen und Gewichtungen
23
Mütter, Töchter und Menstruation
29
Bedeutung der Menstruation in der Mutter-Tochter-Beziehung
29
Mütter, Töchter und Menstruation exemplarisch - Einzelstudien
30
Mütter, erste Menstruation und die Schwierigkeit, es anders zu machen als die eigene Mutter
54
Leibliche Bindungen zwischen Mutter und Tochter
60
Sexualität, Schuld und das Blut der Menstruation in der Mutter-Tochter-Beziehung: Slavenka Drakulic` Roman
60
Sexualität, Schuld und das Blut der Menstruation in der Mutter-Tochter-Beziehung: Slavenka Drakulic` Roman
60
66
60
Erotik und Sinnlichkeit zwischen Mutter und Tochter
68
Erste Menstruation, Mutter-Tochter-Beziehung und die Verkehrung von Erotik und Sinnlichkeit in Leiden: Audre Lordes Autobiographie
68
Erste Menstruation, Mutter-Tochter-Beziehung und die Verkehrung von Erotik und Sinnlichkeit in Leiden: Audre Lordes Autobiographie
68
73
68
Kulturelle Hygienegebote und Einschreibungen in den Körper
76
»Da war nur der unbewußte Drang, mich von ihr zu befreien« – Mütter, Töchter und die Unmöglichkeit einer schmerzlosen Trennung
80
Väter, Töchter und die erste Menstruation
86
Verunsicherungen, Trennungsschmerzen und Neuorientierungen
86
Sexuelle Wünsche, Phantasien und Ängste der Väter
91
Erste Menstruation – Beginn des Weges in ein eigenes Leben: Innere Prozesse und äußere Bedingungen
98<